Kreuzfahrten 

Corona-Flaute: Am Nürnberger Hafen kehrt langsam wieder Leben ein - Kommt jetzt der Boom?

Hans Böller
Hans Böller

Redakteur der Nürnberger Nachrichten

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6.9.2021, 05:56 Uhr
Kreuzfahrt-Flair nachts am Hafen: Es war, bis Corona kam, eine Erfolgsgeschichte.

Kreuzfahrt-Flair nachts am Hafen: Es war, bis Corona kam, eine Erfolgsgeschichte. © Michael Matejka, NN

Immerhin zwei Schiffe liegen am Europakai vor Anker an diesem regnerischen Spätsommertag, nur noch acht Anlegestellen sind verwaist, sie gehören vier Enten und einem Blesshuhn. Im Frühjahr waren die Wasservögel hier, auf dem gegenüber des Güterhafens gelegenen Nürnberger Personenschifffahrtshafen, noch ganz unter sich, jetzt geben sie wieder Fotomotive ab für die Passagiere der schwimmenden Hotels.

Die "Emerald Destiny" fährt unter maltesischer Flagge und ist auf dem Weg von Amsterdam nach Budapest. Drei Matrosen polieren den Bug, der Steward, hörbar Österreicher, ist ausgesucht freundlich, an Bord, sagt er bedauernd, dürfe er Besucher aber leider nicht lassen – die Corona-Pandemie. Die Passagiere, Amerikaner und Kanadier, sind alle auf Landgang, sie besichtigen Nürnberg, eine, wie der Steward sagt, besonders beliebte deutsche Hafenstadt.

Ein überraschender Boom

Die Hafenstadt Nürnberg, das klingt noch immer etwas ungewöhnlich. Erst seit einem Vierteljahrhundert ist Nürnberg auch ein Kreuzfahrtziel; die wachsende Beliebtheit der Flusskreuzfahrten, die sogar die Branche selbst überraschte, sorgte für einen ungeahnten Boom.

"Nach vorne schauen": Michael Fraas. © Axel Eisele/Stadt Nürnberg

Als 1960 der Bau des ökonomisch und ökologisch stets umstrittenen Großprojekts Rhein-Main-Donau-Kanal begann, spielte die Passagierschifffahrt keine Rolle in den Plänen, schon deshalb nicht, weil es sie in der heutigen Form noch gar nicht gab. Kreuzfahrten führten über die Weltmeere, auf Flüssen und Kanälen tuckerten Ausflugsdampfer und Hausboote.

Auch der 1972 eröffnete Nürnberger Hafen war auf den Güterverkehr ausgelegt. Die damit verbundenen Hoffnungen erfüllten sich für die zu 80 Prozent vom Freistaat Bayern getragene Hafen-GmbH nur bedingt, aber seit den späten 1990er-Jahren kamen immer mehr Touristen.

Alles begann 1995, drei Jahre nach der Fertigstellung des letzten Teilstücks des Kanals, mit zwei Anlegestellen, für das Jahr 1996 sind 85 Anlegevorgänge notiert, die Schiffe brachten 10200 Passagiere in die Stadt. Fünf Jahre später waren es schon 300 Anlegevorgänge und 36000 Passagiere, bis 2006 erhöhten sich die Zahlen noch einmal um rund 50 Prozent.

Zehn Anlegestellen

Ab dem Jahr 2011 baute Nürnberg – den Personenschifffahrtshafen betreibt die Stadt - den Europakai mit einem Investitionsvolumen von 10,5 Millionen Euro aus, seit 2016 gibt es zehn Anlegestellen. Im selben Jahr war erstmals eine vierstellige Zahl erreicht: 1107 Anlegevorgänge – im Schnitt täglich drei Schiffe brachten rund 150000 Touristen nach Nürnberg, die viereinhalb Millionen Euro in der Stadt ließen. Im Schnitt 30 Euro, so lautet die Rechnung, gibt jeder Passagier beim Landgang aus,

Viele Gäste aus Übersee

Zusatzwertschöpfungen durch Dienstleister sind in diese Kalkulation noch nicht einberechnet. Mehr als jede zweite Kreuzfahrt beginnt oder endet in Nürnberg, davon profitieren Hotels und der Flughafen.

