Romanadaption

Til Schweigers "Lieber Kurt": Wie es ist, ein Kind zu verlieren

15.9.2022, 09:32 Uhr
Da ist die Welt noch in Ordnung: Til Schweiger als Kurt und Levi Wolter (rechts) als sein Sohn, der "kleine" Kurt.

© Gordon Timpen/Filmwelt Verleihagentur Da ist die Welt noch in Ordnung: Til Schweiger als Kurt und Levi Wolter (rechts) als sein Sohn, der "kleine" Kurt.

Wer Filme von und mit Til Schweiger mag, dürfte auch seinen neuesten gut finden. Mit der Literaturverfilmung "Lieber Kurt" nach einem Roman von Sarah Kuttner hat Schweiger ein ernstes Thema aufgegriffen – den Tod eines Kindes, das in zwei Patchwork-Familien aufgewachsen ist. Was das mit den Angehörigen machen kann, zeigt Schweiger in den verschiedensten Facetten – ohne dabei auf die für ihn typische Handschrift zu verzichten.

Dafür hat er zu einer weitgehend ruhigen Bildsprache gegriffen. Es gibt warme, sonnige Glücks-Aufnahmen in Zeitlupe, einige komische Szenen sowie intensive Momente voller Traurigkeit und Trauer.

Tod eines Kindes

Im Mittelpunkt steht das Paar Kurt (Schweiger) und Lena (Franziska Machens), das sich ein heruntergekommenes Haus auf dem Land in Brandenburg gekauft hat, um Kurts sechs Jahre altem Sohn näher sein zu können. Doch das Glück im neuen Heim ist nur von kurzer Dauer. Denn der kleine Kurt fällt von einem Klettergerüst und stirbt.

Was macht der Verlust eines geliebten Menschen mit den Angehörigen? Wie weit geht die Trauer? Wie kommen die Betroffenen aus dem Loch wieder raus? Diese und noch viel mehr Fragen beleuchtet der Film. Dabei trifft er mitten ins Herz.

Etwas dick aufgetragen

Die Trauer der Eltern (Schweiger und Jasmin Gerat) ist auch für den Zuschauer schmerzlich. Schweiger lässt dabei – auch bei sich selbst – Kummerfalten und Hässlichkeit zu, um der Traurigkeit Raum zu geben.

Die wird noch deutlicher durch die enorm weichgezeichneten Slow-Motion-Szenen aus glücklichen Zeiten, die zu Beginn den Film ausmachen und nach dem Tod des kleinen Kurt als Erinnerungen gegengeschnitten werden. Solche Szenen kommen überraschend und wirken doch manchmal zu lang. Hier und da wird etwas zu dick aufgetragen – und doch zieht der Film in seinen Bann. Denn Schweiger zeigt auch Wut, Verzweiflung, Machtlosigkeit.

Neben ihm als Hauptdarsteller, Regisseur und Produzent treten bekannte deutsche Schauspielerinnen und Schauspieler auf. Da ist die bühnenerprobte Franziska Machens an seiner Seite, außerdem im Ensemble: Heiner Lauterbach, Jasmin Gerat, Peter Simonischek, Herbert Knaup, Marie Burchard und Levi Wolter, der den kleinen Kurt spielt.

Aus dem Originaltitel "Kurt" des 2019 erschienenen Buches wird der Filmtitel "Lieber Kurt", und damit ändert Schweiger auch ein wenig die Perspektive. Während Kuttner vor allem aus der Sicht von Lena geschrieben hat, schwenkt Schweiger den Fokus auf die Eltern. Beiden gemein ist der Blick auf den schwierigen Umgang mit Menschen, die einen so schweren Verlust verkraften müssen. Und auf die Belastung für die jeweiligen Beziehungen.

Wie immer bei Schweiger-Filmen wird die Musik gezielt genutzt, um Emotionen zu transportieren. Auch der eine oder andere Ohrwurm ist wieder dabei. Es fehlt allerdings ein bisschen die emotionale Nähe zwischen Kurt und Lena, die im Buch intensiver beschrieben wird. Dafür baut Schweiger kleine Witze ein – etwa, wenn der kleine Kurt die beiden beim Liebesspiel erwischt oder Sprüche klopft.

Auf die Schippe genommen

Es ist ein Film für Menschen, die jemanden verloren haben. Und für Menschen mit Freunden, die jemanden verloren haben. Denn auch die können dabei verloren gehen, wie Kurts Papa (Simonischek) einmal zu Lena sagt. Am Ende lässt Schweiger die Zuschauer aber nicht mit schwerem Herzen gehen. Er erzählt noch kurz die Kennenlern-Geschichte von Kurt und Lena – und nimmt sich dabei auch ein bisschen selbst auf die Schippe. (137 Min.)

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