Marokko öffnet sich

Dieses verwunschene Land stillt endlich wieder orientalische Sehnsüchte

3.7.2021, 07:00 Uhr
Der Blick von der in den Berghang geschmiegten Terrasse des legendären

Der Blick von der in den Berghang geschmiegten Terrasse des legendären "Café Hafa" über die Straße von Gibraltar hinaus auf das nahe spanische Ufer ist traumhaft. © Georg Escher

In Tanger, der "weißen Stadt am blauen Meer" im Norden des Landes, ist das Flair immer noch zu spüren, das einst amerikanische Schriftsteller und Intellektuelle anzog, aber auch Schmuggler, Zuhälter und Sextouristen. Der Autor Paul Bowles, der sich in den 1930er Jahren in die Stadt verliebte und von 1947 an hier lebte, hat mit seinen Schriften die Grundlage für den Mythos gelegt.

Der Blick von der in den Berghang geschmiegten Terrasse des legendären Café Hafa über die Straße von Gibraltar hinaus auf das nahe spanische Ufer ist traumhaft. Wer sich hier niederlässt, um einen wunderbaren Minztee zu genießen, von dem fällt jede Hektik ab – auch ohne Marihuana.

Jack Kerouac, Truman Capote, Allen Ginsberg, sie alle haben hier gelebt. Die prächtige Villa, die sich die Woolworth-Erbin Barbara Hutton nach ihrer dritten Scheidung hier hat errichten lassen, ist heute noch eine Attraktion für Touristen. Sie alle waren fasziniert von der Weltoffenheit dieser internationalen Zone, die 1923 eingerichtet worden war. Bis 1956 verwalteten mehrere Mächte, darunter die Briten und Franzosen, gemeinsam dieses Territorium. Nun ist Tanger dabei, dieses internationale Flair wiederzubeleben.

Immense Summen für modernen Tourismus

In der Altstadt, der Medina, in dem verwinkelten Souk, kann man sich immer noch verlieren. Auch viele Einheimische genießen den herrlichen Blick aufs Meer, den man von einem Felsplateau aus hat, in das einst phönizische Gräber geschlagen wurden. Trotzdem war Marokko in den letzten Jahrzehnten etwas im Schlagschatten des internationalen Tourismus. Auch als Terroranschläge in Tunesien oder Ägypten viele Urlauber verunsicherten, konnte Marokko nicht wirklich profitieren. Doch das soll sich nun ändern.

Auch viele Einheimische genießen den herrlichen Blick aufs Meer, den man von einem Felsplateau aus hat, in das einst phönizische Gräber geschlagen wurden.

Auch viele Einheimische genießen den herrlichen Blick aufs Meer, den man von einem Felsplateau aus hat, in das einst phönizische Gräber geschlagen wurden. © Georg Escher

König Mohammed VI., der das Land in einer politisch schwierigen Balance zu halten versucht, hat immense Summen für die Modernisierung des Landes freigegeben. Quer durchs Land werden neue Straßen und Autobahnen gebaut. Es wurden Staudämme angelegt, zur Bewässerung wie für die Stromversorgung der lange vernachlässigten ländlichen Regionen; dort leben die meisten Berber, die fast die Hälfte der Bevölkerung ausmachen. Der Renault-Nissan-Konzern hat außerhalb von Tanger das größte Automobilwerk Afrikas hochgezogen. Die Stadt verfügt inzwischen auch über den größten Containerhafen im ganzen Mittelmeerraum. Um den Unmut der Fischer zu besänftigen, erhielten aber auch diese an einem neuen Ort einen neuen Hafen.

Jagger oder Taylor: Benannt nach Superstars

Auch in den Tourismus, der bisher ein Zehntel der Einnahmen des Landes generiert, wird massiv investiert. So ist 20 Kilometer südwestlich von Tanger an der Küste vor zwei Jahren mit dem Hilton Al Houara Resort & Spa ein Hotel entstanden, das zwei Golfplätze und eine Golfakademie bietet. Aber auch wer den Charme der Medina schätzt, wird fündig. Mitten in der Altstadt liegt "Saba's House", ein kleines Boutiquehotel – ebenfalls erst zwei Jahre alt und das erste in der Medina mit fünf Sternen. Das Hotel hat die Besitzerin, die ebenso weltläufige wie herzliche Tunesierin Roya Lamine, ganz nach ihrem Geschmack im Art-Deco-Stil eingerichtet. Alle Zimmer und Suiten sind nach einem der berühmten Besucher der Stadt benannt und entsprechend gestaltet: Den Mick Jagger Signature Room zieren die Noten von "Satisfaction" über dem Bett, die Liz Taylor Junior Suite wartet mit reichlich Gold-Deko und Leopardenbezügen auf. Und der Ausblick von der Dachterrasse ist großartig. Das Essen sowieso.

