"Du kannst nicht verhandeln mit diesem Virus"

Corona: Was zwei Franken fordern, damit es nicht ewig so weitergeht

Max Söllner
Max Söllner

Volontär

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6.12.2021, 06:00 Uhr

"Schluss mit der Rumeierei" wurde im April auf einer No-Covid-Demo in Potsdam gefordert. Auch Thomas Pettinger und Dirk Paessler kritisieren fehlende Ziele. © imago images/Martin Müller

"Am Anfang stand die Wut", hieß es in einer Mitteilung zur Gründung der No-Covid-Initiative für die Metropolregion Nürnberg. Es war im April dieses Jahres, als die dritte Corona-Welle ihren Scheitelpunkt erreicht hatte - und nicht wenige Kommunen sich im Rahmen von "Modellprojekten" um rasche Öffnungen bemühten.

Von Anfang an beim regionalen No-Covid-Ableger dabei war der 46-jährige Thomas Pettinger aus Nürnberg. No Covid, das steht für eine sogenannte Niedriginzidenzstrategie, ausgearbeitet von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wie der Braunschweiger Virologin Melanie Brinkmann oder dem Berliner Physiker Dirk Brockmann. Das Ziel: Die Corona-Inzidenz auf nahezu Null absenken. Ist dieser Zustand einmal erreicht, würden bei Ausbrüchen schnelle und gezielte Maßnahmen auf lokaler Ebene ausreichen - ein flächendeckender Lockdown wäre nicht mehr nötig.

Thomas Pettinger.

Thomas Pettinger. © Privat

Doch dazu kam es nicht, No Covid wurde hier in der Region und bundesweit nie ausprobiert. Und dass, obwohl Pettinger und seine zeitweise rund 50 Mitstreiter aus Wirtschaft, Medizin und Kultur versuchten, Landräte und Oberbürgermeister zu überzeugen, und auch Ministerpräsident Markus Söder Sympathien erkennen ließ.

Früher Naturschutz, jetzt Corona

"Aha, der Papa ist jetzt ein Aktivist", habe Pettingers ältere Tochter einmal nach einem abendlichen Videocall für No Covid gemeint. "Mir ist es nicht ganz fremd, mich zu engagieren", sagt er selbst. Früher habe er sich beim Bund Naturschutz eingebracht - nun eben Corona. Über seinen Job im Bereich der künstlichen Intelligenz in der Radiologie sei er in die Thematik "reingerutscht". Seitdem versorgt er seine Follower auf Twitter mit Corona-Datenupdates, arbeitet an Konzepten etwa für effiziente Familienimpfstraßen mit und verbreitet Aufrufe, wie jüngst den offenen Brief an Olaf Scholz für eine rasche Notbremse, den rund 70.000 Menschen unterschrieben haben.

Einer der Erstunterzeichner war Dirk Paessler aus Fürth, der sich jedoch nicht als No-Covid-Aktivist versteht. Der Gründer und CEO eines Klima-Startups bezeichnet sich vielmehr als "mathematisch und naturwissenschaftlich interessierten Menschen", der von der Niedriginzidenzstrategie überzeugt ist. Schon mit 14 Jahren habe er begonnen, selbstgeschriebene Software zu verkaufen.

Dirk Paessler.

Dirk Paessler. © Klaus Gruber

Heute ist Paessler 53 Jahre alt - und investiert nach eigenen Angaben "zu viel Zeit" in seine Corona-Modelle, die er seit Beginn der Pandemie regelmäßig berechnet. Allein zur Vorbereitung darauf habe er hunderte Studien gelesen. "Zahlen sprechen mit mir", erklärt er seine Motivation, er modelliere "aus persönlichem Interesse".

Modelle sind keine Vorhersagen

Paessler betont, dass seine Modellrechnungen keine Vorhersagen sind. Bestenfalls kurzfristig, das heißt für die kommenden ein bis drei Wochen, können sie mit einer Fehlertoleranz von rund 30 Prozent etwas prognostizieren. Über längere Zeiträume hinweg seien die Modelle "nur" Szenarien, die sich miteinander vergleichen lassen - etwa, um Risiken wie besonders hohe Todeszahlen zu erkennen.

Was nicht ausschließt, dass sie Realität werden. Im Sommer ergaben Paesslers Berechnungen eine November-Inzidenz von rund 400. Angesichts der aktuellen Lage sagt er aber am Dienstag: "Um auszurechnen, dass unsere Intensivstationen in zehn bis zwölf Tagen an die Wand fahren, braucht man kein Modell mehr. Das Problem ist, dass Menschen sterben."

"Die Versorgungslage ist eine Katastrophe", sagt auch Pettinger. "Es ist grotesk, dass es in Ordnung ist, Krebsoperationen zu verschieben." Ihm zufolge sei die Politik viel zu sehr darum bemüht, Maßnahmen zu vermeiden, gegen die Querdenker demonstrieren könnten. Seine Meinung: "Das geht an der Lebensrealität der Menschen vorbei." Die vollen Krankenhäuser seien vermeidbar gewesen, "wir hätten nicht viel tun müssen, wir hätten es nur früher tun müssen."

Ausbruchskontrolle auf Jahre notwendig?

"Du kannst nicht verhandeln mit diesem Virus", sagt Paessler. Ähnliche wie bei der Klimakrise habe die Wissenschaft in Sachen Corona längst geliefert. Laut ihm kommt es nicht nur auf hohe Impfquoten, sondern auch auf schnelle Reaktionen im Sinne von No Covid an - und zwar weltweit koordiniert. Schließlich würden Impfungen zwar gut vor schweren Krankheitsverläufen schützen, jedoch nur mittelmäßig vor Ansteckungen. Zudem bestehe die Möglichkeit gefährlicher Mutationen. "Wenn wir also halbwegs in Ruhe weiterleben wollen, dann müssen wir noch auf Jahre Ausbruchskontrolle betreiben", so Paesslers Einschätzung.

Von der deutschen Pandemiepolitik verlangt er dementsprechend klare Zielsetzungen, zum Beispiel, dass die Reproduktionszahl, auch bekannt als R-Wert, nicht über eins steigen dürfe. Eine mit Corona infizierte Person würde dann maximal eine weitere anstecken. "Es darf nie wieder sein, dass wir drei Monate einem R-Wert von über eins zuschauen", sagt Paessler mit Blick auf die vierte Welle.

Ähnlich dazu fordert Pettinger eine "wissenschaftsnahe Pandemiepolitik", auch weil alles andere unsere Demokratie gefährde. "Mich wundert es immer wieder, dass wir für so etwas Selbstverständliches Aktivismus brauchen." Also weiterhin viel Wut? Tatsächlich beschreibt Pettinger seine Gefühlslage inzwischen anders: "Wut ist nur eine kurzfristige Emotion, man kann nicht über Monate wütend bleiben. Von daher würde ich eher sagen: Fassungslosigkeit."