Eine Synagoge für die Jüdische Kultusgemeinde

Erlangen: Ein über 600 Jahre alter Traum kann jetzt wahr werden

Hans Böller
Hans Böller

Redakteur der Nürnberger Nachrichten

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11.10.2021, 11:32 Uhr
Im angemieteten Haus an der Rathsberger Straße: Ester Limburg-Klaus, Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Erlangen, mit Rahel Or Schormann und dem Kantor Yonatan Amrani (v. re.).

 

Im angemieteten Haus an der Rathsberger Straße: Ester Limburg-Klaus, Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Erlangen, mit Rahel Or Schormann und dem Kantor Yonatan Amrani (v. re.).   © Hans Böller, NN

Die Geschichte gehört zu den stärksten Erinnerungen an die eigene Kindheit. Wenn der Vater sie erzählte, die Geschichte der Benesi-Kinderle, wie er sagte, bekam er feuchte Augen, das vergisst man nicht. Papa wuchs in der Raumerstraße in Erlangen auf, nebenan, Hausnummer 11, wohnte die Familie Benesi. Sie hatte, aus der Hauptstraße, dorthin ziehen müssen, in eines der sogenannten Judenhäuser. Sie spielten gemeinsam, Vater war etwas jünger als die Benesi-Kinder, sie mochten sich. Warum sie eines Tages abgeholt wurden, gemeinsam mit ihren Eltern fortgebracht, verstand der Vater erst viel später.


Erlangen, im Winter 1937: Erich, Hildegard und Hannelore Benesi tanzen mit einem Nachbarmädchen um einen Schneemann. 1943 ermordeten die Nazis die Benesi-Kinder gemeinsam mit ihren Eltern Jakob und Gottliebe in Auschwitz. 

Erlangen, im Winter 1937: Erich, Hildegard und Hannelore Benesi tanzen mit einem Nachbarmädchen um einen Schneemann. 1943 ermordeten die Nazis die Benesi-Kinder gemeinsam mit ihren Eltern Jakob und Gottliebe in Auschwitz.  © Jakob Bénesi, NN

Es gibt ein Foto, aufgenommen im Winter 1937, es zeigt Erich, Hildegard und Hannelore Benesi, sie haben einen schönen Schneemann gebaut. Um den tanzen sie herum, Hand in Hand, mit einem Nachbarmädchen, sie tragen Wollmützen mit Bommeln, sie lachen. Sie sind sieben, fünf und drei Jahre alt.


Sechs Jahre später sind sie tot, ermordet in Auschwitz.


Das auf tiefe Weise anrührende, heute im Stadtarchiv aufbewahrte Bild hat Christof Eberstadt gefunden, er ist der Beauftragte der Jüdischen Kultusgemeinde Erlangen für die erst 1873 gegründete alte Jüdische Gemeinde, deren kurze Geschichte mit der Shoah endete – für mehr als ein halbes Jahrhundert.

Versuch einer Neugründung


Anders als in Nürnberg, das seine Juden schon im Mittelalter vertrieb und ermordete, und anders als im für Jahrhunderte jüdisch geprägten Fürth konnte sich jüdisches Leben in Erlangen lange nicht entwickeln – auch nach 1945 nicht.

Den ersten Versuch einer Neugründung der Gemeinde, das recherchierte der Heimatforscher Wolfgang Appell, hatte im Jahr 1948 der Elektrotechniker Otto Löwi unternommen, ein galizischer Jude, der über ein Lager für Displaced Persons nach Erlangen gekommen war, aber knapp zwei Jahre später in die USA emigrierte.

Der Mord vom Dezember 1980


Über 30 Jahre später, am 19. Dezember 1980, ermordeten Neonazis den 1911 in Jerusalem geborenen, seit 1964 in Erlangen lebenden Verleger und Rabbiner Shlomo Lewin und seine Lebensgefährtin Frida Poeschke in deren Haus in der Ebrardstraße. Es war der erste antisemitisch motivierte Mord in Deutschland nach 1945, niemand wurde je dafür verurteilt. Der mutmaßliche Mörder, ein Mitglied der "Wehrsportgruppe Hoffmann", nahm sich das Leben.


