Samstag, 26.09.2020

|

zum Thema

Cortina d'Ampezzo: Wo Weltkriegs-Soldaten Wanderer stoppen

Rund um die italienische Alpenstadt liegen Kletterpfade voller Geschichte - 25.07.2020 07:22 Uhr

Geschafft: Am Ende des Kaiserjägersteigs wartet das Gipfelkreuz auf dem Lagazuoi.

© Michael Husarek


Wenn jemand mit 61 Jahren noch so drahtig daherkommt wie Alessandro Menardi, liegt die Frage nach dem Erfolgsrezept nahe: "Berge, Berge und nochmals Berge", lautet die schlichte Antwort. Und daran mangelt es in der Heimat des Rentners wahrlich nicht. Und das weiße Eichhörnchen habe ihn jung gehalten.

Das weiße Eichhörnchen auf dem roten Pullover begegnet einem immer wieder auf einem der Wanderwege um Cortina d‘Ampezzo. Die Träger haben sich der Pflege der Klettersteige und -routen verschrieben. 84 Scoiattoli (italienisch "Eichhörnchen") gibt es, darunter sieben Frauen.

Bilderstrecke zum Thema

Klettersteige um Cortina d'Ampezzo: Auf der bizarren Weltkriegs-Front

Dass Cortina d’Ampezzo immer mehr Klettersteigfans ein Begriff ist, hat viel mit dem Ersten Weltkrieg zu tun: Damals lag hier oben eine der umkämpftesten Alpen-Fronten zwischen Italienern und den Österreichern. Mit rund 30 Klettersteigen hat der italienische Ort eine Dichte an Routen, die es sonst nirgends in den Alpen gibt. Wir sind einige davon gegangen.


Ihr Präsident Alessandro Menardi trägt den Spitznamen Jesus, weil er als Jugendlicher beim Klettern einen 33 Meter tiefen Fall in ein Seil überlebt hat. Heute begibt er sich auf keine Abenteuerrouten mehr. Er kämpft dafür, dass sein kleines Heimatstädtchen trotz all des Rummels um Olympia (nach 1956 steht 2026 zum zweiten Mal die Austragung der Winterspiele an) das bleibt, was es ist: Ideal, um im Sommer die Berge zu erleben.

Notdürftige Behausungen im Fels

Die ehrenamtlich tätigen Bergfexe pflegen rund 30 Klettersteige, Cortina d‘Ampezzo hat eine Dichte an auch Via Ferrata genannten Routen, die es sonst nirgendwo in den Alpen geben dürfte. Das liegt wohl auch am Ersten Weltkrieg: Damals lag eine der umkämpftesten Alpen-Fronten zwischen den Italienern und Österreichern in der Nähe.

Rolf Bielmeyer doziert in historischer Uniform, wie hart das Leben der Weltkriegssoldaten war.

© Michael Husarek


Am Falzarego-Pass etwa lieferten sich die Soldaten beider Seiten einen jahrelangen Stellungskampf, sprengten Versorgungsstollen in den Berg , bauten notdürftige Behausungen, um den eisigen Wintern zu trotzen, und errichteten eben Klettersteige. Auf diesen mit Eisenstiften und Drahtseilen gesicherten Wegen sollten die Truppen möglichst rasch und gefahrlos zu den oben am Berg gelegenen Schützenstellungen gelangen.

Der Kaiserjägersteig zeugt noch heute von dieser fast vergessenen hochalpinen Kriegsgeschichte. Über ihn erreichten die österreichischen Soldaten ihre Posten auf dem Lagazuoi. Heute schlängeln sich an sonnigen Tagen Hunderte von Wanderern durch den Steig. Entsprechende Ausrüstung ist zwar nötig, doch der Weg nach oben birgt keinerlei Schwierigkeiten, ist also für Anfänger bestens geeignet. Bereits nach einer Stunde Gehzeit in der Via Ferrata ist der Gipfel in Reichweite.

Überall im Berg sind Schützenstellungen

Heute wartet dort Rolf Bielmeyer in einer Uniform, wie sie einst die Soldaten getragen haben. In 2752 Metern Höhe lädt er zu einer ebenso ungewöhnlichen wie anschaulichen Geschichtsstunde ein und verbringt dafür hier extra seinen Urlaub, zeigt die ehemaligen Schützengräben, Artillerie- und Scharfschützenstellungen, deren Überreste sich überall am Berg befinden.

"Ich finde es wichtig, den Menschen das näherzubringen, gerade in Deutschland weiß kaum jemand etwas über diese Front, an der Tausende junger Menschen ums Leben gekommen sind."

Eine der wenigen Schlüsselstellen der Klettersteigs Punta Anna, die volle Konzentration erfordert.

