Freitag, 06.12.2019

|

zum Thema

"Der Glanz der Unsichtbaren": Schwestern der Straße

Die Semi-Doku "Der Glanz der Unsichtbaren" geht ans Herz, überzeugt aber nur zum Teil - 10.10.2019 09:00 Uhr

In "Der Glanz der Unsichtbaren" kämpfen die Betreuerinnen der Tagesstätte für obdachlose Frauen mit aller Kraft für ihre Klientinnen. © Piffl-Medien


In diesem Hafen auf Zeit wird keiner allein gelassen: Die Leiterinnen Manu (Corinne Masiero), Audrey (Audrey Lamy), Hélène (Noémie Lvovsky) und Angélique (Déborah Lukumuena) kämpfen um jede Seele, die bei ihnen strandet, helfen beim Papierkram, telefonieren bis zur Erschöpfung nach Schlafplätzen für die Nacht herum und begleiten ihre Besucherinnen sogar aufs Amt und zum Vorstellungsgespräch.

Über ihr Vollzeit-Engagement gerät das Privatleben der Sozialarbeiterinnen ins Hintertreffen. Doch dann soll der beliebte Treffpunkt geschlossen werden, weil die Sesselfurzer von der Stadtverwaltung festgestellt haben, dass die Statistik nicht stimmt: Zu wenige Besucherinnen finden zurück ins bürgerliche Leben. "Wir müssen effizient sein", heißt es da. Und: "Die fühlen sich zu wohl bei euch!" Manu trifft eine einsame Entscheidung an der Bürokratie vorbei...

In seinem Heimatland Frankreich war "Der Glanz der Unsichtbaren" ein veritabler Erfolg an den Kinokassen. Der in den Hauptrollen rein weiblich besetzte Film (40 Prozent der Obdachlosen in Frankreich sind Frauen) ist aber auch beseelt gespielt und vorzüglich gefilmt. Problematisch ist das Format: Lange denkt man, man sei in einer Dokumentation US-amerikanischer Machart gelandet mit Witzlein hier und flotten Sprüchen dort, doch tatsächlich ist "Der Glanz der Unsichtbaren" ein Spielfilm. Das fühlt sich gerade in der deutschen Synchronisation sehr unecht an, zumal die Inszenierung ganz bewusst mit dieser Verwirrung spielt und vermeintlich "gefundene Bilder" liefert.

Ein Stück weit ist diese Unentschlossenheit der Entstehungsgeschichte des Films geschuldet (Anstoß gab ein Sachbuch über Frauen auf der Straße), hängt aber auch an der Besetzung. Vor der Kamera erlebt man neben professionellen Schauspielerinnen auch Frauen, die selbst lange obdachlos waren. Das sorgt für Authentizität, lockt den Zuschauer aber auf eine falsche Fährte – was man je nach Sichtweise originell oder verwerflich finden mag.

Dass Regisseur Louis-Julien Petit zahlreiche Lebensgeschichten aufklappt, aber nur wenige weitererzählt, ist ebenfalls schade. Auch viele Szene-Probleme wie Aids, Alkohol und Drogen bleiben in diesem einfühlsamen gleichwohl wenig zwingend und viel zu unaufgeregt inszenierten Feel-Good-Mutmacherfilm weitgehend außen vor. Die Musik ist auch dann kitschig-melodramatisch, wenn Annie Lennox und Aretha Franklin gerade mal nicht das zu erwartende "Sisters Are Doin’ It For Themselves" schmettern. Weil "Der Glanz der Unsichtbaren" jedoch ein Film der Herzen ist, guckt man über derartige Oberflächlichkeiten gerne hinweg. (F, 102 Min.)

Stefan Gnad

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: Kino