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Beiß die Briten! Wie Irland auf den Hund gekommen ist

Eine tierische Geschichte aus dem Lockdown in Dublin von 1920 - 09.01.2021 07:33 Uhr

Die irische Hunderasse Kerry Blue Terrier gilt als temperamentvoll, wachsam und unerschrocken.

04.01.2021 © Gerard Lacz, imago


Dublin befand sich im Lockdown. Alle Straßen waren abgeriegelt, und zwischen Mitternacht und 5 Uhr morgens galt eine Ausgangssperre. Der Unabhängigkeitskrieg gegen die britische Regierung tobte bereits im zweiten Jahr. Es hätte günstigere Zeiten gegeben, seinem Hobby zu frönen, doch der Blue-Terrier-Club veranstaltete allen Widrigkeiten zum Trotz am 16. Oktober 1920 die allererste Hundeshow in seiner Vereinsgeschichte. Initiiert wurde sie von dem Mann, der am selben Tag seinen 30. Geburtstag feierte und auf den die Briten ein Kopfgeld von 10 000 Pfund ausgesetzt hatten – Michael Collins.

Collins, Spitzname: The Big Fellow, war einer der wichtigsten Führer des Unabhängigkeitskampfes, Vorstandsmitglied von Sinn Féin und Leiter des IRA-Geheimdienstes. In jedem Dorfpub, der etwas auf sich hält, findet man noch heute eine gerahmte Fotografie von ihm in Uniform. Als Soldat und charismatischer Staatsmann ist er im kollektiven Gedächtnis Irlands gespeichert, doch an den leidenschaftlichen Hundezüchter Collins erinnern sich nur noch wenige.

Passanten mit Mund-Nasen-Bedeckungen gehen über die Gradton Street in Dublin.  Wegen stark gestiegener Corona-Neuinfektionen und der Ausbreitung einer neuen Virusvariante wurde landesweit bereits vor einer Woche das öffentliche Leben für mindestens einen Monat heruntergefahren.

06.01.2021 © Brian Lawless, dpa


Ein besonderes Faible hatte er für Kerry Blue Terrier. Nach Erreichen der Unabhängigkeit von Großbritannien wollte Collins diese Rasse sogar zum Nationalhund des neuen Irischen Freistaats ernennen, und soll angeblich selbst die Gesetzesvorlage zur Abstimmung im Parlament bereits vorbereitet haben. Welch Karriere für ein Tier, das keinen eindeutigen Abstammungsnachweis erbringen kann.

Knopfohren und zottiger Kinnbart

Die genaue Herkunft der Kerry Blues liegt im Nebel irischer Geschichte verborgen.
Wegen seiner kleinen Knopfohren und dem zottigen Kinnbart wirkt er nicht gerade heldenschön, sondern eher clownesk, aber wie die Iren zu sagen pflegen „It takes all kinds to make a world“ – „Es braucht alle Arten, um eine Welt zu schaffen“, und schließlich galt Collins Bewunderung für diese Hunde weniger ihrem Aussehen als ihrem Wesen: absolut loyal, temperamentvoll, furchtlos und eigensinnig, echte Iren eben. Tatsächlich sah Collins in den Kerry Blues die vierbeinige Verkörperung des irischen Geistes und stellte den Patriotismus damit auf vier Pfoten. Deshalb muss auch die Dubliner Hundeausstellung 1920 als Teil seines Unabhängigkeitskampfes gesehen werden.

Nun könnte man meinen, dass lockige Hütehunde sich zur Revolution etwa so verhalten wie Kamillentee zu Kokain oder Glühwürmchen zum Blitz, doch schon die Gründung des irischen Terrier-Clubs war der erste Schritt einer kynologischen Rebellion gegen die britische Herrschaft. Bis dahin bestimmten ausschließlich englische Vereine die Zuchtstandards, so dass die Rassehundewelt vom britischen Establishment dominiert wurde.

Nicht gerade heldenschön, eher clownesk: Ein irischer Kerry Blue Terrier.

04.01.2021 © imago / cynoclub


Um das zu ändern, riskierte einer der meistgesuchten Männer Irlands also seine Tarnung und nahm an der Hundeshow mit seinem „Convict 224“ teil. Will man Terrier-Freunden glauben, hat das Hundezüchter-Ethos dazu geführt, dass sich die Liebe zum Vierbeiner einen Abend lang über alle menschlichen Feindschaften hinwegsetzte und es zu einem Waffenstillstand kam.

Maskottchen der Revolution

Zwei Inselvölker, geeint darin, auf der falschen Seite Auto zu fahren, bei 13 Grad ein Sonnenbad in Unterwäsche zu nehmen und an eine Volksmedizin zu glauben, die gegen Keuchhusten empfiehlt, drei Mal unter dem Bauch eines Eselfohlens hindurch zu krabbeln – warum sollte man daran zweifeln, dass sie einen mit Brutalität geführten Krieg aussetzen, um sich gegenseitig ihre Terrier zu zeigen?

Dank Collins’ Hundespleen galt der Kerry Blue irischen Nationalisten jedenfalls bald als Maskottchen der Revolution, und Collins selbst trug noch zur Steigerung der Beliebtheit bei, indem er die Hunde verschenkte. Sogar Lord Birkenhead, ein Mitglied der britischen Delegation, mit der Collins den Anglo-Irischen-Vertrag aushandelte, bekam einen kleinen Terrier als Präsent.

Nicole Quint

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