"Die fränkischen Juden waren schockiert bis ins Mark", sagt Christof Eberstadt. In Erlangen lebten damals etwa 20 jüdische Männer und Frauen und einige Studenten aus Israel, die Satzung für eine neue Gemeinde hatte Shlomo Lewin bereits entworfen und einen Termin mit dem Notar vereinbart. Mit dem Tod "dieser außerordentlichen Persönlichkeit", sagt Eberstadt, sei der Elan verbraucht gewesen.

Der große Traum

Es sollte noch einmal 17 Jahre dauern, ehe sich in Erlangen, wo es für Jahrhunderte kein jüdisches Leben gab, am 1.Dezember 1997 und nach dem Zuzug jüdischer Emigranten aus der ehemaligen Sowjetunion eine neue Jüdische Kultusgemeinde gründete. Mit 113 Mitgliedern ist sie die kleinste der drei mittelfränkischen Gemeinden, aber jetzt hat sie einen großen Traum – den von einem eigenen Haus des jüdischen Lebens.

Drei Umzüge seit 1997


Das im Januar 2010 bezogene Haus in der Rathsberger Straße ist – nach Stationen in der Hauptstraße und der Hindenburgstraße – bereits die dritte Heimat auf Zeit seit 1997, der Mietvertrag läuft 2023 ab. Ester Limburg-Klaus hat dorthin eingeladen, es sind helle, schöne Räume, viel Grün drumherum. Das Verhältnis zum Vermieter ist gut, der Vertrag könnte verlängert werden. "Aber wir wünschen uns etwas, das uns gehört, eigene Räume, eine eigene Synagoge", sagt sie.

"Lebendig, sehr familiär"

Jeder Umzug ist ein Kraftakt, jüdische Einrichtungen müssen Auflagen erfüllen: Mauern, Zäune, Kameras, schusssichere Türen und Fenster – das ist die Realität im Jahr 2021, die Kosten für Ein- und Abbauten trägt die Gemeinde. Ester Limburg-Klaus ist gerne Vorsitzende "einer lebendigen, sehr familiär geprägten Gemeinde", wie sie sagt. "Aber wenn wir nichts finden", sagt sie auch, "sind wir in unserer Existenz bedroht, dann könnte das jüdische Leben aus Erlangen verschwinden", wieder einmal.


Dabei könnte die Gemeinde wachsen, vielleicht sogar beträchtlich. Erlangen ist eine Großstadt, Hochschul- und Technik-Standort. "Es ziehen Juden zu, es kommen jüdische Studenten", sagt Ester Limburg-Klaus und erzählt von einer Frau, die um die Beerdigung ihrer Mutter bat – weil die Jüdin gewesen war, aber nie der Gemeinde angehörte.

Die Gemeinde könnte wachsen


"Mindestens 50, vielleicht 100 Bürger jüdischen Glaubens, die noch nicht der Gemeinde angehören, leben in der Stadt und der Umgebung", sagt Yonatan Amrani. Er ist der Kantor in Erlangen, ein herzlicher, zugewandter Mann, wie sehr er die Gemeinde liebt, spürt, wer ihm zuhört. "Wir wollen etwas geben", sagt er, "ein Licht auch für andere sein, unsere Kultur ist so reich, ich teile sie so gerne."

Er freut sich, sagt der 42 Jahre alte Amrani, über alle Menschen, die sich für das jüdische Leben interessieren. Und er hat erfahren, erzählt er, dass es viele sind. Ins Haus an der Rathsberger Straße kommen Schulklassen, Vertreter anderer Gemeinden, Christen, Muslime.

Sukkot auf dem Rathausplatz

Zum Sukkot-Fest 2021 haben sie eine Laubhütte auf dem Rathausplatz aufgestellt und die Menschen dorthin eingeladen. Ein Haus des jüdischen Lebens, sagt Ester Limburg-Klaus, "soll nicht nur unsere Heimat sein, sondern auch eine Begegnungsstätte".


Es gibt positive Signale, von der Stadt, der Universität, vom Freistaat, die Gemeinde hat ein Spendenkonto eingerichtet, die Suche nach dem passenden Standort läuft. Noch ist es eine Vision, aber eine faszinierende, 2023 jährt sich die Gründung der ersten Gemeinde zum 150. Mal. Ein Jubiläum – mit einem Fest in der eigenen Synagoge?

