Die Macht der Demoskopen

Die Umfrage-Demokratie: Gewinnt Scholz die Wahl?

23.9.2021, 14:01 Uhr
Hat sich um Umfragen wenig gekümmert: Kanzlerin Angela Merkel. 

Hat sich um Umfragen wenig gekümmert: Kanzlerin Angela Merkel.  © ODD ANDERSEN, AFP

In den letzten Wochen entstand der Eindruck, dass Demoskopen den Wahlkampf beherrschen. Kein Wunder, der plötzliche Abstieg von Armin Laschet in den Umfragen und der Aufstieg von Olaf Scholz, der schon abgeschlagen schien, sind beispiellos in der deutschen Politik in den vergangenen 30 Jahren. Angesichts der Tatsache, dass das Rennen um das Kanzleramt wieder offen war, kam richtig Spannung auf: Die Wählerinnen und Wähler wollten wissen, wer aktuell vorne liegt.

Ergebnisse im Stundentakt

Die Zahl der Umfragen nahm deshalb immer mehr zu. Erst wöchentlich, dann täglich und zum Schluss fast stündlich wurden Ergebnisse veröffentlicht: Bei den Triells versuchten die Fernsehsender, durch Umfragen vor und nach dem Disput, abzufragen, wie das Publikum die zwei Kanzlerkandidaten und der Kanzlerkandidatin einschätzt. Die Sender wollten Sieger und Verlierer ermitteln.


Was sind Überhangmandate?


Emotionen, Stimmungen und Persönliches kommen eben beim Zuschauer gut an. Politik wird so menschlich, aber es bleibt eine Inszenierung, die aus Schlaglichtern, Kinderfragen und Verkürzungen besteht. Dabei schaut das Publikum gebannt zu. So können Trends gemacht werden .Viel wichtiger wären aber die Inhalte und Ziele der Parteien, über die am Sonntag abgestimmt wird.

Nach den Umfragen hat Olaf Scholz die Wahl schon gewonnen.

Nach den Umfragen hat Olaf Scholz die Wahl schon gewonnen. © a-afp-20210923_121004-1.jpg, AFP

Neben den Fehlern von Laschet und von Annalena Baerbock verdankt Scholz seinen Aufstieg der eigenen Persönlichkeit und dass sich die Linken in der SPD zurückgehalten haben. Wenn jetzt SPD-Parteivize Kevin Kühnert, der entgegen seinem Temperament in den vergangenen Wochen sehr ruhig war, wenige Tage vor der Wahl tönt, dass eine Koalition mit dem "Luftikus", gemeint ist FDP-Chef Christian Lindner, nicht möglich sei, dann zeigt das, dass die Zurückhaltung der SPD nur bis zum Wahlabend gilt.

Ruhe bis zur Wahl

Danach wird es Scholz schwer haben, sich die vielen Wünsche und Vorgaben des linken Flügels der SPD zu erwehren. Ähnlich sieht es bei den Grünen aus. Eine neue Umfrage hat ergeben, dass die Mitglieder der Grünen mehrheitlich keine Koalition mit der FDP und auch nicht mit der Union eingehen wollen. Eine Regierung der Mitte mit den Grünen dürfte dann schwierig werden, wenn die Umfrage zutrifft. Es stimmen aber doch Wählerinnen und Wähler über die neue Bundesregierung ab und nicht nur Parteimitglieder!

Es gibt mehrere Möglichkeiten, welche politischen Farben in der neuen Regierung vertreten sind. Rot, Schwarz, Gelb oder Grün.

Es gibt mehrere Möglichkeiten, welche politischen Farben in der neuen Regierung vertreten sind. Rot, Schwarz, Gelb oder Grün. © Marijan Murat, dpa

Umfragen können komplexe Zusammenhänge in der Regel nicht abbilden. Wer am Sonntag wählt, der sollte sich klar machen, was er will und wer am besten seine Interessen sowie die des ganzen Landes vertritt. Er sollt sich von Trends und Umfragen, wer mit wem kann oder will, nicht beeinflussen lassen. Umfragen sind Momentaufnahmen und zeigen die Realität so, wie es die jeweilige Fragestellung zulässt. Zur Erinnerung: Den Wahlsieg von Donald Trump als amerikanischer Präsident und den Sieg der Brexit-Befürworter in Großbritannien haben nur ganz wenige Institute richtig vorhergesagt. Nichts Sicheres erfährt man durch Umfragen eben nicht

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