Konsum und Klimaschutz

Das würde passieren, wenn wir unseren Kaufrausch zügeln

12.10.2021, 12:17 Uhr
Die ganze Welt in einer Tüte: Die Menschen kaufen, kaufen, kaufen – und zerstören dadurch ihre Erde.
 

Die ganze Welt in einer Tüte: Die Menschen kaufen, kaufen, kaufen – und zerstören dadurch ihre Erde.   © imago images/MiS

Einkaufen sei eine "patriotische Aufgabe", verkündete Wirtschaftsminister Peter Altmaier im November 2020. Schließlich hatte die Corona-Pandemie Wirtschaft und Einzelhandel stark getroffen. Und als im Sommer die Corona-Regeln gelockert wurden, konnten es in der Tat viele Deutsche kaum erwarten, endlich wieder durch die Innenstädte zu bummeln, vor Ort einzukaufen statt nur online.

Wir shoppen aus Freude, wir shoppen aus Frust, und neuerdings schwappt aus den USA sogar das "Revenge Shopping" zu uns herüber. Darunter versteht man den Trend unter Verbrauchern, die verpassten Konsummöglichkeiten während der Pandemie jetzt auf Teufel komm raus aufholen zu müssen. Für viele von uns ist Shopping sogar Therapie oder eine Art Existenzberechtigung.

Was aber würde passieren, wenn wir alle unseren Konsum drastisch einschränken würden? Wenn wir nur noch das einkauften, was wir wirklich benötigen?

Der kanadische Umweltjournalist J. B. MacKinnon stellte sich vor einigen Jahren diese Frage – und beschloss, ihr auf den Grund zu gehen. Er sprach mit Wirtschaftsexperten, Konsumforschern und Sozialwissenschaftlern. Und verbrachte ausgiebig Zeit mit Menschen, die ihren Konsum schon lange drastisch reduziert haben, aus ganz unterschiedlichen Gründen.

James B. MacKinnon:

James B. MacKinnon: "Der Tag, an dem wir aufhören zu shoppen", Penguin Random House Verlagsgruppe, 480 Seiten, 20 Euro. © Random House Verlagsgruppe GmbH, München/dpa/Montage: Sabine Schmid

Als das Buch fast fertig war, kam Corona. Und aus dem Gedankenexperiment wurde Wirklichkeit, da es in weiten Teilen der Welt tatsächlich nur noch erlaubt war, das Nötigste einzukaufen. "Für mich als Autor war Corona eine Art glücklicher Zufall. Denn er half mir zu sehen, wie sich die von mir im Buch aufgestellten Thesen über den Effekt von radikalem Konsumverzicht in der realen Welt tatsächlich auswirken würden", berichtet MacKinnon im Interview.

30 Prozent weniger Konsum

In den ersten Monaten des globalen Lockdowns gingen die Kohlendioxid-Emissionen drastisch zurück. Das war für MacKinnon nicht wirklich überraschend – der unmittelbare Effekt auf die Natur allerdings schon: Plötzlich schwammen wieder Fische und Quallen in den ruhigen Kanälen von Venedig, Süßwasserdelfine planschten im sonst so schmutzigen Ganges, wilde Kaschmir-Ziegen eroberten das walisische Küstenstädtchen Llandudno.

Die Pandemie hat das Shopping-Verhalten verändert.

Die Pandemie hat das Shopping-Verhalten verändert. © Carsten Rehder/dp

MacKinnon ging bei seinem Gedankenexperiment zunächst von 25 Prozent weniger Konsum aus – vor Corona unvorstellbar. Doch in der Pandemie sank der Konsum in Europa im Schnitt um 30 Prozent – und mit ihm sanken die CO₂-Emissionen. Wenn auch nicht stark genug, um den Klimawandel zu stoppen: Die meisten Forscher gehen davon aus, dass wir die vom Menschen verursachten Kohlendioxid-Emissionen bis 2050 auf Null herunterfahren müssen, um die Erderwärmung bei 1,5 Grad Celsius zu stoppen.

25 Prozent weniger Konsum wären jedoch ein Anfang, so MacKinnon. Ein Verzicht, der den meisten Menschen in der westlichen Welt nicht wirklich weh tun würde, aber helfen könnte, unsere CO₂-Emissionen auf das Niveau des Jahres 2003 zu drücken.

Jedes Jahr berechnet das Global Footprint Network den ökologischen Fußabdruck der Menschheit. 2021 fiel der Erdüberlastungstag auf den 29. Juli. Bis dahin hatte die Menschheit alle Ressourcen verbraucht, die bei einer nachhaltigen Nutzung für das ganze Jahr gereicht hätten. Derzeit verbraucht die Menschheit die Ressourcen von 1,74 Erden, in den Industrieländern liegt der Verbrauch sogar noch höher: Hätten alle Länder der Welt einen Ressourcenverbrauch wie Deutschland, würden wir drei Erden benötigen.