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Die "blaue Stadt" Chefchaouen im Rif-Gebirge, drei Stunden südlich von Tanger. © Georg Escher

Marokko hat natürlich noch viel mehr zu bieten als Tanger. Man muss dafür nicht bis in den Süden reisen zur Wüste oder ins Touristenmekka Marrakesch. Auch der Norden wartet mit wunderbaren Orten auf. Auf gar keinen Fall auslassen darf man dabei die "blaue Stadt" Chefchaouen im Rif-Gebirge, drei Stunden südlich von Tanger. In der Altstadt sind die Wände aller Häuser der einst für Nichtmuslime gesperrten Stadt mit blauer Farbe bemalt. Es ist schwer, sich diesem Reiz zu entziehen, auch wenn man die Stadt vielleicht nicht in der Hauptsaison besuchen sollte. Zu viele Touristen haben sie entdeckt, nicht zuletzt die Chinesen. Letztere sind hier nicht sonderlich beliebt, weil sie "nur Fotos machen, aber nichts kaufen", wie ein Händler klagt.

Der erste Schnellzug Afrikas

Seit zweieinhalb Jahren wartet Marokko mit einer weiteren Attraktion auf: Im November 2018 weihte der König gemeinsam mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron die erste TGV-Strecke in Afrika ein. Für die knapp 350 Kilometer lange Schiene zwischen Tanger und Casablanca braucht der "Al Boraq"-Schnellzug nur noch gut zwei Stunden – statt, wie bisher, fast fünf. Mit deutlich mehr als 300 km/h ist der Zug schneller unterwegs als die deutschen ICE.

Der Zielort Casablanca allerdings ist wenig zauberhaft. Außer der prachtvollen Hassan-II-Moschee, der drittgrößten der Welt, und einem Besuch in Rick's Café, benannt nach dem berühmten Hollywood-Klassiker "Casablanca" mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergman, gibt es in der Industriestadt nicht viel zu sehen. Der Film wurde allerdings, was viele nicht wissen, überhaupt nicht in Marokko gedreht, sondern großteils in den Warner Studios. Auch das Café wurde erst 2004 eröffnet, von einer US-Diplomatin, die aus Wut über den amerikanischen Irak-Einmarsch ihren Dienst quittierte und mit dem Lokal zeigen wollte, dass Amerikaner auch bessere Seiten haben können.

Unverdorbener Künstlerort bei Casablanca

Auch wenn Casablanca keinen längeren Aufenthalt nötig macht, in der Umgebung gibt es tolle Dinge zu sehen. Vom großen Tourismusgeschäft noch ziemlich unverdorben ist der Künstlerort Azemmour, 90 Kilometer südwestlich von Casablanca, eine der ältesten Städte Marokkos. Hierher zog und zieht es viele Künstler. In einer Kooperative werden zudem wunderbare Kleider, Möbelstücke, Tischdecken oder Teppiche gefertigt. Die Renovierung des Ortes hat zwar schon 1994 begonnen, ist aber erst seit kurzem ernsthaft in Gang gekommen. Hier entsteht ein Juwel.

Die ursprünglich von der Kolonialmacht Portugal als Militäranlage gegründete Kleinstadt El Jadida, die früher Mazagan hieß, ist bereits ein solches Schmuckstück – und trägt zu Recht den Titel Unesco-Weltkulturerbe. Die "Cîterne Portugaise" mit ihrem Kreuzgewölbe, ein ehemaliges Waffenlager, das später als Wasserspeicher genutzt wurde, ist ein magischer Ort. Es hat auch seinen Charme, den Bäcker zu besuchen, der einen Ofen in einem Teil der mächtigen Festungsanlage betreibt und dem die Anwohner ihre Brotteige zum Backen bringen. Wer dieses Brot probieren darf, möchte kaum noch anderes essen. Pfiffig ist auch ein anderer Ort: Im Gebäude einer ehemaligen spanischen Kirche residiert heute das Hotel L'Iglesia. Wirklich etwas Besonderes – wie so viele Orte in Marokko.

Mehr Informationen:
FTI Touristik
www.fti.de
die die Reise unterstützte.
Anreise:
Etwa sechs Stunden ab München mit dem Flieger bis Casablanca, dann mit dem TGV nach Tanger. Rückflug von Tanger aus über Madrid.
Günstig wohnen:
Hilton Al Houara Resort & Spa, südlich von Tanger
www.hiltonhotels.com/fr_FR/maroc/hilton-tangier-al-houara-resort-and-spa/
Luxuriös wohnen:
Saba's House in Tanger
https://www.sabashouse.com/en/your-riad/
Beste Reisezeit:
April bis Oktober

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