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Die Chance gesellschaftlicher Entwicklung nutzen

Fragen zur Bewerbung Nürnbergs als Kulturhauptstadt - 09.09.2019 18:52 Uhr

Philip Zerweck, Mitglied in der Initiative „NUE2025“. © Foto: Andre de Geare


Was versprechen Sie sich von der Bewerbung Nürnbergs als Kulturhauptstadt 2025 - für die Stadt und für sich persönlich?

Kibbeln im Kopf! Aber noch mehr: Als mich eine Freundin vor drei Jahren gefragt hatte, warum ich mich ehrenamtlich für Nürnberg als Europäische Kulturhauptstadt engagiere, hatte ich geantwortet: Donald Trump und Brexit. Das sind die Anzeichen eines Kulturkampfes, der am Horizont dräut, und wir hatten verlernt, uns unserer Errungenschaften gewahr zu sein. Nürnberg hat als Stadt einer starken Bürgerkultur ein solch starkes Fundament einer gelernten und gelebten, offenen und pluralen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, dass wir das Europa zeigen müssen: So lebt man gerne in einem liberalen, diversen Bürgerprojekt, das Europa eben auch ist. Für mich persönlich wünsche ich mir eine deutlich gesteigerte Stellung der "Commercial Arts", also die Kunst kreativer Dienstleistungen (für die Nürnberg traditionell stand), in der deutschen Gesellschaft.

Fühlen Sie sich in den Bewerbungsprozess ausreichend einbezogen?

Beteiligung ist immer zweiseitig: es braucht auf der einen Seite die Bereitschaft, Beteiligung zuzulassen. Auf der anderen Seite braucht es aber auch jemanden, der sich beteiligen will. Also die Hol- und die Bringschuld ist da janusköpfig. Wir reden aber ja nicht von einem gesichtslosen Apparat auf der einen Seite und einer gesichtslosen Masse auf der anderen. Wir reden von einer Stadt, die von einem ehrenamtlichen Stadtrat geführt wird, und von Menschen, die du auf der Straße triffst. Wir von der Bürgerinitiative NUE2025 wollten uns einbringen und jedes Mal, wenn wir um ein Gespräch oder andere Formen gefragt hatten, nahm man unser Engagement ernst und wahr. Klar hat die Verwaltung manchmal Schwierigkeiten, weil sie in Denk- und Verhaltensmustern steckt, wie jede Organisation und jeder Mensch – am Ende auch unsere Bürgerinitiative. Aber das ganze Klima der Kulturhauptstadtbewerbung ist so kollaborativ und offen . . . Neulich stand ich vor dem Bewerbungsbüro mit einer Mitarbeiterin und ein wildfremder Mensch kam und fragte, wo er sich melden könne, er hätte eine grandiose Idee. Und nach ein paar Minuten war er mit Kontaktdaten und ersten Erläuterungen zufrieden gegangen. Ich weiß aus vielen Erfahrungen, dass er ernst genommen werden wird.

Haben Sie eigene Ideen, die Sie einbringen wollen?

Aus all den Ideen die bei uns, der Bürgerinitiative NUE2025, in den letzten dreieinhalb Jahren eintrudelten und rumgeisterten, haben wir ja ein Kondensat gemacht und als 20-Seiter veröffentlicht. (Nachzulesen im Internet unter: https: // nue2025.eu / forderungen/ ).
Die in meinen Augen wichtigste Idee ist der Ausbau der Hochschulbildung, die Schaffung einer vollständigen "University of Arts", so wie Essen das zu Ruhr2010 mit der Folkwang Universität der Künste gemacht hat. Die anderen vormaligen deutschen Kulturhauptstädte Berlin und Weimar hatten ja bereits entsprechende Hochschuleinrichtungen.
Da stehen wir meilenweit hinter einer Kulturmetropole von europäischem Rang zurück . . . und das bei einer Stadt, die im 17. Jahrhundert mit der ersten Kunstakademie auf deutschsprachigem Raum und im 19. Jahrhundert mit der von hier mit ausgehenden Gewerbemuseumsbewegung (Johann Caspar Beeg, Die Form, 1846) Avantgarde war.

Wie schätzen Sie Nürnbergs Chancen ein, tatsächlich Kulturhauptstadt zu werden?

75,32 Prozent. Nein, im Ernst: Nürnberg sollte auf alle Fälle in die nächste Runde auf die so genannte Shortlist kommen. Wir stellen als urbane Gesellschaft die richtigen Fragen und haben zudem bereits Antworten erarbeitet oder sind auf einem Lösungsweg, zum Beispiel bei Themen der kulturellen Vielfalt und des gelebten Zusammenhalts. Alle Mitbewerber auf der Shortlist – ich schätze es werden Zittau, Magdeburg und Nürnberg – haben aber gute Arbeit geleistet und dann zählt eben auch Glück.
Wer in der Zeit der Jury-Entscheidung im Herbst 2020 große Aufmerksamkeit erhält oder durch Zufall prototypisch für kulturell spannende Fragen steht, wie etwa Chemnitz letzten Herbst, der hat die Fortune. Gewonnen haben allerdings bereits sechs der acht Bewerber, nämlich jene, die den Bewerbungsprozess als Chance der gesellschaftlichen Entwicklung nutzen; und da ist Nürnberg ganz vorne dabei . . . und Kulturmetropole sind wir eh.

Was wünschen Sie sich als Kulturschaffender ganz allgemein von der Stadt?

Ich wünsche mir von "DER Stadt", dass sie sich selber als urbane, selbstbewusste Gesellschaft mit vielfältigen Identitäten auf diversen Ebenen versteht, die sich über vier Städte und deren Umland erstreckt. Von der Stadtverwaltung Nürnbergs wünsche ich mir mehr Mut, mehr Selbstbewusstsein und damit einen gelasseneren, weniger perfekten und weniger glatten Umgang. Vom Stadtrat Nürnbergs wünsche ich mir mehr Gestaltungswillen. Er ist die legitime Vertretung der Bürger und sagt an, wo es lang geht. Von den vier Kommunen Nürnberg, Fürth, Erlangen und Schwabach wünsche ich mir, dass sie trotz unterschiedlicher Größe und Selbstverständnisse zu einem gleichberechtigten und engen Miteinander finden. Unsere gemeinsame Metropole und deren Zukunft können die Vier nur gemeinsam meistern. 

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