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"Ich war zuhause...": Für das Leben gibt es keine Spielregeln

Film besteht aus einer Reihe von lose zusammengestellten Tableaus - 20.08.2019 10:50 Uhr

Maren Eggert (mitte) als Astrid. © Piffl


Film ist immer Erfindung, zeigt nie die Wirklichkeit – das thematisieren alle ihre oft preisgekrönten Werke, die trotz der ausgestellten Künstlichkeit eine große Poesie und absurde Komik entfalten.

"Ich war zuhause, aber..." besteht aus einer Reihe von lose zusammengestellten Tableaus. Im Zentrum steht Astrid (Maren Eggert), Mutter einer kleinen Tochter und eines 13-jährigen Sohns, Phillip (Jakob Lassalle), der einige Tage verschwunden war und völlig verdreckt vor seiner Schule wieder auftaucht. Den Grund seines Verschwindens erfährt man nicht, auch Astrid fragt nicht danach. Dass sie froh ist, ihn "wieder zu haben", zeigt eine stumme Szene, in der sie vor ihm kniet und seine Beine umklammert.

In der Schule, wo die Kinder Dialoge aus "Hamlet" proben (fast ausdruckslos vorgetragen, wirken Shakespeares Texte umso existenzieller), bittet sie die Lehrer, Verständnis für Phillip zu haben. Sie kauft ein gebrauchtes Fahrrad, das schon auf dem Heimweg kaputtgeht. Der Sohn muss wegen einer Blutvergiftung ins Krankenhaus. Und etwa in der Mitte des Films sieht man, wie Astrid nachts über die Friedhofsmauer klettert und sich auf das Grab ihres Mannes legt. Dazu läuft eine Unplugged-Version von David Bowies "Let’s Dance". Die Musik leitet in eine Rückblende über, in der Astrid mit ihren zwei Kindern in einem Klinikzimmer eine Choreografie aufführt. Wohl vor dem Bett des todkranken Ehemanns und Vaters.

Es ist eine herzergreifend schöne Szene, die einzige, in der man Astrid lächeln sieht, und in der einem plötzlich klar wird, dass Angela Schanelec hier einen persönlichen Verlust verarbeitet – den Tod ihres Mannes, des 2009 gestorbenen Theaterregisseurs Jürgen Gosch, Vater ihrer zwei Kinder.

Es gibt noch eine andere Szene, in der Astrid wie die Identifikationsfigur der Filmemacherin erscheint. Da erklärt sie einem Regisseur, warum sie seinen Film, in dem er Schauspieler und Sterbenskranke gemeinsam auftreten lässt, schlecht findet. Weil da das Falsche auf das Echte treffe, die Lüge des Schauspielers auf die Wahrheit des Todgeweihten. Es ist Schanelecs eigene Überzeugung: das Spiel auf der Leinwand, auf der Bühne bleibt immer Spiel.

Gerade weil der Film nie leugnet, dass die Menschen, die man sieht, Rollen spielen, ist "Ich war zuhause, aber..." von großer Wahrhaftigkeit. Auch Astrids Wutausbrüche gehören dazu, die Zärtlichkeit der Kinder und der magische Schluss, als Phillip die Mutter und die Schwester an den Ort im Wald führt, wohin er verschwunden war. (D/105 Min.)

Regina Urban

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