Tragikomödie

Im Rausch der Liebe: die Romanverfilmung "Warten auf Bojangles"

4.8.2022, 16:55 Uhr
George (Romain Duris) und Camille (Virginie Efira) lassen sich die Lust am exzessiven Leben und an der Liebe auch von Camilles depressiven Schüben nicht nehmen.

© Studiocanal GmbH George (Romain Duris) und Camille (Virginie Efira) lassen sich die Lust am exzessiven Leben und an der Liebe auch von Camilles depressiven Schüben nicht nehmen.

Als versierter Hochstapler unterhält Georges die mit teuren Perlen behangenen Damen mittleren Alters vorzüglich. Mal gibt er sich als rumänischer Nachfahre Graf Draculas aus, mal als Sohn eines amerikanischen Automobilherstellers. Aber dann sieht er Camille (Virginie Efira) und es ist um ihn geschehen. Inmitten der stocksteifen Gesellschaft tanzt sie extrovertiert mit sich und ihrem Federschmuck.

Wenig später flüchten die beiden mit einem kühnen Sprung ins Meer, brausen im Cabrio die Küste entlang. Dann fahren sie gegen einen Baum vor einer Kapelle, wo sie sich gleich das Ja-Wort geben und auf dem Altar übereinander herfallen.

Nicht selbstgewählt

Neun Monate später kommt Sohn Gary zur Welt, doch das Elterndasein hält die beiden nicht von ihrem exzessiven Liebes- und Lebenswandel ab. In der Pariser Wohnung stapelt sich neben der Eingangstür ein Berg mit ungeöffneter Post, ein zahmer Reiher stolziert über das Parkett und abends werden ausschweifende Partys gefeiert.

Aber bei Camille ist der unkonventionelle, rauschhafte Lebensstil nicht selbstgewählt, sondern Teil eines manisch-depressiven Krankheitsbildes. Immer öfter taucht sie unvermittelt in dunkle Seelenabgründe ab. Auch die unumstößliche Liebe von Ehemann und Sohn können sie nicht vor den Abstürzen bewahren.

Mit "Warten auf Bojangles" bringt Regisseur Régis Roinsard den gleichnamigen Roman von Olivier Bourdeaut auf die Leinwand und lässt sich nur zu gern vom exzessiven Lebensgefühl der Hauptfiguren mitreißen. Verschwenderische Ausstattung, sonnendurchflutete Landschaften, opulente Partyszenen, die hochmobile Kamera und eine knallbunte Farbpalette summieren sich zu einem Kino-Erlebnis à la française, das die romantische Lebensfreude ausschweifend feiert, um sie in der Mitte der Erzählung ebenso eindrücklich zerbrechen zu lassen.

Wie seine manisch-depressive Heldin geht auch der Film in seinen Höhen und Tiefen stets in die Vollen. Alles scheint hier pure cineastische Emotion, die auch auf der sehr präsenten Musikspur kraftvoll untermalt wird. Aber der Rausch der Gefühle führt über die Länge von zwei Kinostunden immer wieder in die melodramatische Übersättigung.

Auch wenn Virginie Efira die bipolare Figur mit Verve und Feingefühl verkörpert, wird hier das Stereotyp der Schmerzensfrau allzu unreflektiert bedient. Da wäre zwischen all den großen Gefühlen ein wenig analytische Distanz durchaus hilfreich gewesen. (124 Min.)

In diesen Kinos läuft der Film.

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