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Auf dem selben Schwarzwald-Pfad

In Baiersbronn teilen sich Radler und Wanderer einträchtig die Wege - 30.05.2020 07:52 Uhr

Andreas Reichel kämpft für ein gutes Miteinander im Wald – hier in voller Fahrt am Hang. © Volkan Tural


Ein paar Höhenmeter fehlen noch. Die Profile der Reifen sorgen für den nötigen Grip auf den Schotterstrecken. "Na, geht noch was?", ruft Andreas Reichel mit einem breiten Grinsen seiner Mountainbikegruppe zu. Wer hoch zum Buhlbachsee will, muss Ausdauer haben – Andreas Reichel hat sie. Stählerne Wadeln, jugendlicher Schelm: Auf gar keinen Fall nimmt man dem 57-Jährigen sein Alter ab.

Die Bikegruppe, die heute an der geführten Tour teilnimmt, hat sicher mehr zu kämpfen als er. Da hilft es sehr, dass die Wanderer, die auf dem selben steilen Weg unterwegs sind, verständnisvoll Platz machen, manche feuern sogar an.

Wegen der Coronakrise müssen wir eh voneinander Abstand halten, doch auch zu normalen Zeiten gibt es hier kaum Konflikte zwischen Bikern und Radlern. So friedlich es auch zugeht: Vor wenigen Jahren hätte sich Andreas Reichel auf dieser Tour durch den Schwarzwald strafbar gemacht. Denn die Rechtslage in Baden-Württemberg bringt BikegGuides in die Bredouille. Laut Landeswaldgesetz ist es nämlich untersagt, Wege unter einer Breite von zwei Metern mit dem Rad zu befahren. Der Wanderer hat Vorrang.

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Biken, Schlemmen, Baiersbronn: So geht Urlaub im Schwarzwald

400 Kilometer Bike-Strecke und elf Mountainbike-Touren gibt es rund um die Gemeinde Baiersbronn in Baden-Württemberg. Sowohl für harte Trail-Fahrer als auch für Genussradler gibt es jede Menge Strecken zu entdecken. Zudem ist die Gemeinde für seine hervorragenden Restaurants bekannt.


"Der vielzitierten Differenz zwischen Radlern und Wanderern sollte vorgebeugt werden", erzählt Reichel. Besonders rund um Ballungsgebiete komme es häufig zu Konflikten zwischen beiden Gruppen, man höre immer wieder über quer über Radwege gespannte Seile und in den Boden eingegrabene Rechen. Aber hier? Von einem Ballungsgebiet ist das beschauliche Baiersbronn weit entfernt. 80 Prozent der Gemeinde sind Wald – und zwar tiefster Wald. Wer auf den unzähligen Waldwegen unterwegs ist, trifft nicht allzu häufig auf andere Menschen.

Trotzdem war der vermeintliche Konflikt lange Zeit auch hier der Grund, dass sich der Naturtourismus in Baden-Württemberg vor allem auf Wanderer konzentrierte. Für sie hat Baiersbronn nämlich alles zu bieten: wunderschöne Natur, Hotels von der einfachen Herberge bis hin zur Luxus-Unterkunft, exzellente Restaurants (mehrere sogar mit Sternen ausgezeichnet). "Doch die Übernachtungszahlen gingen in den vergangenen Jahrzehnten zurück", erzählt Reichel, den das alles eigentlich gar nicht groß interessieren müsste: Er ist Optiker.

Aus dem Wanderhimmel wurde der Bikehimmel

Und doch ist das Vermitteln in der Natur zu seiner Lebensaufgabe geworden. Dabei hilft vor allem eines: Andreas Reichel versteht beide Seiten. 2006 half er dabei, den "Wanderhimmel" (ein sternförmiges, 550 Kilometer umfassendes Netz von Themenwanderungen) rund um die Gemeinde Baiersbronn aufzubauen – unter anderem zeichnete er mit dem GPS-Gerät das Wegenetz auf. Danach war die nächste Konsequenz dann der "Bikehimmel" – der widrigen Gesetzeslage zum Trotz.

Mit anderen Mountainbikern holte er mit viel Ausdauer die Radler im Wald zurück in die Legalität. Die Gemeinde Baiersbronn stellte einen Ausnahmeantrag. Dann wurde das bestehende Weg- und Trailnetz weiter ausgeschildert, ehrenamtliche Wegpaten pflegen die Routen, zudem wurden 20 Bikeguides für harte Trailfahrer, aber auch Genussradler ausgebildet. Um möglichen Konflikten vorzubeugen, suchten Andreas Reichel und seine Mitstreiter ständig das Gespräch, holten vom Jäger bis zum Wanderverein alle an einen Tisch, klärten auf.

