Strategie gefordert

Die neue Lust am Gehen: So wird Nürnberg fußgängerfreundlich

Clara Grau
Clara Grau

Lokalredaktion Nürnberg

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19.9.2021, 05:55 Uhr
Hindernislauf an der Ludwigstraße: Unter anderem erschweren Kleiderständer das Durchkommen.

© Michael Matejka, NNZ Hindernislauf an der Ludwigstraße: Unter anderem erschweren Kleiderständer das Durchkommen.

Auf dem Weg zur Arbeit, in die Schule, zum Bäcker oder einem Termin: Etwa 23 Prozent aller Bürgerinnen und Bürger legen nach einer Befragung der Verkehrsaktiengesellschaft (VAG) aus dem Jahr 2019 ihre Wege im Stadtgebiet zu Fuß zurück. 30.000 bis 45.000 Fußgänger sind täglich allein auf den Hauptachsen der Fußgängerzone im Zentrum der Stadt unterwegs - das haben Zählungen des Verkehrsplanungsamts ergeben.

Angenehm oder gar anregend sind die Wege oft nicht: „Der Fußverkehr fristet leider bundesweit in der Stadt- und Verkehrsplanung, aber auch in der Forschung ein Nischendasein“, bedauert Kommunalpolitiker Thorsten Brehm.

Während der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und der Infrastruktur für Radfahrer an Fahrt aufgenommen habe, werde der Fußverkehr noch zu wenig bedacht, findet der Vorsitzende der SPD-Fraktion im Nürnberger Stadtrat und setzt sich für eine Fußverkehrsstrategie und eine „Stadt der kurzen Wege“ ein. Dabei müsse man herausarbeiten, was zu Fuß gehen attraktiv macht. Weiterhin sollten Laufverbindungen in größere Konzepte integriert und von allen beteiligten Akteuren mitbedacht werden, so Brehm. Immerhin: Im Mobilitätsbeschluss, den der Ferienausschuss des Stadtrats im Januar beschlossen hat, ist die Verbesserung des Fußgängerverkehrs benannt.


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Bei einem Spaziergang durch die Innenstadt zeigt Thorsten Brehm einige Beispiele mit erheblichem Verbesserungsbedarf. Los geht es an der Ludwigstraße, die vom Plärrer in die Fußgängerzone führt.

Hindernislauf zwischen Rollern und Kleiderständern

Hier erwartet die Testgeher ein regelrechter Hindernislauf: Ständer mit günstiger Kleidung stehen auf dem Gehweg, Mülltonnen und abgestellte Mietroller erschweren das Durchkommen. Bei Gegenverkehr heißt es für rücksichtsvolle Menschen: kurz stehenbleiben und warten. Immerhin: Werbeschilder, sogenannte Kundenstopper, sind mittlerweile in der Altstadt untersagt. Gegen wild geparkte Roller und Drahtesel kann die Verwaltung indes nicht durchgreifen. „Hier gibt es eine Regelungslücke“ sagt der SPD-Mann mit Blick auf die Gesetzgebung.

Eine echte Pflasterhölle: Der Richard-Wagner-Platz.

Eine echte Pflasterhölle: Der Richard-Wagner-Platz. © Michael Matejka, NNZ

Oftmals sind aber auch einfach die Gehwege viel zu schmal: „Als Standardbreite hat sich 1,5 Meter etabliert, nach Meinung von Expertinnen und Experten ist jedoch erst ab 2,5 Metern Breite eine ungehinderte Fußverkehrsbegegnung möglich“, sagt Brehm.

Vom Kornmarkt führt der Testlauf in Richtung Opernhaus und Südstadt. Es gibt zwei Optionen: Die Straße der Menschenrechte und die Grasersgasse. Die Wahl fällt bei den allermeisten Fußgängern klar aus: Sie nutzen die autofreie Straße der Menschenrechte.

Fußweg endet plötzlich

Und warum? „Für Fußgänger ist die Grasersgasse nicht einladend“, sagt der Kommunalpolitiker. Hier beanspruchen Autos, Lkw und Busse fast den gesamten Platz: mehrere Fahrspuren, Garagen- und Parkhauszufahrten und Parkplätze bestimmen das Bild. Der Gehweg auf der Westseite führt an milchig angelaufenen Scheiben des Germanischen Nationalmuseums vorbei und endet plötzlich an einer Baustelle. Auf der östlichen Straßenseite passiert der Weg zwar Geschäfte und ein Lokal, allerdings muss eine Parkhauseinfahrt und eine Straße gequert werden.


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„Psychologische Aspekte und die individuelle Wahrnehmung beeinflussen, wo wir gerne entlanglaufen und wie lange oder anstrengend wir eine Strecke empfinden“, erklärt Thorsten Brehm.

Steile Treppen, wie hier vom Karl-Pschigode-Platz zum Richard-Wagner-Platz, wirken auf Fußgänger abschreckend, findet Thorsten Brehm von der Nürnberger SPD.

