Gianni Jovanovic bei Mit.Menschen: "Die Macht liegt bei den weißen Männern"

Nürnberg , am 15.10.2020..Ressort: Lokales Foto: Michael Matejka..i.H., Mitarbeiterportrait / Mitarbeiterporträt..Thomas Correll..Serie:1 Bild von 2
Thomas Correll

Leben

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25.3.2021, 06:00 Uhr
Zu Gast in der neuen Folge des Mit.Menschen Podcasts: Gianni Jovanovic.

© Pascal Amos Rest Zu Gast in der neuen Folge des Mit.Menschen Podcasts: Gianni Jovanovic.

Wir sprechen seit einer guten Dreiviertelstunde, da sagt Gianni Jovanovic auf meine Frage nach seinen Erfahrungen in Nürnberg: "Ich will etwas versuchen, Thomas, und vielleicht hilfst du mir dabei." Er ist sichtlich emotional. Ich bin perplex. Was kommt jetzt?

Gianni ringt um die richtigen Worte. Er beschreibt eine Nürnberger Lehrerin, eine Frau, die in seinem Leben eine unheimlich wichtige Rolle eingenommen hat. "Sie war wie eine Mutter, wie eine Freundin, war die beste Lehrerin. Sie hat mich geliebt, sie hat mich geschützt. Sie hat dafür gesorgt, dass ich diese Schule verlasse." Gianni hat Tränen in den Augen. "Das bedeutet mir Nürnberg, Thomas."

Christiane Bernecker hieß diese Frau, sie ist mittlerweile verstorben. Gianni hatte lange keinen Kontakt mehr mit ihr gehabt, als er sie vor Jahren aus Köln anrief. "Allmächtla, der Gianni", habe sie gesagt und sich unheimlich gefreut, von ihm zu hören. "Ich habe ihr auch gesagt, dass ich schwul bin. 'Bist du glücklich?', hat sie gefragt und ich habe Ja gesagt. 'Dann hast du alles richtig gemacht.'"

Bist du glücklich? Die Frage hat Gianni tief berührt. Es ist für ihn die ideale Vorstellung davon, wie Menschen miteinander umgehen sollten. Weil es Menschen gab in Nürnberg, die ihm geholfen haben, wie Christiane Bernecker, hat er seinen Frieden mit der Stadt gemacht, die ihm auch viel Leid und Schmerz zugefügt hat. Wie tief Giannis Verbindung zu Nürnberg ist, war mir nicht bewusst, als ich ihn als Podcast-Gast einlud.

Er wohnt mittlerweile in Köln, wir sprechen miteinander per Videokonferenz. Per Du sind wir sofort und ohne große Worte. Als er im tiefsten Fränkisch losplaudert, bin ich überrascht: Ich wusste, dass er in Hessen geboren ist, in Köln lebt. Ich hatte irgendwo gelesen, dass er wohl auch in Nürnberg eine Zeit lang gewohnt hat. Ich wusste, dass er ein Rom ist, also in der ethnischen Gruppe der Roma seine Wurzeln hat. Ich wusste, dass er schwul ist und Aktivist, der sich gegen Diskriminierung einsetzt, für die Rechte der LGBTIQ-Community und der Sinti und Roma. Dass er in Fischbach und der Südstadt in Flüchtlingsunterkünften aufgewachsen ist, wusste ich nicht.

Zunächst reden wir über die WDR-Talkshow "Die letzte Instanz" und die darauf folgende Welle der Empörung. Das "Z-Wort" stand im Zentrum dieser Sendung, als Bezeichnung für Soße oder Schnitzel. Für Gianni, der die "letzte Instanz" scharf kritisierte, hat dieses Wort ganz und gar nichts mit Ernährung zu tun: "Es ist eine Fremdbezeichnung. Ein schmerzhaftes Wort, das Menschen in die Haut eintätowiert worden ist, kleinen Kindern in den Schenkel, weil die Arme zu klein waren."


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Er meint damit die Erfahrungen von Sinti und Roma im Nationalsozialismus. Für Gianni darf man die Frage nach Begriffen nicht wissenschaftlich angehen, sondern nur auf der persönlichen Ebene: "Wenn du ein Wort benutzt, das mir im Herzen weh tut, dann sag es nicht." Sprache sei so wichtig, "weil sie Kanal ist für das, was wir denken. Durch Sprache können Kriege angefangen werden - aber auch beendet."

Der 42-Jährige wurde von seinen Eltern früh verheiratet, bekam zwei Kinder. Er outete sich als schwul und trennte sich von seiner Frau. Mittlerweile ist er zweifacher Großvater und lebt seit 16 Jahren mit seinem Ehemann zusammen.

