Mittwoch, 23.10.2019

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"Joker": Der verstoßene Clown

Todd Phillips' düsterer Film hält der gespaltenen amerikanische Gesellschaft den Spiegel vor - 10.10.2019 09:00 Uhr

Wahnsinniger Clown und Schmerzensmann: Joaquin Phoenix als Arther Fleck alias Joker. © Warner Bros.


So ist es auch mit den Comic-Verfilmungen: Die Weltenretter in ihren Elastan-Anzügen kommen nur in Auseinandersetzung mit veritablen Widersachern wirklich zur Geltung, und manchmal ist es sogar der Bösewicht, der die Gunst des Publikums gewinnt.

Als Christopher Nolans "The Dark Knight" 2008 ins Kino kam, sprach keiner über Christian Bales Batman-Figur, sondern alle über Heath Ledgers Joker. Das unkalkulierbare Böse nahm in Ledgers Performance geradezu haptisch Gestalt an und bündelte die tiefe Verunsicherung der amerikanischen Post-9/11-Gesellschaft auf der Leinwand. Joker wurde zur wichtigsten Kino-Ikone seines Jahrzehnts, der frühe Tod Heath Ledgers wenige Monate nach Ende der Dreharbeiten ließ die Figur mit dem Schauspielermythos verschmelzen.

Nun geht Todd Phillips ("Hangover") mit seinem neuen Film "Joker" noch einen Schritt weiter: Er macht den Mann mit dem Clownsgesicht zum alleinigen Protagonisten und taucht tief ein in die Seelenstruktur des angehenden Bösewichtes. Die Handlung ist in den frühen 80er Jahren von Gotham City angesiedelt. Der Müll stapelt sich auf den Straßen. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist größer denn je. Die Kriminalitätsrate schnellt in die Höhe. Kein Superheld weit und breit.

In der Stadt, in der es nichts mehr zu lachen gibt, schlägt sich Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) als Straßenclown durch und wird von ein paar Jugendlichen brutal verprügelt – die erste von vielen Erniedrigungen, die ihn im Lauf des Films zunehmend emotional radikalisieren. Der Clown ist ein Mann am Rande des Nervenzusammenbruchs, der von grotesken Lachanfällen heimgesucht wird. Sieben verschiedene Psychopharmaka nimmt er ein und träumt davon, ein berühmter TV-Komiker zu werden so wie sein großes Vorbild Murray Franklin (Robert De Niro).

Als ihn in der U-Bahn drei betrunkene Banker belästigen, zieht Arthur die Pistole und schießt die Angreifer nieder. Die Morde machen Schlagzeilen und werden als politische Tat gewertet. "Tötet die Reichen" steht auf den Schildern der Demonstranten, die Clowns-Masken tragen. Während Arthur als Held der Armen missverstanden und gefeiert wird, verliert er zunehmend die Kontrolle, kann Imagination und Wirklichkeit nicht mehr auseinanderhalten und beginnt, sich für die erlittenen Erniedrigungen zu rächen.

Joaquin Phoenix spielt den Psychopathen mit einer sich langsam steigernden Intensität, die gleichzeitig Empathie und Beklemmung hervorruft. Der heruntergehungerte Körper ist der eines Schmerzensmannes, der enorme Energien freisetzt, wenn sich sein Leid in Aggression verwandelt. In die zwanghaften Lachanfälle mischt sich ein bedrohliches Röcheln, das sich tief aus der Seele den Weg durch den Körper freikämpft. Es ist eine Performance, die zweifellos in die Filmgeschichte eingehen wird, auch weil sie die widersprüchlichen Ängste und Aggressionen unserer Zeit in sich aufnimmt.

Keine Erlösung

Regisseur Todd Phillips hält sich fern von plumpen 1:1-Analogien, aber die Assoziationen, die der Film vor allem auf die politische und gesellschaftliche Realität in den USA freisetzt, sind unübersehbar: Die unerträgliche Kluft zwischen Arm und Reich, ein zynischer Bürgermeister, der sich über die Systemverlierer lustig macht, die alltägliche Wut auf der Straße, die fehlende Hoffnung auf eine gesellschaftliche Veränderung, die dazu führt, dass sich der Mob ausgerechnet einen wahnsinnigen Clown als Leitfigur wählt.

Mit erstaunlicher Konsequenz beharrt Phillips auf seinem düsteren Szenario, in dem es keine Erlösung, sondern nur den Weg in die aggressive Entladung der sozialen Spannungen gibt. Brachte "The Dark Knight" den Seelenzustand Amerikas nach dem Anschlag auf das World Trade Center auf den Punkt, ist es nun "Joker", der ein Psychogramm der zutiefst gespaltenen US-Gesellschaft in der Ära Trump metaphorisch abbildet und den Finger fest an den Puls unserer finsteren Zeit legt. (USA/122 Min.)

Martin Schwickert

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