Nur noch ein Viertel der Bäume übrig

"Dramatische Situation": Immer mehr Streuobstwiesen verschwinden

3.1.2022, 05:55 Uhr
Wertvoller Lebensraum und Kulturgut: Doch die Streuobstwiese ist in ihrem Bestand bedroht – hier die Kirschblüte in der Fränkischen Schweiz.
 

Wertvoller Lebensraum und Kulturgut: Doch die Streuobstwiese ist in ihrem Bestand bedroht – hier die Kirschblüte in der Fränkischen Schweiz.   © Tourismuszentrale Fränkische Schweiz

Vereinzelnd stehen die Obstbäume in der Landschaft. Das gab ihnen den Namen Streuobstwiesen. Doch diese sind mittlerweile massiv bedroht. Die Zahl der Streuobstbäume ist massiv gesunken.

Gab es 1965 im Freistaat 20 Millionen, steht heute nur noch ein Viertel davon. Der Bund Naturschutz Bayern (BN) hat nun in Hersbruck (Kreis Nürnberger Land) den 300 Seiten starken Leitfaden "Ein Herz für Streuobstwiesen" vorgestellt.

Bau- und Gewerbegebiete bedeuten das Aus

Der Streuobstbau ist eine besondere Form des Obstanbaus. Das Obst wächst nicht auf niederstämmigen Plantageanlagen, sondern an hochstämmigen Bäumen, die "verstreut" in der Landschaft stehen. "Die Situation ist dramatisch", sagt der BN-Vorsitzende Richard Mergner. Vor allem wegen der ungebremsten Ausweisung neuer Bau- und Gewerbegebiete zählten Streuobstwiesen heute zu den am stärksten gefährdeten Biotoptypen, erklärt er.

Streuobstwiesen gelte es also zu schützen. Das sei "eine große generationenübergreifende Gemeinschaftsaufgabe", so Mergner. Weil dem BN die von der bayerischen Staatsregierung verabschiedete Streuobstverordnung nicht weit genug ging, reichte er zusammen mit dem Landesbund für Vogelschutz (LBV) Klage ein.

Ziel: eine Million neue Obstbäume

Die ruht derzeit, denn Mitte Oktober schlossen die bayerische Staatsregierung und acht Verbände, darunter der BN, einen Streuobstpakt. Der hat das Ziel, den Streuobstbestand zu erweitern – bis 2035 soll er um eine Million neuer Streuobstbäume wachsen.

Doch allein mit dem Pflanzen von Bäumen sei es nicht getan, betont Klaus Fackler vom Landschaftspflegeverband Mittelfranken. "Wir müssen das Thema in die Breite tragen und die Menschen mitnehmen." Das soll unter anderem mit dem Leitfaden erreicht werden.

Er liefert Hintergrundwissen, nennt Tipps und Tricks für Pflanzung und Pflege der Bäume, zählt Förderprogramme auf, enthält Rezepte, beschreibt allerhand mögliche Aktionsideen rund ums Streuobst und soll so Interessierten den Einstieg in das Thema erleichtern.

Eigener Saft aus der Hersbrucker Alb

Gerade in Zeiten des Klimawandels und Artensterbens brauche es jeden Baum und dafür brauche es viele Engagierte, sagt Helmut Schultheiß vom BN. Zu diesen zählen etwa die Mitglieder der Streuobstinitiative Hersbrucker Alb. Sie bewirtschaften insgesamt rund 40 Hektar an Streuobstwiesen und vermarkten mit "Pomme 200" auch eigene Säfte.

Nicht zuletzt sei aber auch der Verbraucher gefragt, ergänzt Richard Mergner. Denn der greife oft zum günstigen Saft aus dem Supermarkt, ohne zu wissen, woher das Obst dafür überhaupt stamme. "Was scheinbar billig ist, kommt uns letztendlich alle teuer zu stehen", mahnt er und prangert damit auch die fehlende Transparenz bei den Lieferketten an.


Der Aktionsleitfaden ist im Internet zu finden oder über die BUND Naturschutz Service GmbH in Lauf zu beziehen (Telefon 09123/99 95 720).

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