Der 42-Jährige wurde von seinen Eltern früh verheiratet, bekam zwei Kinder. Er outete sich als schwul und trennte sich von seiner Frau. Mittlerweile ist er zweifacher Großvater und lebt seit 16 Jahren mit seinem Ehemann zusammen. © Pascal Amos Rest

Mir fällt es schwer, objektiv und neutral zu bleiben. Eine Ebene der Abstraktion zu erreichen. Denn Gianni ist durch und durch persönlich, sympathisch - natürlich will ich ihn nicht verletzen. Aber ich bin ein weißer Mann, und "die Macht liegt bei den weißen Männern". Hier findet Gianni deutliche, durchaus auch offensive Worte. "Das Machtverhältnis zwischen Weißen und Nicht-Weißen ist in Europa strikt geregelt. Es gibt strukturellen Rassismus." Dass solche Sätze, die aus einem politischen Manifest stammen könnten, bei Gianni im fränkischen Plauderton daherkommen, nimmt ihnen nicht die Klarheit.

Was können sie also tun, die weißen Männer? Wichtig sei zunächst die Einsicht, dass sie eine privilegierte Position haben. Gianni findet ein fast schon komisches Beispiel: eine schwarze Muslima mit Kopftuch, die im Rollstuhl sitzt. Diese Faktoren müsse man mitdenken, diese Frau könne niemals die gleiche Teilhabe an der Gesellschaft, an der Macht bekommen, wie ein weißer Mann, weil sie mit erschwerten Voraussetzungen zu kämpfen habe. Sie müsse Unterstützung bekommen, um "auf Augenhöhe" agieren zu können.


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Gianni spricht mich direkt an, ich weiß aber nicht, ob er mich auch meint: "Du hast die größten Privilegien. Aber wir sind auch noch da und wollen auch was vom Kuchen haben." Ich frage ihn, ob es nicht unweigerlich zum Konflikt kommen muss. Doch Gianni ist kein Mann des Konflikts, er will Brücken bauen. Es komme darauf an, die Macht zu teilen. Und Gianni räumt ein, dass er selbst gewisse Vorteile hat, als belesener Mann. Er hat schließlich Dentalhygiene und Zahnmedizin studiert.

Womit wir wieder zurück in Nürnberg sind, bei dem kleinen Rom-Jungen, der in Fischbach in einer brüchigen Unterkunft mit Holzofen und ohne Isolierung aufwächst, "wohnbar", wie er es nennt - aber so weit weg von einem Studium, selbst für Nürnberger Verhältnisse ziemlich ab vom Schuss. Es habe ständig Probleme mit der Polizei gegeben: "Wenn irgendwo irgendwas passiert ist, sind's wieder die Roma gewesen." Kein Geld, nur die Gutscheine, bei deren Einlösung sich seine Mutter immer so geschämt habe. Ein "Martyrium". Doch es habe auch Zuwendung gegeben, im Kindergarten, im Jugendclub. "Tolle Menschen, die sich um uns gekümmert haben. Das hat es ertragbar gemacht."

Wie selbstverständlich sei er dann in der Förderschule am Jean-Paul-Platz gelandet, damals noch Sonderschule genannt. "Ich hätte da nicht hingehört", sagt Gianni. Doch am Jean-Paul-Platz trifft er, seine Familie wohnt mittlerweile in einer Unterkunft in der Sperberstraße, auf Christiane Bernecker. Sie habe ihn immer wieder vor Scheußlichkeiten und auch Gewalt anderer Lehrer geschützt. Sie habe ihm Äpfel aus dem eigenen Garten mitgebracht, weil er nie ein Pausenbrot dabei hatte. Sie habe ihm schließlich den Mut gegeben, die Schule zu wechseln.

Auf der Hauptschule schreibt Gianni Einsen, er macht seinen Quali. Dann zieht die Familie weg aus Nürnberg, Probleme mit der Duldung. Gianni wohnt in Frankfurt, in Berlin, schließlich in Köln. Comedian, Aktivist, Entertainer, Zahnmediziner, Unternehmer - er hat es zu etwas gebracht, wie man früher gesagt hätte. Und er passt noch immer in keine Schublade. Bei seinen Auftritten fränkelt er nicht mehr, außer bei mir im Podcast. Aber die Verbindung zu Nürnberg, das ist mir jetzt erst richtig klar, geht sehr tief.

Eine Sache brennt Gianni noch auf dem Herzen, noch etwas, wobei ich ihm vielleicht helfen kann. Zu den zwei Kindern von Christiane Bernecker, Carolin und Christian, würde er unheimlich gerne Kontakt aufnehmen. "Eure Mutter hat mir so viel beigebracht, ich würde Euch so gerne sehen. Wir teilen diesen wunderbaren Menschen." Ich verspreche Gianni, dass ich das erwähnen werde. Vielleicht lässt sich der Geschichte von Gianni Jovanovic noch ein weiteres Nürnberger Kapitel hinzufügen.

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