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Mittwoch, 23.09.2020

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Elektrischer Erbe des Golf: Erste Ausfahrt im VW ID.3

Drei Akkugrößen, zwei Motoren - Reichweite bis 549 km - Preise ab 35.575 Euro - 03.08.2020 15:35 Uhr

VW ID.3: Der stromgefütterte Kompaktwagen soll der Golf des elektrischen Zeitalters werden.

© Hersteller


Rechts an der Einfallstraße nach Wolfsburg steht er, überlebensgroß und als Skulptur, heimlicher Herr der Stadt: Der Golf, meistverkauftes Auto Deutschlands und seit 46 Jahren Topseller des Hauses VW.

Wir sind allerdings nicht wegen des Golfs nach Wolfsburg gekommen, sondern um dessen möglichen Thronfolger kennenzulernen: Geht es nach den Vorstellungen von Volkswagen-Chef Herbert Diess, wird der ID.3 zum Golf des heraufziehenden elektrischen Zeitalters. Und er soll, als mit Strom gefütterter Saubermann, die vom Dieselskandal beschädigte Marke aus der Schmuddelecke herausführen.

Elektrischer Hoffnungsträger

Nach diversen Startschwierigkeiten, die unter anderem mit Softwareproblemen tun hatten, erfolgen im September endlich die ersten Auslieferungen des elektrischen Hoffnungsträgers.

Der in Zwickau produzierte ID.3 ist der erste Stromer, der auf Basis des neuen Modularen Elektro Baukastens (MEB) entstanden ist. Zunächst werden jene Kunden versorgt, die im vergangenen Jahr eine Blindbestellung für die 150 kW/204 PS starke "First Edition" abgegeben haben, die mit 58-kWh-Akku auf eine Normreichweite von 426 Kilometern kommt. Ab Oktober gelangen dann auch die anderen Käufer zu ihrem Fahrzeug - zum ID.3 Pro Performance, dessen Daten mit denen der First Edition identisch sind, und zum Pro S, der über die gleiche Motorleistung verfügt, aber in Kombination mit einem stärkeren 77-kWh-Akku, der bis zu 549 Kilometer WLTP-Reichweite ermöglicht.

An der Strom-Tankstelle: Wechselstrom lädt der ID.3 bis 11 kW, Gleichstrom (DC-Schnellladen) ausstattungsabhängig bis 125 kW.

© Hersteller


Im schicken Hafen 1 der Wolfsburger Autostadt wartet der ID.3 in Topausstattung "1st Max" und mit 58-kWh-Energiespeicher auf uns, an der Wallbox macht er sich bereit für die gemeinsame Ausfahrt. Mit 4,26 Metern Länge erreicht der ID.3 nahezu die Maße des Golf, gleiche Klasse also. Gefällig und wohlproportioniert sieht der neue Stromer aus, aber nicht so spacig, dass sich die Köpfe drehen. Konservativ-klassenlos statt progressiv, dem bewährten Erfolgsrezept bleibt VW auch beim Aufbruch ins Elektro-Zeitalter treu.

Nettes Detail: Die elektrisch schwenkbaren Lichtmodule der (optionalen) LED-Matrix-Scheinwerfer sind von den Lichtdesignern wie Pupillen gestaltet worden, vor dem Fahrzeugstart schwenken sie hin und her und begrüßen die Passagiere mit einem menschelnd-freundlichen Augenaufschlag.

Nicht so edel wie der Golf

Der ID.3 wird vom Stromspender abgenabelt, wir steigen ein. Erste Erkenntnis: Der Innenraum ist licht und luftig geraten, es gibt viele Ablagen, überraschend viel Platz und überhaupt ein prima Raumgefühl: Die zweite: So edel und premium-like wie im Golf geht es bei weitem nicht zu. Viel ist schon zum Verbreitungsgrad des Werkstoffs Hartplastik im ID.3 gesagt worden, wir machen uns auf das Schlimmste gefasst, finden aber für Erschütterung keinen Grund, da hat man schon weitaus Billigeres gesehen. Hochwertig sieht trotzdem anders aus, und über den windigen Verstellknopf für die Seitenspiegel haben wir tatsächlich gestaunt, so etwas kannte man von VW bislang nicht.

