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John Jammeh: Die Vorlage seines Lebens

Kreisklasse 3

John Jammeh aus Gambia verhilft dem TSV Roßtal in die Kreisliga. Im Moment des Triumphs vergisst er aber seine Freunde in Gambia nicht.

John Jammeh (im roten Trikot) war ein Glücksgriff für den TSV Roßtal. In dieser Szene im September 2019 geht er ins Sprintduell mit dem Großhabersdorfer Dennis Ünlü. 

 / © Foto: Daniel Marr/Zink

Im Heimatdorf von John Jammeh gibt es keinen Rasenplatz. Die Jungen in Lamen stecken auf einer Straße aus Sand zwei Tore ab und los geht es – jeden Tag, ohne Schuhe und Trikots, „aber mit Spaß“, wie Jammeh erzählt. Dass er heute, mit 22 Jahren, einem deutschen Journalisten davon erzählt, war nie der Plan gewesen. „Es war nie das Ziel, nach Europa zu gehen“, erzählt er in einem lustigen Kauderwelsch. Jeder Satz hat einen Grammatikfehler, manche Wörter verwendet er falsch, aber das Phänomen ist: Man kann sich die Sätze selbst vervollständigen und versteht genau, was er sagen möchte.

Und er möchte viel erzählen, denn er hat viel erlebt. Nicht immer nur schöne Dinge. Er erwähnt auch sie, wird dann aber einsilbig. „Mein Traum war, Fußballprofi zu werden“, sagt er. Um das zu verwirklichen, wanderte er nach Italien aus, doch dort „hatte ich eine schlechte Zeit“. Er sagt es so, dass man nicht nachhaken will.

Probetraining in Ansbach

Sein Bericht setzt erst in Deutschland wieder ein, in einer Flüchtlingsunterkunft in Neuendettelsau. „In der Diakonie haben die Flüchtlinge jeden Abend Fußball gespielt. Dabei hat mich ein Torwart von der Spielvereinigung Ansbach beobachtet und gefragt, ob ich mal zum Training kommen möchte.“ Darauf ist er nicht vorbereitet. Er ist 17 und fühlt sich nicht fit. Also bittet er um Vorbereitungszeit: „Ich hatte Angst, denn ich hatte ein Jahr nicht trainiert. Da habe ich gesagt: Gib mir einen Monat.“

Vier Wochen später, nach dem Probetraining, fällt der Satz, der alles ins Rollen bringt: „Wenn du willst, bist du einer von uns.“ Jammeh schießt acht Tore in zehn Partien in der A-Jugend-Landesliga, der BFV beruft ihn in die Bayernauswahl. Doch der hohe Trainingsaufwand passt nicht zu seinen Ambitionen, gut in der Schule zu sein. Er macht an der Berufsschule Ansbach eine Ausbildung zum Hauswirtschafter und kann damit zum Beispiel in einer Krankenhausküche arbeiten. Er lernt seine Freundin Carmen kennen und bekommt mit ihr zwei Kinder. Kicken wird zur Nebensache, doch nach eineinhalb Jahren beim 1. FC Heilsbronn in der Kreisklasse leckt er wieder Blut, „ich wollte höher spielen“.

Das kann er zwar beim SV Ornbau in der Bezirksliga, doch der Weg von seinem Wohnort Roßtal ist ihm nach einer halben Saison zu weit. Beim Joggen über die Roßtaler Sportmeile kommt er mit einem Funktionär ins Gespräch – und wechselt im Januar 2019 zum TSV. Ein Glücksgriff für beide Seiten. Nach zwei Toren in zehn Spielen in der Premierensaison wird er in der Spielzeit 19/21 zu einem der besten Vorlagengeber im Umkreis: In 17 Partien gelingen ihm vier Tore und satte 16 Mal legt er seinen Mitspielern eins auf. Sein Trainer Özcan Gündogan ist voll des Lobes für seinen rechten Flügelstürmer: „Er ist ein total mannschaftsdienlicher Spieler.“

Und das nicht nur für seine Mannschaft in Roßtal. Denn John Jammeh, mittlerweile kein Asylbewerber mehr, vergisst auch in diesen für ihn so glücklichen Monaten in Deutschland nicht, wo er herkommt. Alle drei Monate versucht er, Kartons zu packen für seine alten Mitspieler in Gambia. Dort, im Dorf Lamen unweit der Hauptstadt Banjul, bejubeln sie jedes Geschenk, das er ihnen macht. „Die Jungs dort haben keine Trikots, sie schreiben mit Kugelschreiber ihre Lieblingsnummer auf ein T-Shirt.“

Freude über alte Tuspo-Trikots

Als er mitbekommen hat, dass nach der Umbenennung des Vereins Tuspo in TSV Roßtal noch einige brauchbare Hemden mit der alten Aufschrift herumliegen und getragene, aber noch gute Fußballschuhe in Kisten lagern, bittet er darum, sie nach Gambia schicken zu dürfen. 50 Euro kostet das Porto pro Karton, viel Geld für einen Azubi, doch bei seinen alten Kumpels ist die Freude unbezahlbar. „Eigentlich wollte ich selbst nach Gambia fliegen und die Trikots verteilen. Aber dann kam Corona und ich musste hierbleiben.“

Also verteilt seine Mutter die Schuhe. Seine Botschaft: „Ich tue das nicht, weil ich hier Geld habe, sondern weil ich Danke sagen will an meine Jungs. Und die haben sich voll gefreut.“ Als Beweis schickt ihm sein Bruder Dankesschreiben und Fotos der Freunde. Während sie das Trikot des Tuspo Roßtal seither mit Stolz tragen, darf John Jammeh stolz sein auf das, was er für den TSV Roßtal und für Gambia leistet. Ein echter Vorlagengeber eben.

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