Drama

"Borga": Verlockung Europa

28.10.2021, 14:41 Uhr
In Deutschland verliebt sich Kojo (Eugene Boateng) in die Sanitäterin Lina (Christine Paul). Aber auch ihre Beziehung leidet unter dem Gefälle zwischen Schein und Sein.

In Deutschland verliebt sich Kojo (Eugene Boateng) in die Sanitäterin Lina (Christine Paul). Aber auch ihre Beziehung leidet unter dem Gefälle zwischen Schein und Sein. © Across Nations

Bei seiner Ankunft in Mannheim hält Kojo (Eugene Boateng) das zerknitterte Foto hoffnungsvoll in der Hand. Im feinen Anzug, mit einem strahlenden Lächeln blickt der Onkel in die Kamera. Dahinter ist eine kleine Villa zu sehen. "So ein Bild bekommst du hier für 50 Euro", sagt der Ladenbesitzer ernüchternd. Alles Fake, um die Verwandtschaft in Ghana zu beeindrucken.

Natürlich hat der Onkel es in Deutschland nicht zu Wohlstand und Reichtum gebracht, sondern lebt wie die meisten Migranten aus Afrika von der Hand in den Mund.

Kojo ist in dem Viertel Agbogbloshi in Ghanas Hauptstadt Accra aufgewachsen, wo sich auf einer riesigen Müllhalde der Elektroschrott aus ganz Europa türmt. Im Betrieb seines Vaters hat er nach der Schule die wertvollen Metalle aus den Geräten herausgeschmolzen und -gehämmert. Nur wer hart arbeitet, kann es zu etwas bringen, hat der Vater dem Jungen eingetrichtert. Aber Kojo sieht für sich keine Perspektive mehr in seiner Heimat. Er schafft es nach Deutschland und will ein "Borga" werden – so nennt man abgeleitet von "Hamburger" die Emigranten, die es in Europa zu Geld gebracht haben.

Aber auch in Deutschland kommt man als illegaler Flüchtling allein mit harter Arbeit nicht weit. Deshalb heuert Kojo als Drogenkurier an. Der Job ist gut bezahlt. Und so kehrt Kojo im feinen Anzug und mit gut gefüllter Geldbörse nach Agbogbloshi zurück. Aber damit fangen die Problem erst an.

In seinem herausragenden Regiedebüt "Borga", das beim diesjährigen Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken ausgezeichnet wurde, zeigt York-Fabian Raabe aus der Perspektive eines jungen Ghanaers, welchem Druck Migranten sowohl in Deutschland als auch in ihrer Heimat ausgesetzt sind. Dabei gelingt es Raabe anhand einer ganz persönlichen Geschichte die Folgen der globalen Ungleichheit auf Augenhöhe zu verhandeln.

Väterliche und familiäre Anerkennung

Im Herzen ist "Borga" die Story eines jungen Mannes, der um väterliche und familiäre Anerkennung ringt und seine Verwandtschaft aus dem sozialen Elend zu befreien versucht. Tatsächlich eröffnen sich für Kojo als Wandler zwischen den Welten zunächst neue Handlungsmöglichkeiten. Die abgeschriebene Aktionsware eines Mediamarktes, die normalerweise auf dem Müll landen würde, verschifft er nach Ghana, wo sein Bruder die Ware gewinnbringend weiter verkauft.

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Aber der neue, relative Reichtum bringt das soziale Gefüge zu Hause aus dem Gleichgewicht und lässt die Ansprüche von Nachbarn, Verwandten und Freunden gegenüber Kojos Familie steigen.

Auf eindrückliche Weise zeigt "Borga", wie schwer es ist, innerhalb des obszönen globalen Wohlstandsgefälles auf eigene Faust punktuell eine Verbesserung der Lebensverhältnisse herzustellen. Dabei lassen Raabe und der wunderbare Hautdarsteller Eugene Boateng die Figur nie ins Opferklischee abrutschen, sondern zeigen die Energie und Willenskraft des jungen Migranten, der in widrigen Verhältnissen alle Hebel in Bewegung setzt, um sich und seiner Familie eine neue Perspektive zu geben. (104 Min.)

In diesen Kinos läuft der Film.

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