Enttäuschender als die Haptik fanden wir das Cockpitdesign, einem Pionier wie dem ID.3 hätte ein Tick mehr Futurismus gut zu Gesicht gestanden. Schon, da ist das schmale Lichtband unter der Windschutzscheibe, über das der ID.3 mit dem Fahrer kommuniziert – soll er gemäß Navi abbiegen, wandert das Licht in die entsprechende Richtung, und in Gefahrensituationen ändert es seine Farbe auf alarmierendes Rot.

Interieur: Tipptopp verarbeitet, aber recht viel Hartplastik. Und: Das Golf-Cockpit mit seinem Active Info Display sieht moderner aus.

© Hersteller


Doch anders als beispielsweise im Golf 8 gibt es kein großformatiges "Active Info Display" hinterm Lenkrad, sondern nur einen verhältnismäßig kleinen Bildschirm, dessen Grafik obendrein erstaunlich altmodisch wirkt, die Zahlen erinnern an die ersten Radiowecker. 

Rechts am Gehäuse sitzt der Dreh-Satellit für die Fahrstufen. Und noch weiter rechts wendet sich dem Fahrer ein 10 Zoll großer Touchscreen zu, unter dem die vom Golf 8 bekannten Slider für Lautstärke und Temperatur sitzen.

Wir wenden uns dem Positiven zu, das über den ID.3 zu sagen ist, und das ist letztlich doch eine ganze Menge. Da ist zum Beispiel der breite, farbige Balken des Head-up-Displays, das demnächst ein Software-Update "over the air" erfährt und dann zusätzlich Augmented-Reality-Inhalte zeigt, Richtungspfeile etwa, die scheinbar direkt auf der Fahrbahn liegen.

Dass der ID.3 ein schlaues Kerlchen ist, merken wir auch beim Losfahren. Einen Startknopf gibt es zwar noch, gebraucht wird er aber nicht. Denn der Stromer spürt, wenn der Fahrersitz belegt ist und sich der Schlüssel an Bord befindet. Dann genügt es, die Bremse anzutippen und die Fahrstufe einzulegen, um den Wagen in Bewegung zu versetzen.

Munter mit Strom: Der ID.3 strebt flink und wendig durch den Stadtverkehr.

© Hersteller


Nahezu lautlos gleiten wir durch den Wolfsburger Stadtverkehr und genießen das wunderbar moderne Fahrgefühl. Noch ist der ID.3 der elektrische Exot inmitten der großen Wolfsburger Volkswagen-Population. An der Ampel lässt er sie aber lässig stehen, die Golfs, Passats und Polos. Druck aufs Fahrpedal, und der Stromer beschleunigt mit nachdrücklicher Verve. Agil und munter zoomt er durch die City, leicht und easy ist er zu handhaben, auch dank der leichtgängig-direkten Lenkung, wir haben unsere Freude am ID.3.

Wie einst beim Käfer sitzt der Motor im Heck und treibt die Hinterräder an, weil zudem der Akku zwischen den Achsen am tiefsten Punkt des Wagens positioniert wurde, ergeben sich beste Voraussetzungen für flinkes Handling. Auch am Fahrkomfort gibt es überhaupt nichts auszusetzen, er fällt bestens aus.

"Hallo ID": Hört aufs Wort

Wir verlassen die Stadt, bleiben aber noch im Rekuperationsmodus, der die Reichweite strecken hilft. Jembke, Hoitlingen und Eischott heißen die Dörfer, Pferdeweiden, schattige Alleen, flaches niedersächsisches Land – die Topographie stellt den ID.3 nicht vor Herausforderungen, was seine elektrischen Reserven betrifft. 

Schon eher tut dies die Außentemperatur von 30 Grad, die serienmäßige Climatronic muss auf Hochtouren laufen. Die Temperatur stellt der Stromer auf Zuruf ein, "Hallo ID" lautet der Hallo-Wach-Code, auch andere frei formulierte Befehle werden verstanden, "suche Nachrichtensender" beispielsweise oder "navigiere mich nach Braunschweig". Bei Fragen nach Durchschnittsverbrauch oder Reichweite verweist die freundliche Damenstimme hingegen auf das Display.

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VW ID.3: Der Thronfolger des Golfs ist da

Viel hat er schon im Vorfeld von sich reden gemacht, jetzt kommt er endlich auf die Straße: Der ID.3 tritt wie der Golf im Kompaktsegment an, fährt aber elektrisch und soll den ewigen Wolfsburger Bestseller über kurz oder lang beerben. Voraussetzung ist freilich, dass die Kunden zum Umsteigen bereit sind.


