Preisgekrönte Langzeit-Doku

Das ist guter Unterricht: "Herr Bachmann und seine Klasse"

7.10.2021, 10:04 Uhr
Hier ist Musikmachen ganz wichtiger Teil des Unterrichts: Dieter Bachmann mit seinen Schülerinnen Stefi (links) und Ilknur.

Hier ist Musikmachen ganz wichtiger Teil des Unterrichts: Dieter Bachmann mit seinen Schülerinnen Stefi (links) und Ilknur. © Grandfilm

Vergesst nicht, erklärt Herr Bachmann seinen Schützlingen aus der 6b am Ende bei der Zeugnisübergabe, "diese Noten sind nur Momentaufnahmen. Das Wichtigste ist, dass ihr alle tolle Kinder seid". Dass sie das sind, hat viel mit Dieter Bachmann zu tun.

In ihrer preisgekrönten Doku begleitet die Regisseurin Maria Speth über mehrere Monate den Lehrer an der Georg-Büchner-Gesamtschule im hessischen Stadtallendorf und seine Klasse. Seine Schülerinnen und Schüler haben ihre Wurzeln in Bulgarien, Russland, der Türkei, Italien, Marokko. Einige Familien kamen vor Jahrzehnten als Gastarbeiter nach Hessen, andere leben erst seit kurzem hier, ihre Kinder hadern noch mit der deutschen Sprache.

Dass auch Bachmann ein Vorleben hatte – als Soziologe, Steinmetz und Folksänger –, bevor er Lehrer wurde, sieht man u.a. an den vielen Gitarren und dem Schlagzeug, die im Klassenraum stehen und auf denen oft gemeinsam gespielt wird. Musik ist ein wichtiger Teil des Unterrichts, noch wichtiger sind Bachmann Empathie und genaues Zuhören.

Dabei kann er auch streng sein. Wenn morgens beim Betreten der Klasse geredet wird, werden alle wieder rausgeschickt. Ist nicht schlimm, neuer Versuch. Als auf die Frage, "Seid ihr noch müde?", viele Finger hochgehen, dürfen alle nochmal den Kopf auf die Arme legen und für ein paar Minuten abtauchen.

Im Verlauf der nächsten dreieinhalb Stunden lernt man die Jungen und Mädchen als Persönlichkeiten kennen, die einem ans Herz wachsen: Da ist Hasan, der Boxer werden will, der sich mit Mathe und Lesen schwertut, aber bald richtig gut Gitarre spielt und im Laufe der Dreharbeiten einen erstaunlichen Reifeprozess durchlebt. Oder die schüchterne Rabia, die sich in der Klasse wohlfühlt, deren Mutter in der Sprechstunde aber erzählt, sie müssten wegen der Trennung vom Vater wegziehen. Was Bachmann sichtlich bestürzt.

Jamie, der gut in Deutsch ist, weigert sich störrisch, der verschlossenen Ferhan beim Lernen zu helfen. Später erweist er sich als berührend einfühlsamer Junge. Stefi, die eine tolle Stimme hat, wird mit wachsendem Selbstbewusstsein auch frecher, weshalb Bachmann sie mehrmals der Klasse verweist. Der Verzicht auf Disziplin ist nicht seine Sache.

Jeder darf seine Meinung haben

Es wird über Heimat gesprochen, über Wahrheit und "Verarsche", erste Liebe und Homosexualität, die einige "eklig" finden, während die kluge Ilknur meint, "Hauptsache, sie lieben sich". Bachmann begegnet den Kindern mit großer Zugewandtheit, er nimmt sie ernst, checkt nebenbei ihren Wortschatz, ihr Sprachverständnis und lässt bei Streitigkeiten nicht locker. Jeder darf seine Meinung haben, aber er soll sie mit Argumenten verteidigen.

Einmal besucht die Klasse die Gedenkstätte in Stadtallendorf, die an die Zwangsarbeiter aus ganz Europa erinnert, die hier in der Sprengstofffabrik der Nazis schufteten. Später kamen die Gastarbeiter. Stadtallendorf, wird dabei deutlich, hat eine lange Einwanderungsgeschichte.

Doch das erzählt Speth am Rande. Im Zentrum stehen die Kinder, die einen mit ihrer offenen, herzlichen, impulsiven Art zum Lachen, Mitfühlen und manchmal vor Zärtlichkeit fast zum Weinen bringen. Es ist ihr letztes gemeinsames Jahr. Dieter Bachmann wird in Rente gehen, seine Schützlinge werden, je nach Leistungsstand, auf unterschiedliche Schulen wechseln. Verhindern lässt sich die Einsortierung nicht, aber Pädagogen wie Bachmann können den jungen Menschen den Weg in die Zukunft auf bestmögliche Weise ebnen. Zuzuschauen, wie ihm das gelingt, ist begeisternd, bewegend und ermutigend. (217 Min.)

In diesen Kinos läuft der Film.

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