Internationale Klasse

Ensemble Halva in Schwabach: Leere Ränge

Klarinettistin Anja Günther aus Würzburg mit dem belgischen Geiger und Komponisten Nicolaas Cottenie. Sie sind Teil des international besetzten Ensembles Halva.

Klarinettistin Anja Günther aus Würzburg mit dem belgischen Geiger und Komponisten Nicolaas Cottenie. Sie sind Teil des international besetzten Ensembles Halva. © Robert Schmitt

Mit der Violinistin Alina Bauer aus Leipzig und der Klarinettistin Anja Günther aus Würzburg sind es auch zwei deutsche Künstlerinnen, die dem Halva-Klezmer einen unverwechselbaren Charakter verleihen. Phänomenales Akkordeon, schlichte, aber gekonnte Perkussion mit der Rahmentrommel und zwei kleinen Becken sowie ein Cello, das Harmonie ebenso bereitstellt wie Rhythmus, komplettieren die Orchestrierung.

Nicolaas Cottenie war lange selbst in Ost- und Südosteuropa sowie im Nahen Osten unterwegs, um den Einflüssen der dortigen Völker auf die jüdische Volksmusik nachzuspüren und sie aufzusaugen. Seine Kompositionen heben Klezmer auf ein neues künstlerisches Niveau. Sechs fantastische Musiker erschaffen eine Klangwelt, die es in sich hat.

Meist temporeich-fröhlich, vereinzelt aber auch melancholisch hat Cottenie die Tänze Bulgariens, Rumäniens, Griechenlands und aus der Ukraine so mit der jüdischen Volksmusik verbunden, dass die dem Klezmer-typischen, an die menschliche Stimme erinnernden Melodielinien weniger bestimmend sind.

Musik aus dem "Schtetl"

Klezmer stammt aus dem "Schtetl" Osteuropas, wie man die Städte dort mit hohem jüdischen Bevölkerungsanteil genannt hat, und orientiert sich seit seiner Entstehungszeit im 15. Jahrhundert an religiösen Traditionen, die bis in biblische Zeiten zurückreichen. Doch die Volksmusik der askenasischen Juden wandelte sich schnell. Dabei spielten die Bedürfnisse der Menschen offenbar die Hauptrolle. Die musikalische Ausdrucksweise der "Klezmorim", wie sich die Musiker nannten, hat bis heute ein Repertoire geschaffen, das vor allem aus Musik zur Begleitung von Hochzeiten und anderen Festen besteht.

Lebensfreude und Feierstimmung prägen auch Nicolaas Cottenies Kompositionen. Der Belgier greift diesen Klezmer-Teil in besonderer Weise auf, entwickelt ihn weiter und gibt ihm neue Richtungen. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, Cottenie hat ihn erbracht: Diversität führt in neue kulturelle Dimensionen.

Halva macht den Abend zu einem Erlebnis, das man so ganz selten hört in der Provinz. Weltmusik auf Weltklasse-Niveau. So sehen es auch die Fachleute. Ist doch die erst kürzlich erschienene zweite CD Halvas schon für den "Preis der deutschen Schallplattenkritik" nominiert worden. "Dinner in Sofia" ist für 15 Euro ein echtes Schnäppchen und ein wirklich erlesenes Geschenk für alle Anlässe. Frühstück wird per CD in Kiew, der Kaffee samt Törtchen in Beirut serviert.

Im Internet ist nichts verdient

Nicolaas Cottenie nützt den Schwabacher Moment, um mit den Streaming-Diensten auf eine Fehlentwicklung in der Musikbranche aufmerksam zu machen. "Wenn einer von Ihnen unsere Musik von heute bis Weihnachten in Dauerschleife hört, dann kann ich mir davon etwa einen Kaffee kaufen", erklärt er die Einnahmen-Situation, die Projekte wie Halva immer schwieriger macht. Umso mehr ohne Live-Auftritte wegen Corona.

Schließlich honorieren einschlägige Portale jeden Aufruf mit gerade mal 0,25 Cent. "Da braucht man 40 bis 50 Millionen Klicks, um so eine Produktion zu finanzieren", rechnet Cottenie frustriert vor. Vom infolge Corona überschaubaren Schwabacher Publikum verabschiedet er sich mit einem echten Kompliment für den Auftrittsort. "Vielen Dank, dass Sie zu unserem Auftritt auf dieser schönen Bühne gekommen und geblieben sind", sagt er. Diese kleine Flunkerei sollte jedoch keinen Schwabacher abhalten, die CD zu kaufen.