Steile Treppen, wie hier vom Karl-Pschigode-Platz zum Richard-Wagner-Platz, wirken auf Fußgänger abschreckend, findet Thorsten Brehm von der Nürnberger SPD. © Michael Matejka, NNZ

Er verweist auf Arbeiten des renommierten Stadtplaners Jan Gehl. Der Däne ist für seine Konzepte für mehr Lebensqualität durch städtebauliche Infrastruktur bekannt und vertritt unter anderem die These, dass die günstigste Gesundheitspolitik jene ist, die Menschen in Bewegung bringt. Eine abwechslungsreiche Umgebung, etwa durch schöne Schaufenster, ein Kunstwerk oder eine Grünfläche in der Sichtachse machen Fußverbindungen attraktiver, so Gehls Argumentation.

Weißgerbergasse als positives Beispiel

Orte, an denen man gerne geht, gibt es durchaus in Nürnberg, findet Brehm. Er verweist auf die Weißgerbergasse: Dort schlendert man zwischen historischen Gebäuden, liebevoll gestalteten Schaufenstern und gastronomischen Betrieben entlang. Die Straße verläuft leicht geschwungen, und macht neugierig, was es hinter der Biegung zu entdecken gibt.

Viel Platz für Autos, aber kaum Raum für Fußgänger: Die Grasersgasse.

Viel Platz für Autos, aber kaum Raum für Fußgänger: Die Grasersgasse. © Michael Matejka, NNZ

Leider gibt es aber auch zahlreiche Straßen und Plätze, die nicht gerade menschenfreundlich gestaltet sind: Die Lessingstraße am Opernhaus verfügt zwar über ausreichend breite Gehwege. Dennoch wirkt die schnurgerade Straßenschlucht mit tristen, hohen Wänden eher bedrohlich. Das kurze Stück zwischen Frauentorgraben und DB-Museum wird zur „ermüdenden Distanz“, wie es Stadtplaner Gehl beschreiben würde.

Pflasterhölle Richard-Wagner-Platz

Ganz in der Nähe, zwischen Arbeitsagentur und Schauspielhaus, führt der Politiker zu einem weiteren Negativbeispiel: „Der Richard-Wagner-Platz lädt nicht zum Verweilen ein, er lädt nicht mal zum Drübergehen ein“, findet er. An eine Septembermittag knallt die Sonne auf die große gepflasterte Fläche, es ist heiß, die Fassade des Arbeitsamts wirkt abweisend. Erschlossen wird der Platz vom ebenfalls recht lieblos gestalteten Karl-Pschigode-Platz über eine steile Treppe.

Dieses Schild an der Regensburger Straße, auf Höhe der Bundesagentur für Arbeit, wird gerne ignoriert. Die Menschen wählen den kürzesten Weg und vermeiden Umwege. 

Dieses Schild an der Regensburger Straße, auf Höhe der Bundesagentur für Arbeit, wird gerne ignoriert. Die Menschen wählen den kürzesten Weg und vermeiden Umwege.  © Michael Matejka, NNZ

An anderen Orten im Stadtgebiet haben Fußgänger nur sehr wenig Raum, wie etwa an der Großgründlacher Hauptstraße. Oder sie wurden bislang gar nicht mitbedacht, zum Beispiel in einem Teil der Kraftshofer Hauptstraße, der später einmal zur Haltestelle „Buch Nord“ der Stadt -Umland-Bahn führen soll, kritisiert Brehm.

Umwege unbeliebt

Wenn Verbindungen nicht attraktiv oder mit größeren Umwegen verbunden sind, suchen sich die Menschen oft selbst ihren Weg: In Gleishammer nutzen Pendler, die mit der S-Bahn kommen, die schnellste Verbindung zur Bundesagentur für Arbeit – und die führt ungesichert über die vielbefahrene Regensburger Straße und die Straßenbahngleise. Das Hinweisschild „Fußgängerquerung 300 Meter“ ignoriert die Mehrheit, so die Beobachtung von Thorsten Brehm.

Es ist Zeit für ein Mobilitätsgesetz

Der Kommunalpolitiker glaubt, dass nicht nur vor Ort viel mehr für Fußgänger getan werden könnte. Auch den Bundesgesetzgeber sieht er in der Pflicht: Die bisherigen Straßenverkehrs-Regelungen haben seiner Ansicht nach viel zu sehr den Automobilverkehr im Blick. „Wir bräuchten ein Mobilitätsgesetz“, findet Brehm.

Weitere Beispiele gesucht

Wo hakt es im Fußgängerverkehr? Dieser Frage will die Lokalredaktion weiter nachgehen. Haben Sie Beispiele für Orte im Nürnberger Stadtgebiet, die für Menschen, die zu Fuß unterwegs sind besser gestaltet werden könnten? Dann schicken Sie uns ein Foto und eine kurze Beschreibung unter dem Stichwort „Fußgänger“ an lokales@pressenetz.de

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