Würde der Rest der Welt hingegen so leben wie Ecuador, würden die Ressourcen unseres Planeten ausreichen. J.B. MacKinnon stellt seinen Lesern die Familienangehörigen von Fernanda Paez vor: Sie wohnen in Ecuadors Hauptstadt Quito, Fernanda fährt Taxi, ihr Mann arbeitet bei einer Bank. Die Familie hat einen Computer im Haus, nur die Erwachsenen haben Handys, und die sind nicht nagelneu. "Ihr Lebensstil ähnelt dem in reicheren Ländern, nur hat man den Eindruck, er sei beim Waschen eingelaufen", beschreibt MacKinnon seine Eindrücke. Fernanda und ihre Familie scheinen mit ihrem Lebensstandard zufrieden, sie sehen sich keineswegs als arm.

Was würde passieren, wenn man weltweit die Wirtschaft auf das Niveau Ecuadors herunterfahren würde? Ist eine Alternative zum ständigen Wachstum möglich? Als einer der wichtigsten Wohlstandsindikatoren gilt seit den 1950er-Jahren das Bruttoinlandsprodukt (BIP), also der Gesamtwert aller Güter, Waren und Dienstleistungen einer Volkswirtschaft innerhalb eines Jahres.

Je höher das BIP pro Kopf, umso höher der Wohlstand einer Region oder eines Staates, so das allgemeine Credo. Ein wachsendes BIP gilt als gut, ein schrumpfendes als schlecht. Es gibt jedoch auch Forscher, die daran ihre Zweifel haben. Der kanadische Ökonom Peter Victor beispielsweise hat für sein Land in einer Computersimulation durchgespielt, welche Folgen ein verringerter Konsum hätte. Obwohl Victor im Modell das BIP-Wachstum schrittweise auf Null reduzierte, blieb der wirtschaftliche Zusammenbruch aus. Insgesamt stieg der Wohlstand der einzelnen Haushalte weiter, wenn auch langsamer als mit einem steigenden BIP.

Rebound Effekt nach der Pandemie

Die Krise hat mehr Interessantes hervorgebracht: "Indem man sein Einkommen verringert, kann man seinen Konsum verringern", hat Elisabeth Dütschke vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe festgestellt. Dütschke ging mit gutem Beispiel voran, indem sie ihre Arbeitszeit am Institut freiwillig reduzierte.

Andererseits befürchtet Dütschke nach der Pandemie den sogenannten "Rebound Effekt": Der greift, wenn Menschen, die während der Corona-Pandemie lieber Camping-Urlaub in Deutschland gemacht haben, glauben, dass sie dadurch das moralische Recht erworben haben, nach der Pandemie wieder öfter Flugreisen zu machen. Am Ende haben sie keinerlei positiven ökologischen Effekt erzielt oder haben der Umwelt vielleicht sogar geschadet.

Um Verbrauchern ihre Macht vor Augen zu führen, erzählt MacKinnon von einer Glühbirne in einem Feuerwehrhaus im kalifornischen Ort Livermore, die seit 120 Jahren brennt – ununterbrochen. Die Glühbirne erinnert uns daran, dass heute weltweit Konsumgüter produziert werden, die eine immer geringere Lebensdauer haben. Wer hat schließlich noch nicht über ein Gerät geflucht, das bereits wenige Monate nach dem Kauf kaputtging?

MacKinnon sieht hier eine Mitschuld des Konsumenten. Denn wir lassen uns durch niedrige Preise verlocken, solche Konsumgüter einfach kontinuierlich zu ersetzen. "Wahrscheinlich haben wir diesen Trend auch mitverursacht, weil wir Qualität nicht genug Wertschätzung entgegengebracht haben. Vielleicht haben wir hier auch den Punkt verpasst zu rebellieren.

Schaffen wir den Wandel in unserem Konsumverhalten? MacKinnon sieht diese Chance – nicht zuletzt wegen der Corona-Pandemie. In der Krise habe man bemerkt, dass das Handeln jedes Einzelnen globale Konsequenzen hat. Jetzt komme es darauf an, aus dieser Erkenntnis die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Bloß – wo anfangen? In Nordamerika ist MacKinnons Buch bereits vor einigen Monaten erschienen. Eine Kritikerin schrieb damals mit spitzer Feder: Kauft das Buch – und hört danach mit dem Kaufen auf!

3 Kommentare