Das Dutzend ist voll
18.04.2012, 08:10 Uhr
„Bisher sind wir elf hier.“ Als Bezirksverbands-Geschäftsführer Dominik Kegel diesen Blick auf den Organisationsgrad seiner jungen Partei in Schwabach wirft, legt Patric Dries den Aufnahmeantrag auf den Tisch. Das Dutzend ist jetzt voll.
„Die Piraten“ befinden sich im Aufwind. Der Bezirksverband Mittelfranken ist nach den Wahlerfolgen von Berlin und im Saarland auf 600 Mitglieder angewachsen. Nürnberg und Ansbach entwickeln sich prächtig, heißt es. Selbst im Landkreis Roth ist man mit der Mitgliederzahl ganz zufrieden. Immerhin bekennen sich zwischen Greding und Rohr bereits 42 Männer und Frauen zu der neuen politischen Partei mit den auffällig farbigen Fahnen.
Noch ist es aber keine „orangene Revolution“, denn die mittelfränkischen Piraten haben auch Sorgenkinder. „In Neustadt/Aisch und Schwabach gibt es noch keine festen Strukturen“, sagt Dominik Kegel. Deshalb ist der „Politische Geschäftsführer“ des Bezirksverbands aus seiner Heimatstadt Roth nach Schwabach gekommen.
Bezirksvorsitzender Patrick Linnert aus Nürnberg und Nico Hofmann, Politischer Geschäftsführer der Nürnberger Piraten, unterstützen ihn. Sie wollen mit Vorurteilen aufräumen und die Begriffe erklären.
„Liquid Feedback“ nennen die Piraten ein flüssiges Meinungsbild. Denn Anträge entstehen durch breite Diskussionen über Instrumente im Netz: Chatforen, Mailing-Listen, gemeinsam bearbeitbare Dokumente. „Schwarmintelligenz“ beseitige Fehler und führe zu besseren Ergebnissen.
Beschlossen wird wie in anderen Parteien auch: analog auf Parteitagen. Vor drei Wochen haben sich die bayerischen „Piraten“ in Straubing ein eigenes Parteiprogramm gegeben.
Die Schwabacher Infoversammlung ist prima besucht. Alle elf Mitglieder haben sich im fast überfüllten Nebenzimmer des Gasthauses „Lamm“ eingefunden. „Piraten“ aus Ansbach und Bayreuth verstärken das Team. Einige weitere Schwabacher wollen auch informiert werden. Alle würden als „gut bürgerlich“ durchgehen. Sie sprechen häufig von Politikverdrossenheit. „Wir haben die Schnauze voll“ ist zweimal zu hören.
Die neuen Liberalen
Applaus gibt es, als Dominik Kegel seine politische Position offenbart. „Mir wird es ein Wonnegefühl bereiten, wenn ich den ein oder anderen schwarzen CSU-Stuhl knarzen höre“. Als linksliberal will er sich und seine Organisation allerdings nicht einordnen lassen. „Wir sind eine liberale Partei“, korrigiert er.
Der jüngst aufgekommene Kritik an den Piraten tritt er engagiert entgegen. Drogen sollen nicht legalisiert, sondern entkriminalisiert werden, damit Süchtige nicht vom Schwarzmarkt abhängig sind. Nazis in den eigenen Reihen werden die Piraten mit aller Härte entgegentreten. „Wir dulden kein braunes Gesocks.“ Eine Frauenquote wollen die Piraten ebenso wenig wie Bundesfamilienminsterin Christina Schröder.
Eine kurze Diskussion flammt auf, als es um das „bedingungslose Grundeinkommen“ geht. Eine knappe Mehrheit der Versammlung wäre wohl dafür. Dominik Kegel will zwar intern noch intensiver diskutieren, sieht aber einen Hauptgrund für den Widerstand der Etablierten gegen etwa 1000 Euro monatlich für jeden Bürger: „Alles, was die alten Hasen nicht haben wollen, ist unmöglich.“ Bei den Piraten aber soll kein Thema tabu sein. „Jeder kann bei uns etwas einbringen und bewegen.“
Das klingt sympathisch. Die entwaffnende Ehrlichkeit der drei Endzwanziger auch. „Von vielem haben wir noch keine Ahnung, aber wir machen nicht nur Netzpolitik“, sagt Kegel.
Ein gewisses Selbstbewusstsein ist bei den Piraten dennoch spürbar. Wenn man nämlich genau hinhört, vergleichen sie sich mit der ältesten und ehemals größten deutschen Partei. „Es läuft die digitale Revolution, die alles verändern wird“, sagen sie und setzen diesen Prozess auf eine Ebene mit der „industriellen Revolution“ im 19. Jahrhundert. „Sie hat die SPD hervorgebracht.“ Eines ist so gut wie allen Besuchern der Piraten-Versammlung gemeinsam: Sie wollen mehr Mitbestimmung, mehr Basisdemokratie. „Wir brauchen eine Alternative, die uns wegbringt vom bisherigen Politikspiel“, sagt ein Familienvater. „Dafür bietet die Piratenpartei eine ehrliche und verlässliche Grundlage“, findet er.
Eine solch hohe Würdigung wollen die Piraten nicht unerwidert lassen. „Wir werden Idealismus und Geradlinigkeit bewahren“, versprechen sie.
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