Sonntag, 17.11.2019

|

zum Thema

"Parasite": Klassenkampf im Wohnzimmer

In der bitterbösen Tragikomödie "Parasite" wir die soziale Kluft in Südkorea thematisiert - 17.10.2019 09:00 Uhr

Die Familie Kim verdient ihr weniges Geld mit dem Zusammenfalten von Pizzakartons. Doch das wird sich bald ändern. © Koch Film


Dabei verliert der südkoreanische Regisseur Bong Joon-ho, in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet, nie die existenzielle Tragik derer aus dem Blick, die auf der Verliererseite stehen.

Die Familie Kim und die Familie Park kennzeichnen in "Parasite" sie entgegengesetzten Enden der sozialen Leiter. Die Kims hausen in einer schäbigen Souterrain-Wohnung, von der aus sie direkt auf das prekäre Straßenleben in dem vermüllten Armenviertel von Seoul blicken. Ihr weniges Geld verdienen sie mit dem Falten von Pizzakartons.

Doch die Kims sind arm, aber nicht dumm. Als der Sohn Ki-woo (Choi Woo-shik) durch die Empfehlung eines Freundes von den Parks als Englisch-Nachhilfelehrer für ihre Tochter engagiert wird, weiß Ki-woo die Hausherrin schon bei der ersten Begegnung zu beeindrucken. Mrs. Park (Jo Yeo-jeong) ist nett, jung und herrlich naiv, auf das vereinbarte Gehalt des jungen Mannes legt sie gleich ein bisschen drauf ("wegen der Inflation") und lässt sich von ihm eine Kunstlehrerin für den hibbeligen kleinen Sohn vermitteln, den sie für ein Naturtalent hält.

So bringt Ki-woo auch seine Schwester Ki-jung (Park So-dam) bei den Parks unter – natürlich ohne die verwandtschaftlichen Verhältnisse preiszugeben. Bald folgen der Vater (Song Kang-ho) als Chauffeur und die Mutter (Jang Hye-jin) als Haushälterin. Ohne Scheu vor miesen Tricks haben die Kims selbst dafür gesorgt, dass die Vorgänger auf die Straße gesetzt wurden. Das macht sie wenig sympathisch, und obwohl Bong Joon-Ho klar auf der Seite seiner Underdogs steht, ist es definitiv nicht seine Absicht, sie zu verklären.

Wie Armut zu Verrohung und Gewalt führt, zeigt er nach einer horrorartigen Wendung in der abgründigen zweiten Hälfte, über die hier aus Spoilergründen nichts verraten werden soll. Seine brillante Inszenierungskunst beweist Joon-ho aber vor allem im ersten Teil, in dem die armen Kims das Leben der reichen Parks infiltrieren.

Die auf einem Hügel gelegene Villa mit dem weiten Blick ins Grüne bildet den denkbar größten Kontrast zu der Wohnung der Kims. Der sich so aufgeschlossen gebende Hausherr (Lee Sun-kyun), der Armut schon am Geruch erkennt und Wert darauf legt, dass seine Bediensteten um ihre Grenzen wissen, begegnet den Hochstaplern letztlich genauso arglos wie seine Gattin. Die gerät in blanke Panik, als Ki-jung ihr erklärt, die Bilder ihres Sohnes deuteten auf ein tiefsitzendes Trauma hin. Die Parks merken gar nicht, wie sie immer mehr manipuliert werden und die Machtverhältnisse ins Wanken geraten.

Bong Joon-ho inszeniert diesen Klassenkampf, in dem es keine Sieger gibt, überaus clever, witzig und mit bitterbösem Humor. Er zeichnet nicht schwarzweiß und lässt doch keinen Zweifel daran, dass der Aufstieg für die Kims ausgeschlossen ist.

"Wie kann man so reich und so nett sein?", fragt der Vater einmal angesichts der großzügigen Mrs. Park. Seine Frau korrigiert ihn: "Sie ist nett, weil sie reich ist." (ROK/131 Min.)

Regina Urban

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: Kino