Touristen zerstören Naturdenkmal

Brüchige Gefahr: Eine Schwebebrücke soll Rügens Kreidefelsen retten

25.9.2021, 07:40 Uhr
Touristen besuchen an der Steilküste im Nationalpark Jasmund auf der Insel Rügen den Aussichtspunkt Königsstuhl. Das ist wegen der Massen ein Problem, eine neue Brücke soll das lösen.

Touristen besuchen an der Steilküste im Nationalpark Jasmund auf der Insel Rügen den Aussichtspunkt Königsstuhl. Das ist wegen der Massen ein Problem, eine neue Brücke soll das lösen. © Stefan Sauer/dpa, NNZ

Am Rand des alten Buchenwaldes ragt ein Mammutbaum in Rügens Himmel. 1886 kam er als Bäumchen aus den USA auf Deutschlands größte Insel. Die galt zu dieser Zeit bereits als Domizil der Sommerfrischler und der Künstler. Sie bewunderten alle das lebende Fossil am damaligen „Gasthof Stubbenkammer“.

„Mit seinen 140 Lenzen ist der noch immer jugendlich“, scherzt Professor Hans Dieter Knapp über den Mammutbaum. Mit dem weißen Bart und weißer Mähne, Hut und Lodenmantel sieht er wie ein guter Geist des Waldes aus. Bereits als Schüler kartierte der gebürtige Rüganer die alten Bäume seiner Heimatinsel, viele sind heute Naturdenkmal. Sein lang gehegter Traum, im Osten Deutschlands große Schutzgebiete einzurichten, ging nach der Wende 1989 endlich in Erfüllung.

Hans Dieter Knapp ist Geobotaniker und Landschaftsökologe.

Hans Dieter Knapp ist Geobotaniker und Landschaftsökologe. © Alexandra Frank/dpa, NNZ

Der Biologe, Geobotaniker und Landschaftsökologe gehörte zum Team von Wissenschaftlern, das noch vor der Wiedervereinigung Pläne schmiedete für die ersten drei Naturparks, sechs Biosphärenreservate und fünf Nationalparks. Bundesweit der kleinste ist der Nationalpark Jasmund – benannt nach Rügens gleichnamiger Halbinsel, auf der er sich befindet.

Die wunderschönen Buchen auf der Stubnitz – der hügeligen Waldlandschaft an Jasmunds Kreideküste – haben es ihm schon seit seiner Kindheit angetan. „Buchenwälder sind Europas ursprüngliche Wildnis – einzigartige Ökosysteme“, so der Experte. Trotz Dominanz dieser einen Baumart seien sie stets Lebensräume vieler Spezies. „Je mehr sich die Natur selbst überlassen ist, umso schöpferischer und dynamischer kann sie sich entfalten“, sagt der Professor.

Das ist der Königsweg

Von der Ostsee weht ein frisches Lüftchen um den Königsstuhl. Auf dem 118 Meter hohen Kreidefelsen mischt sich der Meergeruch mit dem des Waldes. Die dichtbelaubten, langsam herbstlich verfärbten Kronen seiner Bäume schmiegen sich wie Kissen um die steile, weiße Küstenwand. Die Sonne hüllt alles in ein warmes, sanftes Wattelicht.

„Irgendwo dort hinten liegt die dänische Insel Bornholm“, weiß einer der Besucher auf dem Aussichtsdeck. Sehen kann man nicht einmal die Linie zwischen Meer und Himmel.

So wird die Brücke am Königsstuhl aussehen. 

So wird die Brücke am Königsstuhl aussehen.  © Nationalpark-Zentrum Königsstuhl

Dafür wird hier bald eine neue Schwebebrücke entstehen. Nur rund vier Meter überm Boden soll die 90 Meter lange Konstruktion als „Königsweg“ das Nationalpark-Highlight überspannen. Schließlich plant man keine Höhenflüge, sondern will Felsen und künftige Besucher an diesem hoch frequentierten Ort schützen. Den Segen des Professors hat das Projekt, „weil es die Natur auch noch für künftige Generationen erlebbar macht, ohne sie zu belasten“.

Ständig bröselt die Kreide

Kreideklippen sind nämlich ständig in Bewegung. Sensibel reagiert der weiche Kalk auf Nässe, Wind, Frost, Hitze. Hier bröselt es, dort sucht sich Wasser einen Weg aus dem Gestein. Und manchmal brechen ganze Teile aus der Wand und rutschen auf den Strand hinunter. Neben den Urgewalten hat im Lauf der Zeit der Mensch dazu sein Scherflein beigetragen.

Immer wieder richten Dummheit, Unvernunft und Egoismus große Schäden an. Nicht selten kommt sogar die Feuerwehr zum Einsatz, um ausgerechnet solche Leute zu befreien, die die Klippen trotz Verbots betreten und irgendwann beim Klettern nicht mehr weiterkommen.

Die Kreidefelsen verschwinden: Hier ein Abbruch an der Steilküste im Norden Rügens zwischen Saßnitz und dem Königsstuhl.

Die Kreidefelsen verschwinden: Hier ein Abbruch an der Steilküste im Norden Rügens zwischen Saßnitz und dem Königsstuhl. © Ingolf Stodian/dpa, NNZ

Rund zwei Jahrhunderte Tourismus und jährlich Hunderttausende Besucher hinterließen ihre Spuren auch am Königsstuhl – am stärksten an dem so genannten Königsgrab, vermutlich einst die letzte Ruhestätte eines Herrschers aus der Bronzezeit. Was von dem Hügelgrab noch übrig ist, liegt an der schmalsten Stelle auf dem Weg zum Aussichtsdeck.

„Früher oder später hätte der Zugang gesperrt werden müssen“, so Knapp. Nach einer langen Planungsphase hat nun der Bau des „Königswegs“ begonnen. Die neue Schwebebrücke in Ellipsenform soll ab Sommer 2022 nutzbar sein.

Keine Kommentare