Mittwoch, 23.10.2019

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"Paranza - Der Clan der Kinder": Verlorene Unschuld

Das eindringliche Drama "Paranza - Der Clan der Kinder" - 22.08.2019 09:00 Uhr

Nicola (Francesco di Napoli, li.), das erste Mal mit einer Waffe in der Hand. © Prokino


Nicola (Francesco di Napoli) und seine Bande wollen die Macht in ihrem Viertel in Neapel übernehmen. Die rivalisierenden Camorra-Gangs liegen weitgehend darnieder. Bislang haben die Jungs sich für den lokalen Paten als Drogendealer verdingt und Haschisch vor der Uni verkauft. Von ihrem Lohn können sie sich endlich die begehrten Designerklamotten, neue Mofas und einen Tisch in der Diskothek Joia kaufen. Als auch der Pate verhaftet wird, wittert Nicola seine Chance zum Aufstieg.

Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Roberto Saviano (vielfach preisgekrönt für sein ebenfalls verfilmtes Mafia-Porträt "Gomorrha") entführt "Paranza" in oft betörend schönen Bildern in eine finstere Welt. Regisseur Claudio Giovannesi hat überwiegend mit vor Ort gecasteten Laiendarstellern gedreht. Bei ihren Mopedjagden durch die Gassen Neapels ist ihnen die Kamera dicht auf den Fersen. Anfangs liegt über vielen Szenen noch eine unbeschwerte Ausgelassenheit, später, wenn mit den Waffen nicht mehr zum Spaß in Höhlen herumgeballert wird, sondern Nicola seinen ersten Mord begeht und endgültig seine Unschuld verliert, ist aus dem Spiel blutiger Ernst geworden.

Giovannesi zeigt eine große Empathie für seine jungen Protagonisten. Nicola kümmert sich rührend um seinen jüngeren Bruder, er liebt seine Mutter, die eine Reinigung betreibt, aber wie alle Bewohner des Viertels unter den Schutzgeldzahlungen leidet. Den Vater sieht man nie. Einmal kauft Nicola ihr eine 12 000 Euro teure Inneneinrichung, im nächsten Moment mault er seinen Bruder wegen der aufgegessenen Lieblingskekse an. Kurz darauf wird er in dem feindlichen Viertel, in dem seine Freundin Letitia lebt, von der dortigen Gang gestellt. Solche Episoden offenbaren all die Widersprüche im Leben dieser Halbwüchsigen, die viel zu jung sind, um die fatalen Folgen ihres Tuns zu überblicken.

Es ist ein düsteres Bild, das Saviano und Giavonnesi von der italienischen Gesellschaft zeichnen. Was auch die Kinder hier schon früh lernen: Was zählt, sind Geld, Party und Macht. Ein fataler Irrglaube. (I/105 Min.)

Regina Urban

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