Ausweisung durch den Markgraf


Es wäre – nach weit mehr als einem halben Jahrtausend – die erste in einer Stadt, in der wohl schon im 14. Jahrhundert einzelne Juden lebten, von einer Gemeinde, sagt Christof Eberstadt, könne aber nicht annähernd die Rede sein. Das sollte für Jahrhunderte so bleiben. Im Jahr 1515 beschloss der markgräfliche Landtag die Ausweisung der letzten Juden, ein Edikt, das Christian Ernst, als Markgraf von Brandenburg-Bayreuth der Stadtherr, 1711 erneuerte, indem er den nach Erlangen geflohenen Hugenotten ein Niederlassungs- und Gewerbeverbot für Juden zusicherte.

Die calvinistischen Neubürger sollten in ihren Gewerben keine Konkurrenz bekommen; "offen aus Tradition", wie sich Erlangen heute nennt, war die Stadt für Juden nie. Jüdische Gemeinden gab es in benachbarten Orten wie Bruck, Büchenbach, Dormitz oder Baiersdorf, das ehemals ein Landesrabbinat war.

1861 kam Lehmann Aischberg


Mit dem Königreich Bayern änderte sich die Rechtslage, aber das Judenedikt von 1813 erlaubte jüdischen Grunderwerb nur auf einem Status quo – der lag in Erlangen, wie im benachbarten Nürnberg, seit Jahrhunderten bei null.

Erst nach der vom Landtag verfügten allgemeinen Freizügigkeit für Juden ist mit Lehmann Aischberg aus Uehlfeld 1861 wieder ein jüdischer Erlanger Bürger namentlich belegt, er zog ein Jahr später nach Nürnberg weiter. "Es war die Crux, dass Erlangen wirtschaftlich nie interessant wurde", sagt Christof Eberstadt, "es blieb eine Durchgangsstation, während Nürnberg enorm aufblühte" – auch und besonders dank seiner jüdischen Bürger.

Das Geld war immer knapp


Gleichberechtigt waren Juden nach der Reichsgründung 1871, am 15. März 1873 gründete sich erstmals eine jüdische Gemeinde in Erlangen mit einem Betsaal erst in der Friedrichstraße, später in der Dreikönigstraße. Für eine Synagoge, erklärt Eberstadt, reichten schlicht die Mittel nie aus, "man hat jahrelang versucht, das Geld zusammenzubekommen", für die angesparte Summe kaufte die Gemeinde dann 1891 das Grundstück für ihren Friedhof am Burgberg (auf dem sie ihre Toten seit 2002 wieder beerdigt). Mehr als 239 jüdische Einwohner (im Jahr 1890, das waren 1,4 Prozent der Bevölkerung) waren es nie – "und sehr früh", sagt Eberstadt, "hatte Erlangen eine deutlich antisemitische Gesellschaftsschicht".

Die Universität als Hort des Ungeistes


Die Universität war ein Hort des braunen Ungeists, 1933 lebten noch 130 Juden in Erlangen, die Gemeinde konnte die Miete für den Betsaal in der Dreikönigstraße nicht mehr bezahlen und zog 1937 in die Einhornstraße um, in ihre letzte Heimat für Jahrzehnte. Mindestens 80 Erlanger Juden fielen der Shoah zum Opfer.


Yonatan Amrani, der Kantor, stammt aus einer Familie mit jemenitischen Wurzeln, er kam vor vier Jahren aus Israel nach Erlangen. Er lebt in einer Landkreis-Gemeinde, er besucht gern die alten jüdischen Friedhöfe, er fühle sich dabei, sagt Amrani, "wie ein Nachfolger der begrabenen Menschen, ich kommuniziere an den Gräbern mit ihnen".


Ihre Geschichte, sagt Yonatan Amrani, "unsere Geschichte", darf "nicht auf den Holocaust reduziert werden", er nennt es "eine lange, faszinierende Geschichte". In Erlangen jetzt ein neues Kapitel aufzuschlagen, ist ihm eine sehr bewegende Vorstellung.

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