Donnerstag, 24.10.2019

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"Gut gegen Nordwind": E-Mails für Dich

Die Romanverfilmung "Gut gegen Nordwind" mit Nora Tschirner als Romanze von der Stange. - 12.09.2019 08:00 Uhr

So wie dieses Szenenfoto ist der ganze Film: Nora Tschirner in "Gut gegen Nordwind". © Sony


Dessen Leben gleicht gerade wieder einmal einem umgedrehten Aschenbecher, weil die Langzeit-On/Off-Freundin mit einem spanischen Piloten durchgebrannt ist. Im Folgenden entspinnt sich eine muntere Online-Konversation, in deren Verlauf die Herzen der beiden Protagonisten in der digital-unverbindlichen Blase ordentlich durchgeschüttelt werden – bis es endlich zum unausweichlichen Treffen in der echten Welt kommt . . .

"Gut gegen Nordwind" funktioniert nicht als Film. Der zu gleichen Teilen harmlosen wie unentschlossenen Liebesromanze liegt der gleichnamige Briefroman-Bestseller von Daniel Glattauer zugrunde, der als ein einziger langer E-Mail-Verkehr angelegt war und den man eigentlich als recht ordentlich in Erinnerung hatte. Problem: Das Buch ist von 2006, und 13 Jahre sind in der digitalen Welt mindestens eine Ewigkeit. Natürlich funktioniert flirten per E-Mail immer noch, trotzdem hat das hier was von Steinzeit – mit (getippten) Dialogen aus der Hölle. Das pseudo-geistreiche E-Mail-Ping-Pong zwischen den beiden spröden Typen langweilt ab der fünften verschickten Nachricht tödlich, weil es null groovt – nicht zwischen den Zeilen und schon zweimal nicht zwischen den vorgeblich Seelenverwandten. Dabei hatte der Roman so schöne Bonmots wie "Das hier ist wie Telefonsex, nur ohne Sex. Und ohne Telefon."

Und dazu diese symbolträchtigen Bilder! Gibt es niemanden, der den Ausführenden (Drehbuch: Jane Ainscough, Regie: Vanessa Jopp) gesteckt hat, dass es keine gute Idee ist, die beiden Verliebten engumschlungen im Weichzeichner zu zeigen und um sie herum Buchstaben schneien zu lassen, auf dass auch der letzte Trottel im Kinosaal kapiert: "Aha: Die Sprache befeuerte diese Liebe!"?

Zumindest beschränkt sich der Komödienanteil auf "Das Klopapier ist alle"-Gags, wenn die Hauptdarstellerin auf dem Topf sitzt. Wer deutsche Liebesfilme mag und sich nicht an Großstädtern stört, die trotz Job und Familie Zeit finden, den lieben langen Tag zu chatten, wenn sie nicht gerade von Leidenschaft gebeutelt im Nachthemd ins Auto springen, um ans andere Ende der Stadt zu düsen, wird diesem fürs Fernsehen gedrehten Streifen etwas abgewinnen können. (DE/122 Min.)

Stefan Gnad

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