Tipps vom Profi

Bäume und Sträucher: Wann ist der richtige Zeitpunkt für den Schnitt?

2.12.2021, 08:57 Uhr
Die Kunst des richtigen Schnitts: Wer seinen alten Apfelbaum zum richtigen Zeitpunkt stutzt, kann auf mehr Früchte im Sommer hoffen.
 

© Jens Büttner/dpa Die Kunst des richtigen Schnitts: Wer seinen alten Apfelbaum zum richtigen Zeitpunkt stutzt, kann auf mehr Früchte im Sommer hoffen.  

Die einen tun es noch im Herbst, die anderen im Winter. Mancher schwört beim Schneiden von Gehölzen auch auf das Frühjahr. Den richtigen Zeitpunkt gibt es offenbar nicht, oder doch?

Baumschulgärtner und Landschaftsarchitekt Christof Sandt empfiehlt, die Wintermonate zu nutzen. "Im Grunde kann man Gehölze das ganze Jahr hindurch schneiden, ohne dass die Pflanze stirbt. Die beste Zeit für den umfassenden Schnitt ist aber die Vegetationsruhe von November bis März."

Anders sieht das Baumschulgärtner und Gartenbau-Ingenieur Hansjörg Haas: "Ich vermeide einen Schnitt von Oktober bis Januar, da die Pflanzen in der Ruhephase sind und Schnittwunden bei tiefem Frost zurücktrocknen. Gerade bei Rosen können so Frostschäden entstehen – und dann haben sie keine ruhigen Reserveknospen mehr für einen Neuaustrieb."

Schritt für Schritt schneiden

Haas lichtet zunächst Obstbäume, Beerensträucher und Sommerblüher wie Rosen und Clematis. Ab März folgen empfindliche Gehölze wie Hibiskus, Sommerflieder und Mönchspfeffer sowie Halbsträucher wie Lavendel und Thymian. Im Sommer sind schnittempfindliche Gehölze an der Reihe. Dazu zählt der Baumschulgärtner die Mehrzahl der japanischen Zierahornarten, Walnuss sowie Aprikose und Pfirsich. An den übrigen Obstgehölzen entfernt er unerwünschte Stieltriebe.

Wann geschnitten wird, hat auch Einfluss auf die Entwicklung der Pflanze. "Im Sommer schneiden wir zur Beruhigung, im Frühjahr zur Anregung und Pflege", erklärt Haas. Wer also Hecken im ausgehenden Winter schneidet, um sie klein zu halten, bewirke damit oftmals das Gegenteil und fördere das Wachstum, so der Baumschulgärtner.

Bei Frühjahrs- und Sommerblühern wie Ranunkelstrauch und Lavendel hat ein leichter Schnitt nach dem ersten Flor einen ähnlichen Effekt. "Je eher ich schneide, umso mehr Zeit hat die Pflanze für weiteres Wachstum und neue Blütenansätze", sagt Haas.

Weniger ist mehr

Dass Sträucher und Bäume überhaupt geschnitten werden, hat unterschiedliche Gründe. Da ist natürlich erst mal der eigene Ordnungssinn. Und die Absicherung, dass nichts abbricht und jemanden verletzt – diese sogenannte Verkehrssicherung ist Pflicht für Gartenbesitzer. Aber mit einem Schnitt kann man auch die Entwicklung vieler Blüten und reichlich süßere Früchte fördern.

"Doch dass Gehölze überhaupt geschnitten werden müssen, ist ein riesiger Irrglaube. In der Natur gibt es niemanden, der das tut, und trotzdem geht es ihnen gut", meint Sandt. "Mit Zierkirsche, Magnolie, Ahorn und vielen anderen gibt es eine große Zahl von Gehölzen, die überhaupt nicht geschnitten werden sollten." Überhaupt ist der Baumschulgärtner der Ansicht: Weniger ist mehr.

Süße Äpfel als Lohn

"Wenn Sie also einen schönen Baum mit Wow-Effekt im Garten haben wollen, dann dürfen Sie ihn nicht verprügeln", sagt Sandt. "Sondern müssen schlicht nichts machen."

Auch würden beide Experten – weder Haas noch Sandt – nicht einfach so die Schere ansetzen: "Bei jedem Schnitt müssen wir ein konkretes Ziel vor Augen haben: Wenn wir möglichst große süße Äpfel ernten wollen, müssen wir den Baum so auslichten, dass die Früchte mehr Licht bekommen", erklärt Sandt.

Sein Tipp: "Gehen Sie vor dem Schnitt einen Schritt zurück und erfassen Sie in Ruhe die ganze Pflanze. Manchmal hilft es schon, einen dicken Ast herauszunehmen, damit die Krone lichter wird. Arbeiten Sie von groß nach klein."

Und selbst bei Hecken und Strukturgehölzen wie Japanischer Ahorn und Mahonie rät Haas dazu, die Sträucher nicht in eine bestimmte Optik zu zwingen, sondern dem natürlichen Habitus zu folgen. "So kann sich die Pflanze dicht verzweigen und fällt auch bei zu viel Schneedruck nicht auseinander", sagt der Garteningenieur. Ein weiterer Orientierungspunkt: die Geschwindigkeit, mit der Triebe wachsen und vergreisen. Kurzlebige Himbeertriebe beispielsweise werden spätestens im zweiten Jahr entfernt.

Lavendel sanft stutzen

Halbsträucher wie Lavendel, Rosmarin und Thymian verholzen und können mit der Zeit verkahlen, wenn sie nicht regelmäßig geschnitten werden. Eine Korrektur ist laut Haas dann kaum noch möglich, zumal er in einem Schnitt ins Holz den falschen Weg sieht. "Bleiben Sie immer im belaubten Bereich. Aus altem Holz kann die Pflanze nicht mehr austreiben." Die unerwünschten Triebe gilt es möglichst bodeneben oder bündig zum Stamm abzuschneiden.

"Bäume können mit Aststummeln nichts anfangen – im Gegenteil: Sie können sogar der Beginn eines langsamen Niedergangs sein, weil der Baum den Stummel nicht richtig verheilen kann", erklärt Sandt. Die Folge: Krankheitserreger und Pilze könnten über das abgestorbene Gewebe bis in das gesunde Holz eindringen, schlimmstenfalls faule der Baum aus.

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