Chronologie

Die Schwabacher Nacht der Bomben

Günther Wilhelm
Günther Wilhelm

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Schwere Zerstörungen in der Altstadt, wie hier in der Benkendorferstraße, brachte vor allem die dritte Welle, der Hauptangriff. Neben den Sprengbomben warfen die britischen Kampfflugzeuge auch viele Brandbomben. 

Schwere Zerstörungen in der Altstadt, wie hier in der Benkendorferstraße, brachte vor allem die dritte Welle, der Hauptangriff. Neben den Sprengbomben warfen die britischen Kampfflugzeuge auch viele Brandbomben.  © Archiv: Hans Schmitt, NN

Zu den wichtigsten Quellen für die Geschehnisse gehört die „Schwabacher Unterrichtshilfe“ Folge 85a aus dem Jahr 1967. Verfasst hat sie der Oberlehrer Christoph Haag. Sein Bericht gilt als besonders detailliert und verlässlich, weil Haag nicht nur Zeitzeuge, sondern Schwabachs „Luftschutz-Amtswalter“ war.

Auch für die aktuelle Foto- und Textdokumentation „Der Luftangriff auf Schwabach“ der beiden Heimatforscher Hans Schmitt und Ulrich Distler ist Haags Bericht eine wichtige Grundlage.

Bilanz

Nach ihren Recherchen sieht die Bilanz in Zahlen so aus: elf Tote und 95 Verletzte. 57 Gebäude wurden durch Explosionen und Brände völlig zerstört, rund 500 Menschen verloren ihre Wohnung.

Chronologie

Im evangelischen Pfarrhaus am Martin-Luther-Platz konnten die beiden kleinen Söhne des Pfarrersehepaars Siebenbürger nur noch tot aus den Trümmern geborgen werden. 

Im evangelischen Pfarrhaus am Martin-Luther-Platz konnten die beiden kleinen Söhne des Pfarrersehepaars Siebenbürger nur noch tot aus den Trümmern geborgen werden.  © Archiv: Hans Schmitt, NN

23.14 Uhr: Die Sirenen heulen, Fliegeralarm. Britische Verbände sind im Anflug Richtung Nürnberg. Die Schwabacherinnen und Schwabacher suchen Schutz in Luftschutzbunkern oder Kellern.

23.45 Uhr: Erste Aufklärungsflugzeuge zünden Leuchtbomben, die an Fallschirmen zu Boden fliegen. Es wird taghell. Als wahrscheinlich gilt, dass eigentlich das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg das Ziel ist. Doch die Piloten verwechseln die Autobahnausfahrt und fliegen nach Schwabach.

Die Luitpoldschule wurde von Brandbomben getroffen. Der Dachstuhl brannte nieder. Im Laufe des Jahres 1942 wurden alle Schäden beseitigt. 

Die Luitpoldschule wurde von Brandbomben getroffen. Der Dachstuhl brannte nieder. Im Laufe des Jahres 1942 wurden alle Schäden beseitigt.  © Archiv: Hans Schmitt, NN

0.08 Uhr: Die erste Angriffswelle mit vier Maschinen. In der Maisenlach fallen die ersten Sprengbomben.

0.14 Uhr: Die ersten Bomben schlagen im Stadtgebiet ein. Eine Scheune in der Seminarstraße fängt Feuer.

0.27 – 0.37 Uhr: Weitere vier Flugzeuge kommen in der zweiten Welle. Ihre Bomben treffen unter anderem die Rittersbacher und Südliche Ringstraße. Noch sind die Schäden relativ gering. Als die Piloten merken, dass es keine Flak-Abwehr gibt, gehen sie von 2000 auf bis zu 100 Meter herunter.

