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Fränkische Kunst-Ikone wird entzaubert

Schein und Sein: Bamberger Forscher zweifelt an der Echtheit des Grünewald-Altars - 13.12.2011 13:29 Uhr

Der Theologe Italo Bacigalupo vor dem Altar im oberfränkischen Lindenhardt. © epd


Der gotische Altar von Lindenhardt in Oberfranken (Kreis Bayreuth) gehört zu den berühmtesten Kunstikonen, die das evangelische Bayern zu bieten hat. Denn als sein Schöpfer gilt Matthias Grünewald, das rätselumwobene Genie der deutschen Frührenaissance. Doch das vielbesuchte Wunderwerk steht vor der Entzauberung: Eine soeben erschienene Dissertation legt akribisch dar, dass die Bilder von Lindenhardt mit großer Wahrscheinlichkeit gar nicht von Grünewald stammen.

Große Prominenz

„Schein und Sein ist zweierlei“. Das sagt Italo Bacigalupo aus Bamberg, Pfarrer im Ruhestand und Doktor der Theologie. Wenn die Thesen, die der 71-Jährige in seiner Dissertation darlegt, wirklich das Sein hinter dem bisher gepflegten Schein sind, dann steht der bayerischen Kunstlandschaft ein mittleres Erdbeben bevor: Dann nämlich müssen sich Kunstliebhaber, Tourismusmanager und nicht zuletzt die evangelische Kirchengemeinde von der Illusion verabschieden, in Lindenhardt, 20 Kilometer südlich von Bayreuth gelegen, einen der berühmtesten Altäre des Landes vorzeigen zu können.

Die Prominenz des Altars gründet sich allein auf dem vermuteten Maler der Bilder auf seiner Rückseite: Matthias Grünewald, dem Schöpfer des weltberühmten Isenheimer Altars. Fast alle seine Werke lassen sich nur auf dem Wege der Stilkritik zuordnen, weil man über den Menschen Grünewald so gut wie nichts weiß. Auch in Lindenhardt gibt es keine Signatur, keinen Auftrag, keine Rechnung.

Der Altar taucht überhaupt erst 1685 auf, obwohl er nach einer Holzgravur auf den Tafeln schon 1503 entstanden ist. Wer hat ihn bestellt? Zu welchem Zweck? Für welche Kirche? Und: Wer hat ihn gemalt? Bacigalupo hat in über 30-jähriger kriminalistischer Mühe ein Lindenhardt-Puzzle zusammengetragen, in dem Grünewald nicht mehr vorkommt. So gelang es ihm, die Geschichte des Altars fast lückenlos zu rekonstruieren: Demnach stand der Schrein ursprünglich als Stiftung des reichen Tuchmachers Fritz Rot aus Hof in der Bayreuther Stadtpfarrkirche. Rot hatte den Altar in der Werkstatt Albrecht Dürers in Nürnberg bestellt. Dessen Geselle, der begabte Hans Suess von Kulmbach, stellt das Vierzehn-Nothelfer-Bild auf der Rückseite des Altars 1503 fertig.

Es zeigt die Handschrift der Dürer-Werkstatt und besonders des Gesellen: Die Konzeption des Bildes, das Astwerk, die Hüte, der Georgsdrache und der „kleine Dämon“ über dem Geschehen. Den Schattenwurf passte der Maler exakt den Bayreuther Raumverhältnissen an. 1572 wurde der Altar aus der Stadtpfarrkirche entfernt und fand zwei Jahre später im benachbarten Bindlach eine neue Bleibe. Von dort gelangte er 1685 in das Dörflein Lindenhardt.

Die Zuordnung zu Grünewald ist noch recht jung: Sie stammt von dem Bayreuther Heimatforscher Karl Sitzmann, woran eine Mauerinschrift hinter dem Altar erinnert: „Im Jahr 1926 wurde der Altar unter Pfarrer Peter durch Karl Sitzmann als ein Werk Grünewalds erkannt.“ Die widrigen Umstände der deutschen Außenpolitik halfen Sitzmann seinerzeit, sich für den Maler Grünewald zu entscheiden: „Gerade in unserer Zeit, in der ein von feindlicher Übermacht diktierter hasserfüllter Vertrag das deutschsprachige Elsass und mit ihm den Isenheimer Altar vom Mutterlande fortriss, muss der neu entdeckte Altar von Lindenhardt einen kleinen Ausgleich bilden.“

Maler in der Krise

Die Universität Erlangen verlieh Sitzmann für seine Entdeckung im gleichen Jahr den Ehrendoktortitel. Seither haben sich viele Experten mit den Bildern beschäftigt, die Grünewald-These manchmal angezweifelt, meist aber bestätigt. Schwächen in Farbgebung und Ornamentik erklärte man mit einer persönlichen Lebenskrise des jungen Malers.

Im Zuge einer Sanierungsmaßnahme ließ sich zweifelsfrei Nürnberg als Entstehungsort des Altars ermitteln. Um Grünewald als Urheber der Tafeln zu retten, vermutete man nun dessen Aufenthalt in Nürnberg in der fraglichen Zeit, wofür es ansonsten keine Beweise gibt. Untypische Schraffuren und Konturenstriche, die untypischen Bilderleisten, überhaupt: die malerischen Schwächen der Bilder dürfe man dem großen Grünewald nicht unterjubeln. „Es klingt wie im Märchen“, schreibt Bacigalupo über Sitzmanns Grünewald-Entdeckung von 1915. Und ergänzt: „Es ist ein Märchen.“ 

THOMAS GREIF (epd)

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