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"Regeln am Band": Fiese Zustände in der Fleischindustrie

Der Kinofilm stellt das System Tönnes bloß - 22.10.2020 11:46 Uhr

Münchner Gymnasiasten proben Brecht, auf Tönnies übertragen.

21.10.2020 © wirFilm


Was auch zeigt: Um die maximal ausbeuterischen Methoden der Branche mit den von Subunternehmen wie Sklaven behandelten Leiharbeitern aus Osteuropa hätte schon vorher jeder wissen können, der es wissen wollte.

Lokshina wurde auf den Betrieb 2017 durch eine Zeitungsnachricht aufmerksam, in der sie von Stanislav las. Er geriet eines Tages selbst in die Maschine, die den Schweinekopf vom Rumpf trennt. Er hatte nicht aufgepasst, das Unternehmen, so hieß es, traf keine Schuld. Mit dieser Erzählung aus dem Off beginnt "Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit". Dazu sieht man Schweineschnauzen, hört Cellomusik.

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Lokshina hatte für ihren Debütfilm keine nüchterne Doku mit Schreckensbildern aus den Tiertötungsfabriken (die bleiben dem Zuschauer komplett erspart) im Sinn. Sie verfolgt ein ambitionierteres Konzept, das die bedrückende Lebenswelt der Leiharbeiter mit Werksansichten beim nächtlichen Schichtwechsel, dem Stadtleben und öffentlichen Diskussionen zum eindringlichen Stimmungsbild verwebt. Einmal begleitet die Kamera einen Litauer zu seiner ärmlichen Behausung. "Hier kann ich super leben", sagt er und ist froh, dass sein Nachbar ein Landsmann ist und kein Rumäne oder Bulgare.

Ein Tönnies-Mitarbeiter erzählt, dass seine Schicht um vier Uhr morgens beginne, er aber schon um ein Uhr da sei, weil es keine andere Fahrgelegenheit gibt. Die Wartezeit verbringt er im Umkleideraum. Dass Sprachunterricht, vom Integrationsrat gefordert, bei 17- Stunden-Schichten gar nicht möglich ist, zeigen dem Lehrer die reihenweisen Abmeldungen.

Einsatz für die Leiharbeiter

Immer wieder sieht man die Aktivistin Inge Bultschnieder, die sich aufopferungsvoll für die Leiharbeiter einsetzt. Ein Tönnies-Justiziar behauptet, er sehe keinen rechtsfreien Raum. Wie sehr das "System Tönnies" Ausgeburt eines gnadenlosen Kapitalismus ist, versucht ein Lehrer einer Münchner Schultheatergruppe beizubringen, die Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" probt.

Diese Parallelmontagen wirken arg didaktisch, und am Ende, wenn Bultschnieder die Orte abläuft, an denen eine verzweifelte Arbeiterin ihr Kind in einem Gebüsch ablegte, gleicht der Film einer TV-Doku. Dennoch: ein aufrüttelnder Einblick in eine Parallelwelt, die erst durch Corona in den Blick der Politiker geriet – mit bisher wenig durchgreifenden Folgen. (92 Min.)


In diesen Kinos läuft der Film.

Mehr Filmkritiken gibt es hier.

Regina Urban

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