© Michael Husarek


Wie schrecklich diese Kämpfe gewesen sein müssen, wird beim Abstieg greifbar: Mit Stirnlampe und Helm geht es durch die Galleria del Lagazuoi ins Tal – ein in Stein gehauenes Treppenhaus der Italiener samt spartanischen Felskammern.

Rund um Cortina liegen noch Dutzende Panorama-Klettersteige. Die legendäre Via Ferrata Punta Anna ragt heraus, sie zählt zu den Lieblingssteigen Menardis. Vom Parkplatz an der Rifugio Dibona geht es in steilem Anstieg auf 2300 Meter, mit jedem Schritt rückt das ebenso gewaltige Massiv der Tofana di Rozes in den Blick. Vor allem die Südwand des 3225 Meter hohen Berges lässt einen auch im Klettersteig immer wieder Verweilen.

Schöner kann ein Bergpanorama nicht sein, dort hinten liegen die Drei Zinnen. Kein Wunder, dass die Dolomiten Weltnaturerbe sind. Teilweise geht es senkrecht nach oben mit Passagen, die etwas Erfahrung am Fels voraussetzen. Als "medium" (mittelschwer) stufen die Einheimischen die Via Ferrata Punta Anna ein. 400 Höhenmeter legen wir höchst konzentriert mit Klettersteigset zurück.

Einer der schönsten Rundumblicke der Alpen

Oben auf dem gar nicht so schmalen Grat wirkt die Tofana di Rozes zum Greifen nah, wir sehen eines der schönsten 360-Grad-Gebirgspanoramen in den Alpen. Wer noch Kraft hat, kann das Klettersteigset anlassen und noch zur Tofana di Mezzo weiter steigen. Wer sich für den Abstieg entscheidet, sollte am Ende der rund viereinhalbstündigen Tour unbedingt in der Hütte einkehren. In der Rifugio Dibona gibt es nämlich Ravioli mit Muscheln gefüllt oder Taglione mit Speck und Blaubeeren.

Unten im Tal gibt es auch selbstgemachten Käse. Riccardo Gaspari führt dort ein Gourmet-Restaurant ohne Schickimicki.

© Michael Husarek


Im Ort lockt beispielsweise die ampezzano-ladinische Küche im DolomEATS. Herbert Huber und sein Team haben sich auf regionale Gerichte spezialisiert, etwa besonders aromatischen Gemsenkäse als Vorspeise. Oder Riccardo Gasparis Almrestaurant mit eigener Käserei. Es ist eine Augenweide, von der auch der Guide Michelin Kenntnis nimmt: "Ich will regionale Küche mit all den Spezialitäten aus der Region machen", sagt der Chef.

Das gilt auch für seine Eltern, die wenige Kilometer entfernt weiter oben im Almgebiet der Familie gleichermaßen deftig und fein aufkochen. Flavio und Giulina Riccardis Essen (darunter Neuentdeckungen wie das hausgemachte Käsefondue mit Polenta) gibt genügend Kraft für die Klettersteige des nächsten Tages.

Dann trifft man mit hoher Wahrscheinlichkeit auch wieder auf eines der Eichhörnchen. Die Scoiattoli geben dann wieder Auskunft über die nächste Via Ferrata. Sie kennen ja buchstäblich jeden Stein, der den Weg nach oben säumt.

Mehr Informationen:

Cortina Marketing Se. Am., Via Marconi, 15/B, I-32043 Cortina d'Ampezzo – Belluno,  info@cortina.dolomiti.org

www.dolomiti.org/de/cortina

 

Anreise:
Ab Nürnberg in gut sechs Stunden mit dem Auto, mit dem Zug in sechs bis sieben Stunden bis Toblach in Südtirol, dann mit dem Bus oder Taxi bis Cortina.
Wohnen:
Komfortabel im Ort ist das Vier-Sterne-Hotel Cortina, günstige Unterkünfte sind Mangelware, es gibt aber drei Campingplätze.
Wandern und Klettern:
Die Touren sind auf eigene Faust möglich, Bergführer vermittelt das örtliche Bergführer-Büro am Markplatz.
Beste Reisezeit:
Sommertourismus von Mai bis September, im Winter klassischer Wintertourismus mit Skifahren, Tourengehen etc.

Bilderstrecke zum Thema

Extravaganz auf italienisch: Der Nobel-Skiort Cortina d'Ampezzo

Was St. Moritz und Zermatt für die Schweiz sind, ist Cortina d'Ampezzo für Italien: Ein nobler Skiort, bei dem es an nichts fehlt. Wer aufmerksam über die Pisten rauscht, kann so einiges entdecken.


Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: Reise