Stau an der Anlegestelle - ein Bild von 2019.

Stau an der Anlegestelle - ein Bild von 2019. © Stefan Hippel, NN

Die Gäste kamen auch aus Übersee, immer mehr von ihnen aus den USA, Kanada, Australien, China, 65 Reedereien aus aller Welt steuerten mit rund 130 Schiffen Nürnberg an. Nur extreme Hoch- oder Niedrigwasserjahre bedingten kleine Dellen in einer stabil positiven Statistik. 1061 Anlegen sollten es im Jahr 2020 werden. Es wurden: 62, so wenige wie nie zuvor - ein Minus von 93 Prozent gegenüber dem Vorjahr steht in der Bilanz. Die meisten Häfen traf es ähnlich hart, europaweit betrug das Minus fast 80 Prozent.

Ein "Annus horribilis"

Der Beginn der Corona-Pandemie war auch für die Kreuzfahrt-Branche ein Schock; 2020 gehe "als Annus horribilis", als schreckliches Jahr, in die Geschichte ein, bilanziert die IG River Cruise, die europäische Interessengemeinschaft der Branche.

Touristen aus Australien, Amerika und China zu erfassen, war leicht: Es waren exakt null Prozent, die sogenannten Quellmärkte waren über Nacht geschlossen. Zwischen dem Sommer und dem zweiten Lockdown kamen die wenigen Passagiere europaweit zu 78 Prozent aus Deutschland.

73 Schiffe, immerhin

Immerhin: Schlimmer kann es nicht mehr kommen, auch für Nürnberg nicht. Seit der Wiederaufnahme des Betriebs am 7. Juni haben 73 Schiffe angelegt, 297 sollen es zum Jahresende 2021 sein. Die zurückhaltend angelegte ursprüngliche Jahresplanung – kalkuliert hatte man noch mit 761 Anlegern – ist trotzdem längst Makulatur, Gäste aus Übersee fehlen weiterhin weitgehend.

"Der Fokus liegt auch bei uns noch auf Deutschland", sagt Marco von Dobschütz-Dietl, im städtischen Wirtschaftsreferat zuständiger Leiter für Internationale Beziehungen, "und länderübergreifende Kreuzfahrten bleiben wegen der unterschiedlichen Pandemie-Regelungen schwierig."

"Nach vorne schauen"

Wie es weitergeht, berät die Branche heute und morgen auf einer Corona-Sondertagung in Nürnberg, Gastgeber ist der städtische Wirtschaftsreferent Michael Fraas in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Deutschen Wasserstraßen- und Schifffahrtsvereins Rhein-Main-Donau, einer Eigenschaft, die er, wie er sagt, "mit großer Leidenschaft lebt". "Wir müssen wieder nach vorne schauen, bei potenziellen Reisenden Vertrauen zu schaffen", sagt Fraas, es gelte, ein internationales Signal zu senden: "Ihr könnt wiederkommen, wir tun alles für eure Sicherheit."

Die Stimmung ist vorsichtig positiv – aber alles bleibt abhängig vom Corona-Virus. "Alle hoffen auf die Weihnachtsmärkte", sagt Marco von Dobschütz-Dietl. Die Saison für Flusskreuzfahrten umfasst inzwischen fast zwölf Monate im Jahr, Weihnachts- und Silvesterfahrten sind beliebt, und Nürnberg hat mit dem Christkindlesmarkt eine besondere Attraktion.

Buchen kann man die Reise schon, am 5. Dezember will die "Emerald Destiny" wieder am Europakai anlegen. Der "Wonderful Christmas Market" soll ein Höhepunkt der Adventsfahrt werden - allerdings natürlich nur dann, wenn der dann auch stattfindet.

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