Unterwegs im Sebalder Reichswald

Die Liebe zum Wald ist so groß wie noch nie in der Geschichte

Hans Böller
Hans Böller

Redakteur der Nürnberger Nachrichten

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13.9.2021, 19:02 Uhr
Idylle zwischen alten und jungen Bäumen: Das Gründlacher Moor im Sebalder Reichswald.

 

© Hans Böller Idylle zwischen alten und jungen Bäumen: Das Gründlacher Moor im Sebalder Reichswald.  

Die Furcht vor dem Förster", sagt Helmut Horneber, "muss den Wald schützen", so, erzählt er, hat er es noch als junger Referendar gelernt. Deshalb standen Forsthäuser immer am Rand der Gemeinden – die Förster wollten sehen, wer in den Wald geht. Und warum, oft waren die Absichten ja keine guten. Helmut Horneber lächelt. "Heute schützt die Liebe zum Wald den Wald", sagt er.


Von dieser Liebe kann Helmut Horneber, ein ausgesucht freundlicher, warmherziger Mann, erzählen, sie begleitet ihn ein Leben lang. Seine besondere Liebe gilt dem Sebalder Reichswald, dem nördlich der Pegnitz gelegenen Teil des Nürnberger Reichswalds, und wer heute hier unterwegs ist, zwischen Tennenlohe, dem Knoblauchsland, Kalchreuth, Ziegelstein, Erlenstegen und Buchenbühl, sieht glückliche Menschen, die sich zuwinken, weil sie etwas verbindet. Die Liebe zum Wald.

Hier malte Dürer


Helmut Horneber ist 94 Jahre alt. "Dass die Bevölkerung so an ihrem Wald hängt", sagt der ehemalige Leiter des Forstamts Erlangen, "das hat es in der ganzen Geschichte noch nie gegeben." Ihn freut das sehr. Ob es der gesündeste Wald seit Jahrhunderten ist? Ja, sagt Helmut Horneber, und seine Augen leuchten.


Wer heute durch diesen Wald radelt, kann sich Albrecht Dürer vorstellen, wie er hier sein Aquarell des Weißensees malt – zu einer Zeit, in der niemand darauf gekommen wäre, von der Liebe zum Wald oder gar vom Naturschutz zu reden. Aber es war immer ein Wald voller Leben – und voller Veränderung; die Hasensteinlinie, die längste Schneise, legten die mit Jagdrechten ausgestatteten Bayreuther Markgrafen schon im 18. Jahrhundert an, 1791 erlegten die Preußen hier den letzten Rothirsch.

Das Wirtshaus am Ohrwaschl


Zum alten Steinbruch Ohrwaschl gehörte bis 1912 ein beliebtes Wirtshaus, die Fundamente kann man noch erahnen. Zum "Asyl für die schlechtesten Elemente der Arbeiterschaft" geworden, wie das Forstamt festhielt, musste das Gasthaus schließen. Übrig geblieben ist der Bierkeller, ein schattiger Platz, der heute die Fantasie beflügelt. Es ist ein Lieblingsort von Helmut Horneber.


Auf der Wolfsfelder Wiese nahe Kalchreuth stand sogar ein Schloss – Mittelpunkt des im 14. Jahrhundert gegründeten Weilers Wolfsfelden, in dem sich im 16. Jahrhundert eine Wiedertäufer-Sekte niedergelassen hatte, später war es ein Bauerngut mit bis zu 80 Einwohnern.


"Der Ausschank von Branntwein erscheint als ein öffentliches Bedürfnis", begründete die Gemeinde Kalchreuth im Jahr 1873 ihre Genehmigung zur Eröffnung eines Wirtshauses, weil "viele Reisende namentlich in erhitztem Zustand vor dem Genuss von Bier gerne etwas Branntwein zu sich nehmen". Als sich auch hier Wilderer, Holzfrevler, Vogelfänger und Fallensteller trafen, ließ die Königliche Forstverwaltung im Jahr 1900 alles abreißen.

Die Räuber


Aber noch heute erinnern alte Flurdenkmäler aus Sandstein daran, wer nicht nur sprichwörtlich auch in diesem Wald lebte: die Räuber. Der berühmteste war Eppelein von Gailingen, der den Nürnbergern 1375 vom Galgen ging, als er mit seinem Pferd über die Burgmauer sprang. Der Fuhrmannstein erinnert an den 1584 überfallenen "Dicken Michel", einen Kaufmann; der Maulaufreißer steht für die 1547 bei einem Ritt nach Marloffstein von Söldnern des Kaisers Karl V. erschossenen Nürnberger Patriziersöhne Sebastian Schedel und Christoph Pfinzing.

Zwei Förster ließen im Wald ihr Leben, das Frauenkreuz erinnert an eine unglückliche Magd, die hier im 15. Jahrhundert erfror. Auf der Bank daneben trinken zwei Radler ein kleines Bier.


Hinter hohen Bäumen versteckt sich der Franz-Köhl-Turm, errichtet von der 1935 in den Forst eingezogenen Reichswehr. Von diesem Sandsteinturm aus überwachten die Militär-Strategen die Schießübungen am Gründlacher Berg. Später schoss hier, bis 1993, die US-Army – "Pulverfass im Wald" titelte 1979 der "Spiegel", als Gerüchte aufkamen, im Tennenloher Forst würden Nuklearwaffen gelagert.