Baiersbronn hat mehrere Sterne-Restaurants. Schwarzwälder Kirschtorte gibt es aber überall. © Volkan Tural


Das Konzept geht auf: Optiker Reichel beobachtet aus seinem Laden heraus immer mehr auch jüngere Touristen, die mit Fahrrädern anreisen. Auch die meisten Hotels bieten inzwischen E-Bike-Verleih und abschließbare Fahrradräume. Die Übernachtungszahlen steigen – und auch die Jugend im Ort profitiert von den neu geschaffenen Möglichkeiten, beispielsweise dem zum Mountainbike-Trainingsgelände umgerüsteten Schulhof.

Neben breiteren Waldwegen ziehen sich explizit als Trailstrecken ausgewiesene Routen durch den Wald. "Es ist ein Pilotprojekt", sagt Reichel. "Ganz Baden-Württemberg guckt, wie sich das entwickelt."

Renate Platz am Buhlbachsee, an dem Radfahrer und Wanderer bei der Rast aufeinandertreffen. © Volkan Tural


Das zeigt sich am besten im Praxistest: Im Wald geht’s hinauf zum Buhlbachsee, dort ist auch eine Wandergruppe des Schwarzwaldvereins unterwegs. Sie stellen sich am Ufer für ein Gruppenfoto auf. Kaum sind die Räder abgestellt, springt Reichel schon auf eine Bank, um das Foto für die Gruppe zu machen. Ein paar nette Worte hier, ein Witzchen da und das perfekte Bild ist im Kasten. Vermitteln, kooperieren, freundlich sein: "Wie man in den Wald reinruft, kommt’s zurück", sagt Reichel.

"Gibt es hier Schwierigkeiten zwischen Bikern und Wanderern?", fragen wir eine Wanderin, die es wissen muss. "Nein!", sagt Renate Platz. "Ganz im Gegenteil." Seit neun Jahren lebt die 82-Jährige im Schwarzwald, sie ist dem Berliner Großstadtleben entflohen und genießt beim Wandern mit ihrem Mann die Natur und die Ruhe. "Radler stören uns gar nicht, es klappt so gut hier." Überhaupt könne man keine Sportart über den Kamm scheren, denn, so sagt sie: "Sturköpfe gibts überall." Und zeigt mit einem Lachen Richtung Ehemann.

Wer noch nicht weiß, wo es hingehen soll: Hier kommen drei Tipps für die Gestaltung eines Baiersbronn-Urlaubs.

© Volkan Tural


Drei Dinge, die Sie in Baiersbronn tun sollten

Die Natur genießen: Die Wege sind hervorragend sowohl für gemütliche Touren als auch für harte Trailfahrten ausgeschildert. Insgesamt gibt es 400 Kilometer Bikestrecke, elf Mountainbike-Touren und rund 30 Prozent Singletrails. Wer gemeinsam mit Andreas Reichel fahren möchte, kann sich in der Tourismuszentrale nach seinen Touren erkundigen.

Sich helfen lassen: Wen die Kräfte unterwegs verlassen, dem sei der "Murgtäler Radexpress" empfohlen: eine Zugverbindung von Ludwigshafen über Mannheim, Heidelberg, Karlsruhe und Baiersbronn nach Freudenstadt mit kostenloser Fahrradmitnahme.

Essen gehen: Zu den kulinarischen Vorzügen Baiersbronns gehören unter anderem das leckere Forellenfilet (vorzugsweise mit Mandelbutter), Fichtenspitzeneis (irgendwas muss man mit den vielen Bäumen ja tun) und natürlich der Klassiker: Schwarzwälder Schinken. Gourmets besuchen die Sterne-Restaurants des Hotels Traube und der Familie Bareiss in Baiersbronn.

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Überleben im Schwarzwald

Am kältesten Wochenende des Jahres verkriechen sich viele daheim. Sie legen sich mit Wärmflasche ins Bett oder gehen in die Sauna. Manche aber übernachten im Wald. Beim Winter-Survival-Training im Schwarzwald lernen sie, sich bei diesen Temperaturen im Freien durchzuschlagen.


Mehr Informationen:
Baiersbronn Touristik
www.baiersbronn.de
Anreise:
Ab Nürnberg mit dem PKW rund 290 Kilometer. Mit dem Zug in viereinhalb Stunden.
Wo Wanderer wohnen:
Hotel Gasthof Rosengarten
www.rosengarten-baiersbronn.de
Tel.: 0 74 42 / 8 43 40
Wo Biker wohnen:
Wellness Hotel Tanne
www.hotel-tanne.de
Beste Reisezeit:
Ganzjahresziel, die beste Zeit zum Biken und Wandern ist zwischen Frühjahr und Spätherbst.

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