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Wie der fränkische Bierschatz Nürnberg eroberte

Landbierparadies-Gründer Joachim Glawe und die Kleinbrauereien - 23.04.2014 15:00 Uhr

Aus einer kühnen Idee wurde ein Boom: Rund 150 Biersorten aus 50 fränkischen Kleinbrauereien bieten Joachim Glawe und seine Frau Charlotte im Nürnberger Landbierparadies an. © Michael Matejka


Nicht ganz unschuldig daran ist der im oberfränkischen Pegnitz aufgewachsene Joachim Glawe. Als junger Bursch fuhr er mit Freunden gern in die Fränkische Schweiz zum Klettern. Dort lernte er nicht nur die schroffen Felswände lieben, sondern auch die abwechslungsreiche Geschmackswelt der einheimischen Landbiere.

Thema fürs Diplom

Meister, , Held“ — der heute 55-Jährige kann noch immer von diesen Entdeckungsreisen in winzige Orte wie Unterzaunsbach, Breitenlesau oder Oberailsfeld schwärmen. „Wir hatten keine Lust auf die Einheits-Industriebiere der Stadt“, erzählt Glawe. Und recht schnell stellte sich die Überzeugung ein, dass es vielen Nürnbergern, Fürthern oder Erlangern doch ganz ähnlich gehen müsste.

Glawe begann, sich ernsthaft mit dem Thema auseinanderzusetzen. In seiner Diplomarbeit beschäftigte sich der Betriebswirt mit der Geschichte, der aktuellen wirtschaftlichen Situation und den Entwicklungschancen der Kleinbrauereien in der Fränkischen Schweiz. Und weil er — „statt Lohnsklave bei Siemens zu werden“ — dann auch gleich noch den praktischen Nachweis liefern wollte, dass seine Thesen richtig waren, gründete er nach Studienabschluss 1987 einen selbstständigen Bierhandel in Nürnberg — das „Landbierparadies“.

20.000 Mark Startkapital benötigte Glawe dafür. Die ersten Banker, bei denen er mit seiner Geschäftsidee vorstellig wurde, schüttelten mitleidig den Kopf. „Die waren überzeugt, nur die Masse macht’s.“ Erst, als er einem Bank-Menschen gegenübersaß, der plötzlich selbst mit leuchtenden Augen von seinen Wochenendausflügen in die fränkische Bierregion erzählte, hatte Glawe das Geld. Auf 40 Quadratmetern in einem winzigen Laden hinter dem Hauptbahnhof begann er, fränkische Landbiere zu verkaufen.

Es war eine Zeit, in der vom heute viel beschworenen Prinzip der Regionalvermarktung noch wenig zu spüren war. Glawes Biere aus der fränkischen Provinz, die er auf seinen wöchentlichen Einkaufstouren mit einem klapprigen Lkw einsammelte, verkauften sich in der Großstadt nicht wegen der guten Öko-Bilanz, sondern wegen ihres großartigen Geschmacks. Der erste Laden wurde schnell zu klein. Zwei Umzüge später landete das „Landbierparadies“ in großzügigen Räumen in der Galgenhofstraße. Und längst tragen auch zwei von Glawe und seiner Frau Charlotte betriebene Gaststätten diesen Namen.

Manche Biere seiner Pionierzeit — wie zum Beispiel das malzig-dunkle Krug aus Breitenlesau — schenkt Glawe in seinen Wirtshäusern nicht mehr aus. Ohne dass er sich mit dem fränkischen Brauer überworfen hätte. Der Krug ist ihm nur schon etwas zu groß geworden. „Das Bier gibt’s jetzt bald überall — sogar in der Metro. Ich gönn das dem Krug, aber es passt nicht mehr so richtig zu meiner Philosophie.“

Man könnte auch sagen: Die einst nur für die eigene Gaststätte und eine kleine Laufkundschaft produzierenden Landbrauereien und die durstigen Genießer in der Stadt haben zueinandergefunden. Und natürlich gab es dabei einige große Gewinner. Krug, Hetzelsdorfer oder auch Meister aus Unterzaunsbach zählen dazu. Ihre Biere gibt es mittlerweile in vielen Läden, aber sogar in jungen Clubs und Bars, die früher alles, was nach fränkischer Provinz roch oder schmeckte, streng gemieden hätten.

Ausstoß verzehnfacht

„Ich muss denen nicht hinterherlaufen, die kommen alle auf mich zu“, versichert Georg Meister, seit 25 Jahren Chef seiner Drei-Mann-Familienbrauerei. Verzehnfacht hat er den Bierausstoß in dieser Zeit. Mit nur einer Sorte — dem bernsteinfarbenen Vollbier. Von allein ging das nicht. „Wir haben schon die Qualität weit verbessert. Man muss sich immer umschauen, nach gutem Malz und neuen Hopfensorten.“ Und man muss in technische Anlagen investieren, um die Haltbarkeit des Bieres zu steigern.

Meister und andere Brauer wollten Glawe anfangs ihr Bier gar nicht mitgeben, weil es für den Handel zu schnell verdarb. Neue Filter und sauerstoffarme Abfüllung sorgen jetzt für eine Haltbarkeit von 16 Wochen und mehr. Das reicht, um das Meister-Vollbier sogar regelmäßig bis nach Hamburg liefern zu lassen, wo es ein aus Nürnberg stammender Gastronom zu Schäufele serviert. Frankens kleine Rache für die Jever-Schwemme.

Im Verlag Nürnberger Presse sind zwei umfassende Buchtitel für Bierfreunde erschienen: "Brauereien und Brauereigasthöfe in Franken" sowie "Bierkeller und Biergärten in Franken". Beide Werke des Autorenduos Bastian Böttner und Markus Raupach sind allen Geschäftsstellen des Verlages und im Buchhandel erhältlich oder hier bestellbar.

Hans-Peter Kastenhuber

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