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Dreggsau, dreggerde! - Weihnachten mit Fitzgerald Kusz

Solide Unterhaltung des fränkischen Mundartdichters im Schauspielhaus - 15.11.2010 07:30 Uhr

Das Weinachtsdesaster "Lametta" von Fitzgerald Kusz. Von links im Bild: Heimo Essl, Marion Schweizer, Philipp Niedersen, Adeline Schebesch, Nicola Lembach, Maria Vogt. © Staatstheater Nürnberg


"Du Dreggsau, du dreggerde!“ Natascha, die zweifache Miss Franken, kann fluchen wie ein Kutscher. Und Ruth Macke, die diese robuste, aber auch hysterische Rolle übernommen hat, rollt recht überzeugend mit dem fränkischen „r“. Die anderen Darsteller haben mit dem Nürnberger Zungenschlag Schwierigkeiten. Zwei Monate trainierte „Dialektcoach“ Claudia Sendlinger die acht Schauspieler. Diese „Kunstanstrengung“, wie Schauspieldirektor Klaus Kusenberg es in einer Rede bei der Premierenfeier ausdrückte, ist nicht ganz geglückt. Das bestätigen Eingeborene.

Aber Fitzgerald Kusz, das lyrische und dramatische Sprachrohr Frankens, wollte mit seinem Stück „Lametta“ ohnehin mehr als einen Mundart-Schwank. Ihn drängte es offenbar, die heutige Lage der Familien und damit der Gesellschaft zu beschreiben. Patchwork heißt dieser Zustand, denn die Erscheinungen des modernen Lebens können wir nur noch auf Amerikanisch einordnen.

Kusz’ Patchwork-Sippe kommt also an Weihnachten zusammen, worauf das Familienfest par excellence in eine Katastrophe mündet. Solange Sparkassenfilialleiter Werner (angestrengt, aber polterkräftig: Heimo Essl) und seine neue Freundin Babs (nicht ganz die richtige Rolle für Nicola Lembach) noch alleine den Christbaum schmücken, herrscht halbwegs Friede. Aber mit jedem gebetenen oder ungebetenen Neuankömmling eskaliert das Debakel.

Dieses Männleinlaufen, bei dem sechs Patchworker in regelmäßigen Abständen, einer nach dem anderen, hereinschneien, wirkt dramaturgisch etwas schematisch. Doch es sorgt für sichere Lacher und gesteigerte Verwicklungen. Werners Sohn Sebastian (Philipp Niedersen) und Babs’ Tochter Nora (Maria Vogt) bleiben zwar etwas blass, aber die anderen ziehen mächtig vom Leder: Köstlich ist der trockene Humor von Oma, Werners Mutter, die Marion Schweizer geschickt zwischen Nörgelei und Selbstmitleid anlegt. Sie verspricht, die Familie könne sie nächste Weihnachten auf dem Südfriedhof besuchen.

Tragischer Trunkenbold

Weil Oma nur zur Feier kommen wollte, wenn Rosy da ist, hat Werner – zum Schrecken von Babs – auch seine Ex-Gattin eingeladen. Adeline Schebesch spielt sie bitter-zurückhaltend und zeigt eine leicht verhärmte Frau, deren Ausbruch aus der öden Ehe nur in Müdigkeit und neue Perspektivlosigkeit führt. Einen differenzierteren Charakter formt auch Michael Hochstrasser. Er ist der versoffene Rechtsanwalt Lutz, ein Kotzbrocken im wahrsten Sinne des Wortes, aber auch eine tragische Figur. Die Ehe mit Babs ging schief, und die Beziehung zur neuen Frau Natascha wirkt ebenfalls zerrüttet: „Nach der Scheidung ist vor der Scheidung“, sagt Lutz fachmännisch.

„Lametta“ ist also ein im Kern bitteres Stück, das gleichwohl solide Unterhaltung bietet. Beide Komponenten hat Regisseur Frank Behnke in seiner Uraufführung herausgearbeitet und virtuos gegliedert: Auf turbulente, lächerliche Phasen folgen Momente der Besinnung, welche die Leere in den Figuren zeigen. Kitschige, eiernde Weihnachtsschlager karikieren das vergebliche Ringen um Festtagsstimmung.

Ein Extra-Lob verdient der sonst so spartanische Bühnen- und Kostümbildner Günter Hellweg. Nach offenbar genauer Beobachtung vorherrschender regionaler Körperformen hat er die Darsteller aufgepolstert und ins Dickliche gewendet, was zu sehr komischen Effekten führt. Auch die Bühne ist mit ihren Holz-Nachbildungen und den grausigen Sitzmöbeln ein höhnisches Abbild kleinbürgerlichen Wohllebens.

Einen zweiter „Schweig Bub!“ dürfte Kusz mit „Lametta“ wohl kaum gelungen sein. Aber in Behnkes Inszenierung besitzt das Nürnberger Theater nun die richtige künstlerische wie lokale Antwort auf den hohlen Vorweihnachtstrubel und das vielerorts zum leeren Ritual erstarrte Fest.

 

Hans-Peter Klatt E-Mail

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