"Geschossen wurde Tag und Nacht"


Ob es je so war, weiß man bis heute nicht. "Aber geschossen wurde ja Tag und Nacht", erinnert sich Helmut Horneber, der damals einen jungen Oberregierungsrat für die Idee gewann, den Wald zu einem Ort der aufkommenden Naturliebe zu machen: Dietmar Hahlweg, den angehenden Oberbürgermeister von Erlangen. Die Städte Nürnberg, Erlangen und Lauf, die Landkreise und 20 Gemeinden gründeten 1970 in der Schlossgaststätte in Kalchreuth den Verein Naherholungsgebiet Sebalder Reichswald – mit einem Erfolg, von dem sie kaum zu träumen gewagt hatten.


Heute dienen alte Bunker als Ziegenställe, auf dem ehemaligen Schießplatz weiden Urwildpferde. Binnendünen, Sandmagerrasen, Heiden, kleine Bäche, Biotope wie das Gründlacher Moor: "In jedem Winkel", sagt Helmut Horneber, kann man etwas entdecken."

Im Irrhain bei Kraftshof, den die heute noch aktive Dichter-Vereinigung des Pegnesischen Blumenordens im 17. Jahrhundert als Park anlegte, feierte die Liebe zum Wald sogar ein Hochzeitsfest: Helmut Hornebers Kollege Hubertus Hadwiger, Leiter des Forstreviers Neunhof, hat hier seine Frau Karin geheiratet.

Und ein schönes Wirtshaus gibt es immer noch, den schon 1865 erstmals erwähnten Felsenkeller der Familie Sußner unweit des geschleiften Weilers Wolfsfelden. Dass es ein öffentliches Bedürfnis erfüllt, sieht man erhitzten Wanderern und Radfahrern an.

Schweine und Rinder


Es war ein langer Weg zu diesem Idyll. Der Reichswald hat eine beeindruckende Geschichte, beinahe wundert man sich, dass es diesen Wald überhaupt noch gibt – schon im 14. Jahrhundert glaubten die Menschen, er hauche sein Leben aus. Der Wald lieferte Holz und Wildbienen-Honig, im Wald standen die Meiler der Köhler. Bauern trieben Schweine und Rinder hinein, in den Sandsteinbrüchen schlug man das Baumaterial für die wachsenden Städte.


Der Wald war so übernutzt, dass nur eine Revolution ihn retten konnte. Nachhaltigkeit ist ursprünglich ein Begriff aus der Forstwirtschaft und besagt, dass man dem Wald nicht mehr entnehmen darf, als nachwächst. Es war der Nürnberger Ratsherr Peter Stromer, der im Jahr 1368 Kiefern aussäen ließ, das markiert den Beginn der modernen Forstwirtschaft. Aus dem Reichswald wurde der erste Kulturwald der Welt – bloß seine Rettung bedeutete das nicht, die neue Monokultur erwies sich als nachhaltig schädlich.

Die Katastrophe von 1893/94

Von dessen "beklagenswertem Zustand" schrieben Chroniken, als das junge Königreich Bayern den Wald 1810 von der bankrotten ehemaligen Freien Reichsstadt Nürnberg übernahm. Aufforstungen erneut nur mit Kiefern und Fichten führten in die Katastrophe von 1893/94, als fast ein Drittel des Waldes dem Kiefernspanner zum Opfer fiel.


Reichswehr, Army, der Flughafen, Autobahnen und Neubaugebiete sorgten für Kahlschläge, nach dem Zweiten Weltkrieg sprach die Fachwelt vom gefährdetsten Waldgebiet Europas. "Ganz schlimm, fürchterlich", sagt Helmut Horneber, habe dieser Wald ausgesehen, als er ein junger Mann war, "wir waren verzweifelt." Der Wald sollte "kein Steckerleswald mehr sein, das war unser fester Wille", erzählt er.

Hubschrauber bringen Stickstoff

Es war ein Plan von enormer Weitsicht, aber wieder verdrängten die schnell wachsenden Kiefern die jungen Laubbäume, erst die Idee, die Setzlinge "unter das Dach der Kiefern zu pflanzen, damit sie in die Nadelbäume hineinwachsen", machte den Weg für die Laubbäume frei. Die über Jahrhunderte geplünderten Böden – der Waldhumus war beliebt in der Landwirtschaft – waren ausgelaugt. Auf der Wolfsfelder Wiese standen in den 1960er-Jahren sogar Hubschrauber, "so haben wir Stickstoff zur Düngung im Wald verstreut", erzählt Helmut Horneber.


Heute planen seine Nachfolger die Zukunft des Waldes, aus dem 1980 der erste Bannwald Bayerns wurde, im Wissen um den Klimawandel. Es geht um die Frage, wie der Mischwald, der dieser Wald vor 1000 Jahren war und der er gerade wieder wird, in 100 Jahren aussehen könnte, welche Baumarten es dafür braucht. Forstwirte müssen auch in großen Zeiträumen denken, aber Welt und Umwelt verändern sich zunehmend rasant. "Dass selbst Kiefern unter der Trockenheit leiden", sagt Helmut Horneber, "konnten wir uns früher überhaupt nicht vorstellen", der Klimawandel stand in seinen Jahren als Student und Referendar noch nicht in den Lehrplänen.

Ein Geschenk des Lebens


Helmut Horneber, der mit seiner Frau Inge in seiner Heimatstadt Erlangen lebt, war Konfirmand, als er, von der Großmutter, ein Buch über den Wald geschenkt bekam. Er las es mit Begeisterung. Heute, 80 Jahre später, empfindet er sein Leben mit dem Wald als ein Geschenk. "Das Naturempfinden hat sich in den Jahren nach dem Krieg enorm gewandelt, wir sind so glücklich über dieses Waldverständnis", sagt der alte Forstmeister. Ob all die Geschichten aus dem Sebalder Forst wahr sind? "Ein bisschen Märchen", sagt Helmut Horneber und lächelt, "gehört zum Wald."

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