Die letzte Etappe unserer Fahrt führt über die Autobahn nach Hannover. Auf dem Beschleunigungsstreifen zeigt der ID.3 wiederum sein Sprinttalent, in 7,3 Sekunden rennt er aus dem Stand auf Tempo 100. Und er könnte wohl noch viel schneller sein als 160 km/h, aber die Elektronik setzt dem Vortrieb zum Wohle des Stromverbrauchs ein Ende.

Reichweite: 350 Kilometer sind realistisch

Die Werksangaben sprechen von 16,9 bis 15,4 kWh/100 km, uns nennt der Bordcomputer 20,0 kWh, eine ausführlichere Erprobung wird zeigen müssen, ob das nicht noch besser geht. Auch hinsichtlich der Reichweite lässt sich von unserer kurzen Ausfahrt keine valide Aussage ableiten, wir halten aber 350 Kilometer für realistisch.

Wenn der Akku Nachschub braucht, kann er mit Wechselstrom (AC) oder Gleichstrom (DC) versorgt werden. An der Wallbox oder öffentlichen Ladestation zieht der ID.3 dreiphasig und mit einer Ladeleistung von bis zu 11 kW Strom. Aus der CCS-Schnellladesäule holt sich die Pro-Performance-Version bis zu 100 kW, die Pro-S-Ausführung bis zu 125 kW. Das heißt, dass sie in rund einer halben Stunde von 5 auf 80 Prozent Ladezustand gebracht ist.

Eingebremst: Um den Stromverbrauch in Grenzen zu halten, fährt der ID.3 nicht schneller als 160 km/h.

© Hersteller


Fürs heimische Laden bietet VW drei verschiedene Wallboxen (ab 388 Euro) an, wer bei "We Charge" Kunde wird, kann beim Ionity-Schnellladenetz günstigstenfalls für 30 Cent/kWh tanken.

Die Preise für den ID.3 beginnen bei rund 35.575 Euro, dafür gibt es den Pro Performance mit 58-kWh-Akku. Der Pro S mit 77-kWh-Batterie startet bei 40.936 Euro. Abzugsfähig ist jeweils die Brutto-Förderung in Höhe von 9480 Euro. Zur Serienausstattung gehören unter anderem LED-Scheinwerfer, Geschwindigkeitsbegrenzer, Spurhalteassistent, Verkehrszeichenerkennung, Ambientebeleuchtung, Fahrprofilauswahl, Radio mit 10-Zoll-Display und Climatronic mit Standklimatisierung.

Das Basismodell folgt nach

Das Basismodell mit 107 kW/146 PS und kleinem 45-kWh-Akku (330 Kilometer Reichweite) wird VW Anfang 2021 nachreichen, es soll preislich unter 30.000 Euro bleiben.

Um den Kunden das Leben leichter zu machen, hält VW vom ID.3 Pro Performance zum Marktstart sechs vorkonfigurierte Modelle von "Life" bis "Max"vor, welche die wichtigsten Optionen in Paketen bündeln und für die jeweils nur noch wenige Extras hinzuzubuchen sind.

Familienzuwachs soll noch in diesem Jahr und in Gestalt des Elektro-SUVs ID.4 erfolgen. Für 2021 ist der Start eines SUV-Coupés (ID.5?) geplant, 2022 kommt der Bulli-Nachfahre ID.Buzz und 2023 beerbt der ID.1 den e-up.

Vielleicht steht an Wolfsburgs Einfallstraße dann schon der ID.3 und hat den Golf als neuen Herrn der Stadt verdrängt. Ob das so kommt, wird jetzt von der Bereitschaft der Kunde abhängen, sich auf die neuen elektrischen Zeiten einzulassen.

Ulla Ellmer

VW ID.3 in Kürze:

Wann er kommt: Ist bereits bestellbar, erste Auslieferungen im September
Wen er ins Visier nimmt: Hyundai Kona Elektro, Kia e-Niro oder Nissan Leaf
Was ihn antreibt: Elektromotor mit 150 kW/204 PS
Was er kostet: Ab 35.575 Euro, Subventionen abzugsfähig
Was noch kommt: Basismodell mit 45-kWh-Akku und 107 kW/146 PS

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