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"Schwimmen": Auftauchen aus der Kindheit

Luzie Loose erzählt in ihrem lebensechten Film-Debüt "Schwimmen" von einer Mädchenfreundschaft - 12.09.2019 08:00 Uhr

Zwei ungleiche Freundinnen: Elisa (Stephanie Amarell, unten) und Anthea (Lisa Vicari) in "Schwimmen". © UCM.one


Kommt dann noch Mobbing in der Schule dazu, wird daraus schnell eine Katastrophe. In Luzie Looses Debütfilm ist das die Ausgangslage für die 15-jährige Elisa (Stephanie Amarell).

Das klingt in der Kürze nach den üblichen Ingredienzien für eine weitere Kino-Geschichte, in der man einem jungen Menschen beim Erwachsenwerden zusehen kann. Das tut man in "Schwimmen" auch. Doch die 30-jährige Berliner Regisseurin inszeniert ihr Drama, für das sie auch das Drehbuch schrieb, auf so unaufgeregte und lebensechte Weise, dass sich daraus langsam, aber zwingend ein wirklich fesselnder Film entwickelt.

Elisa ist ein stilles, blasses Mädchen, das noch dazu immer wieder von Schwächeanfällen überrascht wird. Von ihrer Umwelt scheint sie kaum wahrgenommen zu werden. Das macht sie zum perfekten Opfer für ihre pubertären Mitschüler, die sich einen Spaß daraus machen, die ohnmächtige Elisa in der Schwimmbad-Dusche zu fotografieren und die Aufnahmen zu posten. Der Weg zum Klassenzimmer wird für das Mädchen daraufhin zum Spießrutenlauf. Und sie wehrt sich nicht.

Das erledigt Anthea (Lisa Vicari) für sie. Die neue Mitschülerin sieht nicht nur cool aus, sie hat auch genug Selbstbewusstsein, um die anderen vollmundig in die Schranken zu weisen. Dass die beiden Teenager ungleiche Freundinnen werden, liegt auf der Hand. Mit Anthea, deren Familie ebenfalls zerrüttet ist, lernt Elisa Alkohol und Drogen kennen, sie erfährt wie man Sekt im Laden klaut, Ohrlöcher sticht und in Berliner Clubs Party macht.

Im Leben des schüchternen Mädchens wirkt das wie eine Zäsur. Sie kommt aus der Deckung, schwimmt sich bei einer Mutprobe im Schlachtensee förmlich frei und erfährt, was es heißt, dazuzugehören und ausgelassen glücklich zu sein – die konfliktreiche Abnabelung von den Erwachsenen inklusive.

Ohne viele Worte

Luzie Loose zeigt diese Entwicklung sehr glaubhaft und durch intensive Szenen, die oft allein mit der dazugehörigen Geräuschkulisse auskommen. Denn viel gesprochen wird in "Schwimmen" nicht. Der Film braucht keine pointierten Dialoge oder aufgesetzt coole Sprüche. Alles wirkt unverstellt und die Bilder, die Elisas Gesicht mitunter im extremen Close-up zeigen, sagen hier tatsächlich oft mehr als viele Worte.

Zu Elisas Selbstermächtigungs-Prozess gehört auch die systematische Revanche gegen die mobbenden Mitschüler. Gemeinsam mit Anthea schießt sie mit den gleichen Waffen zurück, die beiden filmen peinliche Szenen und schicken sie herum. Irgendwann droht die Situation gefährlich zu kippen – und damit auch die Freundschaft der Mädchen.

Bis zum aufwühlenden Finale dreht die Regisseurin äußerst subtil, aber beharrlich an der Spannungsschraube. Sie kann sich auf das natürliche Spiel ihrer beiden jungen Hauptdarstellerinnen verlassen, die sie mit viel Empathie begleitet. "Schwimmen" ist sicher nicht das, was man einen "großen" Film nennt, aber wieder mal wirklich gelungenes deutsches Kino. (D/102 Min.)

Birgit Nüchterlein

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