0.42 Uhr: Die dritte Welle ist der Hauptangriff. Etwa zwölf Flugzeuge werfen Sprengbomben und Stabbrandbomben mit Phosphor auf den Stadtkern. Königsplatz, Silbergasse, Hördlertorstraße, Benkendorferstraße, Talstraße, Reichswaisenhausstraße, Wittelsbacherstraße, Nördlinger Straße, Rittersbacher Straße, Südliche Mauerstraße, Martin-Luther-Platz, Friedrichstraße, Glockengießergasse, Münzgasse, Spitalberg mit der Spitalkirche: überall Zerstörung. 83 Gebäude stehen in Brand.

Es gibt die ersten Toten, darunter auch die drei und fünf Jahre alten Söhne des Pfarrersehepaars Siebenbürger.

Viele erleiden zudem vor allem furchtbare Phosphorbrandwunden.

Auf diesem Plan sind die beschädigten Schwabacher Häuser markiert.

Auf diesem Plan sind die beschädigten Schwabacher Häuser markiert. © Foto: Archiv Hans Schmitt

0.53 – 1.15 Uhr: Tief fliegende Flugzeuge schießen mit Maschinengewehren auf Brandhelfer, zum Glück über deren Köpfe hinweg. Tödlich getroffen aber wird ein Schwabacher am Steuer eines Fahrzeugs.

1.30 – 1.45 Uhr: Die vierte Welle. Der Bereich Bogenstraße wird zum zweiten Mal mit Brandbomben getroffen. Im Bereich Nördlinger und Wittelsbacherstraße werden weitere Menschen schwerst verletzt und getötet, darunter ein dreijähriges Mädchen.

2.09 Uhr: Nach rund zwei Stunden sind die Flieger verschwunden, der Luftschutz gibt Entwarnung.

Der Morgen danach: Die Brände sind gelöscht, am Vormittag gehen noch einige Zeitzünderbomen hoch, doch es gibt keine weiteren Opfer. Für die Wohnungslosen wird im Bärensaal eine Notunterkunft mit Strohsäcken eingerichtet. Viele kommen aber bei Familie, Freunden oder Nachbarn unter. Aus Nürnberg kommen viele „Katastrophentouristen“. Ob sie ahnen, was ihnen noch bevorsteht?

Wiederaufbau

Die Schäden in der Rechswaisenhausstraße 4-8

Die Schäden in der Rechswaisenhausstraße 4-8 © Foto: Archiv Hans Schmitt

1942 werden die Schäden beseitigt, viele zerstörte Häuser wieder errichtet, andere nicht. Als Ersatz entstehen an der Ecke Wittelsbacherstraße/Hindenburgstraße auf einer Wiese neue Wohnblöcke. Zu diesen Arbeiten werden auch „Fremdarbeiter“ und Kriegsgefangenen aus dem „Bahnhofslager“ herangezogen.

Weitere Luftangriffe

27./28. August 1943: Ein zweiter Luftangriff, diesmal der Amerikaner, zerstört weitere Häuser. Eine Brandbombe trifft die Kirche St. Sebald, kann aber schnell gelöscht werden. In der Dreieinigkeitskirche brennt dagegen die Kanzel ab.

9./16. und 19. April 1945: Bei weiteren Angriffen wird eine Ziegelei zerstört.

19. April 1945: Nicht zuletzt dank der Fürsprache zweier amerikanischer Offiziere, die in Kriegsgefangenschaft geraten waren, wird Schwabach verschont und nicht erneut bombardiert. Die Stadt wird kampflos übergeben, amerikanische Einheiten rücken ein. In Schwabach ist der Zweite Weltkrieg zu Ende.

„Der Luftangriff auf Schwabach“: Erhältlich ist die neue Text- und Fotodokumentation von Hans Schmitt und Ulrich Distler zum Preis von 15 Euro bei der Buchhandlung Kreutzer, im Modehaus Frenzel sowie in Unterreichenbach bei den Bäckereien Distler und Sproßmann. Mit über 260 Bildern und Plänen wird der Luftangriff auf 104 Seiten dargestellt.