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Bulgariens Hauptstadt: Liebe Sofia . . .

Du bist wahrlich keine Schönheit, doch deine vielen inneren Werte zählen - 30.12.2017 08:00 Uhr

Kerzenträger laufen an der orthodoxen Alexander- Newski-Kathedrale in Sofia vorbei. Auf der Langzeitbelichtung sieht man das Licht der Kerzen als Wellen. © Nikolay Doychinov / afp


Unharmonisch wirkt das Stadtbild, nicht zueinander passend, zum Teil sehr hässlich. Der Journalist Josef Girshovich schrieb dazu: "In Sofia manifestiert sich der Größenwahn der sozialistischen Feudalherren". Kristian steht da mit seinem gewinnenden Lächeln, Dreitagebart, gestreiftes Hemd. Er ist einer der jungen Stadtführer und Gründer von "Free Sofia Tours" und weiß, dass der erste Anblick seiner Geburtsstadt viele Besucher erst einmal abschreckt.

Kristian verführt uns nach Serdika. Die Lieblingsstadt von Kaiser Konstantin dem Großen, der zwischen 306 und 337 regierte. Der erst ging, als er sich für das nach ihm benannte Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, als Hauptstadt des Oströmischen Reiches entschied. Mit dem Zerfall des römischen Reiches geriet auch das Erbe Serdikas in Vergessenheit.

Erst beim Bau der Sofioter U-Bahn von 2010 bis 2012 kam es wieder ans Tageslicht. Heute sind viele Überreste aus der Römerzeit in die U-Bahnstation "Serdika" integriert. Wer es sich leisten kann im "Arena di Serdica Residence Hotel" abzusteigen, findet im Erdgeschoss die Überreste eines Amphitheaters, in dem 25.000 Menschen Platz fanden. Über dem alten Serdika stehen heute Banken, Regierungsgebäude, Museen, Kirchen und protzige Bauten aus der Sowjetzeit. "Kurioserweise überschneidet sich das Zentrum der ehemaligen römischen Stadt mit dem Zentrum des modernen Sofia", so Kristian.

Bulgarien hat eine bewegte Geschichte. Ein halbes Jahrtausend war es unter osmanischer Herrschaft. Die Moscheen und Bauten aus dieser Zeit fügten der Stadt eine islamische Komponente hinzu. Dann die Befreiung durch Russland. Später die sowjetische Besatzung und Integration in den Ostblock. Mit dem Zerfall der Sowjetunion 1989 die Unabhängigkeit. "Und seit 2007 gehören wir der EU an", schnauft Kristian erleichtert auf.

Stripteasladen neben Kunsthandwerker

In den Vierteln um den Justizpalast trifft sich Moderne und Tradition, liegen coole Shops und Cafés, eine alte Kräuterapotheke neben einem Tattoo-Studio, der Stripteaseladen neben dem Kunsthandwerkgeschäft. Auf den Werbeplakaten viele halbnackte Frauen. Die alte Straßenbahnen zuckelt noch so wie zu Ostblockzeiten am bröckelndem Putz der Wohnhäuser vorbei. Im Erdgeschoss findet man Zigaretten- und Biergeschäfte mit Ladentheken auf Gehsteighöhe. In verrosteten Eisenkonstruktionen werden Nüsse und Bonbons für ein paar Cents angeboten. Vor der herrlichen Alexander Nevsky-Kathedrale - dem Wahrzeichen der Stadt - stehen freundliche Frauen mit Blumenkörben.

Überhaupt sind die Bulgaren ein nettes Volk - und zudem überaus deutschlandfreundlich. Nach der bulgarischen Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich kam ein deutscher Fürst nach Bulgarien. Im Ersten und Zweiten Weltkrieg stand Bulgarien auf Seiten Deutschlands. So lernen viele junge Menschen neben Englisch auch Deutsch. Stadtführer Kristian gehört dazu.

Architektur als Spiegelbild der Stadtgeschichte: Das Nationaltheater von Sofia stammt aus der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg. © Alexandra Frank / dpa


Im Park vor der Kathedrale verkaufen alte Männer wunderschöne Ikonen oder spielen mit kindsgroßen Figuren Schach. Vor dem Nationaltheater musizieren junge Bands, die Freundinnen der Musiker tanzen in geblümten Kleidern. Alte Mütterchen verkaufen Blumensträuße, Kräuter und Walnüsse aus dem eigenen Garten. "Um die Rente aufzubessern", sagt Kristian. Mit Eigenanbau etwas Geld zu verdienen, hat in Sofia eine lange Tradition. Eine Straße heißt daher Frauenmarkt. Hier schreit man viel und feilscht um die Ware - und fühlt sich dem Orient näher als Europa.

"Zu Ostzeiten war Bulgarien der Garten Eden", weiß Dany Petkov, "und für seine Agrarprodukte wie Joghurt, Wein und Tomaten berühmt". Der bärtige Naturmensch im dicken Wollpulli führt die Teilnehmer der "Free Balkan Food Tour" durch acht verschiedene Lokale. Ob vegan oder ganz traditionell. Es ist alles dabei. Überall dürfen wir kosten und probieren. Eine kalte Joghurtsuppe mit Dill und Knoblauch im Suppenladen "Supa Star" mit 150 Suppen im Angebot. Das "Sun Moon" backt 40 verschiedene Brote aus eigenem Getreide. Im "Hadschidraganovite Kaschti" essen wir in einem zweihundert Jahre alten Haus verschiedene Käse. Dazu trinken wir süßen Hauswein aus dem eigenem Weinkeller.

Bei einem alten Volkslied fassen wir uns an den Händen und tanzen Horo. Fremdenführer Dany grinst und seine dunklen Locken wippen im Takt. Eigentlich sei er ja Rosenbauer, sagt er. Ob ich ihn nicht einmal besuchen mag, um Rosen zu ernten? Gerne, du schönes, verrücktes Sofia!

Mehr Informationen:
Bulgarisches Fremdenverkehrsamt, www.bulgariatravel.org/de

ANREISE: Flüge aus Deutschland nach Sofia von allen großen Flughäfen. Mit der Bahn über Wien, dort umsteigen in den Schlafwagen nach Sofia. Busverbindungen von vielen deutschen Großstädten. Zum Beispiel von Nürnberg mit Eurolines oder von Dresden mit Radina.

GELD: Landeswährung ist der Lew, Plural Lewa. Er ist an den Euro gebunden und hat einen stabilen Wechselkur. Geld tauschen ist in Wechselstuben, Hotels und Banken möglich, oder mit Kreditkarte am Geldautomaten. Bulgarien ist ein sehr günstiges Reiseland.

KLIMA: Beste Reisezeit ist zwischen Mai und September, am besten im Frühsommer oder Herbst. Der Mai ist in der Regel sonnig und um die 20 Grad. Im Sommer ist es um 30 Grad. Bis in den Oktober noch um 25 Grad. Die Luft ist trocken.

STADT-TOUREN: Obwohl die „Free Tours“ kostenlos angeboten werden, wird um ein angemessenes Trinkgeld gebeten. Informationen für die Stadtführungen durch Sofia unter: freesofiatour.com. Zwischen Mai bis November finden die Führungen dreimal täglich statt. In englischer Sprache. Sind genügend deutsche Teilnehmer anwesend, spricht Kristian auch Deutsch. Die „Free Food Tour“ findet einmal täglich statt, Informationen unter: www.balkanbites.bg - in englischer Sprache.

Petra Jacob

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