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"Ausgeflogen": Mama muss lernen loszulassen

Lisa Azuelo erzählt in "Ausgeflogen" so witzig wie berührend von einer Mutter-Tochter-Beziehung - 18.07.2019 08:00 Uhr

Héloïse (Sandrine Kiberlain) mit ihren drei Sprösslingen als kleine Kinder. © Alamode


Dass sie dabei stets auch auf eigene Erfahrungen zurückgreift, bewahrt ihre Storys vor klamaukhaften Konstruktionen und sorgt dafür, dass man sich mit den Empfindungen der Protagonistinnen leicht identifizieren kann.

So hat Lisa Azuelo wie ihre Filmheldin Héloïse in "Ausgeflogen" ihre drei Kinder nach der Scheidung allein großgezogen. Und die Liebe, um die es hier geht, ist die zwischen Mutter und Tochter. Héloïses ältere Kinder, Lola und Theo, sind bereits auszogen, was die Mama, die in Paris ein Restaurant betreibt, offenbar verschmerzt hat. Doch als das Nesthäkchen Jade flügge wird und nach dem Schulabschluss auch noch im fernen Kanada studieren will, befällt Héloïse ein Gefühl von Panik.

Plötzlich wird ihr bewusst, dass sie bald allein sein wird. Zudem waren sie und ihre Jüngste sich immer besonders nah. Das zeigen die zahlreichen Rückblenden, in denen Héloïse sich an Jades Geburt, an das Heranwachsen der Kinder, an die Scheidung und an das liebevolle Familienleben ohne den Vater erinnert.

Das hätte auch leicht rührselig oder kitschig werden können. Doch dafür ist in Lisa Azuelos gleichermaßen einfühlsamer wie witziger und temporeicher Inszenierung kein Platz. Außerdem ist Sandrine Kiberlain als mal draufgängerisches, mal verletzliches Muttertier eine Wucht und überzeugt mit Komik genauso wie mit großer Sensibilität. Wenn sich ihre Héloïse zum Schein auf die Seite der Lehrerin schlägt, die Jade beim Probe-Abi beim Schummeln erwischt hat, bekommt selbst die strenge Pädagogin angesichts der Schimpftirade Mitleid mit der Schülerin.

Überhaupt hat die schlagfertige Héloïse die Gabe, sich und ihre Kinder aus jeder brenzligen Situation herauszuhauen. Zugleich vermittelt der Film glaubhaft ihre Verzweiflung angesichts des nahenden Auszugs der geliebten Tochter. Mit dem Smartphone filmt Héloïse Jade bei allem, was sie tut – "um mir Erinnerungen zu schaffen". Wenn Jade auf eine Rave-Party geht oder zum ersten Mal einen Jungen bei sich übernachten lässt, behält Héloïse ihre Einwände, auch wenn’s ihr schwer fällt, für sich. Sie weiß, dass sie die Tochter nicht aufhalten kann.

Verkörpert wird Jade von Thaïs Alessandrin, der Tochter der Regisseurin, die sich in ihrem lebensechten Spiel als absolut ebenbürtige Partnerin Kiberlains erweist. Das Schönste an diesem Film ist, wie die Sorge umeinander Héloïse und ihre Kinder zu einer Gemeinschaft verbindet, die nichts zerstören kann. 

Regina Urban

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