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"Es gilt das gesprochene Wort": Scheinehe mit Folgen

Meisterhaft leichthändig: "Es gilt das gesprochene Wort" - 01.08.2019 08:00 Uhr

Pilotin Marion (Anne Ratte-Polle) und der Türke Baran (Ogulcan Arman Usler). © X-Verleih


In der Bar, wo man ihn als Spüler anheuert, wird das Geld mit dem Beglücken nicht mehr taufrischer Touristinnen verdient. Als ihn die deutsche Pilotin Marion (Anne Ratte-Polle), die mit ihrem Dauerverhältnis, dem verheirateten Musiklehrer Raphael (Godehard Giese), auf Kurzurlaub ist, von einer zudringlichen Sextouristin befreit, versucht Baran sein Glück. Er gesteht ihr, dass er weg will, am besten per Scheinheirat zwecks Einbürgerung. Die gute Fee zögert, verständlicherweise, gibt ihm jedoch ihre Handynummer.

Regisseur Ilker Çatak, der schon während des Studiums Preise eingeheimst hat, darunter den Studenten-Oscar und den Max-Ophüls-Preis in der Sparte Kurzfilm, ist ein sehr geschickter Szenenwechsler durch Weglassen. Immer wenn’s zu gefühlig oder märchenhaft wird, soll man sich seinen Teil denken. Als Baran Marions Nummer anruft, waren wir bereits Zeuge der Tortur, die sie hinter sich bringen musste. Brustkrebs wurde diagnostiziert, Berufsunfähigkeit droht, und der ewige Raphael, scheidungsunwillig mit Kind, ist reif fürs Abserviertwerden.

Man kann sich aussuchen, welche der von Pilotin Marion cool gemeisterten Extremsituationen dazu führt, dass die Fee Marion dem deutlich jüngeren Baran den folgenden Deal zwecks Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft anbietet: Er kann kommen, es wird geheiratet, gelernt, aber sobald es Probleme mit den Behörden gibt, die dann zu Marions Problemen werden, ist Schluss. Sie zahlt ihm die Bude, besorgt ihm einen Job, das war’s.

Sehr, sehr vorsichtig bringt Çatak, der auch am Drehbuch mitschrieb, diese Liebesgeschichte in Gang. Seine beiden Hauptdarsteller meistern die Gratwanderung zwischen respektvoller Zurückhaltung und wachsender Zuneigung bravourös. Sie als selbstironischer Profi, er als gelehriger Schüler, der im Zweifelsfall die Klappe hält und einen Sinn für klassische Musik entwickelt, die hier eine nicht unwichtige Rolle spielt. Dezent natürlich.

Richtig grob wird es erst, als es daran geht, das Happy End scheitern zu lassen. Der Türke hat als Gepäckabfertiger geklaut, weil er Werkzeug brauchte, um geklaute Fahrräder zu reparieren. So die Version der Chefs, und schon sind Barans Probleme bei Marion angekommen. Der Deal ist geplatzt. Wie dann vielleicht doch alles gut ausgeht, sei nicht verraten, und ist so meisterhaft leichthändig inszeniert wie alles an dieser Geschichte. (D/120 Min.)

Michael Wunderlich

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