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Dahinrollen und über Vietnam staunen

E-Biker erleben das südostasiatische Land extrem intensiv - 14.12.2019 08:00 Uhr

Ein gigantischer Friedhof im Nirgendwo: Die Eisernen Gräber von Xa Vinh An. © Dennis Schmelz


Mitten im Kreisverkehr muss ich an einen Satz unseres Reiseleiters Can denken. Mitten in einem ratternden und röhrenden und hupenden Durcheinander also, in dem ich mich doch eigentlich ganz auf den Verkehr konzentrieren sollte. Auf die anderen Fahrzeuge in diesem Kreisverkehr und auf mein Fahrrad. Treten, schalten, Hand fürs Rechtsabbiegen raus, bremsen, den Roller von rechts vorbeilassen, hoppla, links von mir ist auch einer; oh, hoffentlich sieht mich der Lastwagen, wo ist eigentlich der Rest der Gruppe; autsch, ein Schlagloch, das war hart fürs Steißbein. Mitten in dieser Situation also denke ich an den Satz, den Can gleich bei unserer ersten Begegnung gesagt hatte: "Hier in Vietnam haben wir zwar Verkehrsregeln, aber sie sind nur Empfehlungen."

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Faszinierend und entspannt: E-Bike-Reise durch Vietnam

Durch Vietnam mit dem Fahrrad reisen? Bei der feucht-warmen Luft kann das ganz schön schweißtreibend sein. Per E-Bike geht es dagegen sehr entspannt.


Und dann spüre ich mich plötzlich lächeln. Mir wird bewusst, wie entspannt ich tatsächlich durch den ganzen Trubel gleite, wie problemlos ich diesen Kreisverkehr am Rand einer Großstadt meistere. Gleichmäßig und zielstrebig. Berechenbar für die anderen Fahrzeuge. So, wie Can es empfohlen hat. Und als ob ich mein Leben lang nichts anderes gemacht hätte, als in Südostasien Fahrrad zu fahren. Mit einem Urvertrauen, das mir vor vier Tagen noch völlig undenkbar schien.

Es ist unser fünfter Tag in Vietnam. Erst hatten wir – eine Gruppe mit zehn Reisenden aus Deutschland, Alter Ende 30 bis Anfang 60 – die Gegend rund um die ehemalige Kaiserstadt Hue und die Hafenstadt Hoi An mit ihrer hippen – und touristengeprägten – Altstadt in der Landesmitte erkundet. Jetzt sind wir im Süden angekommen.

My Tho, die Hauptstadt der Provinz Tein Giang, dient uns als Startpunkt für einen Abstecher ins Mekong-Delta. Unsere Fahrzeuge: E-Bikes. Für mich ein zweifaches Experiment. Zuhause besitze ich kein Fahrrad; weder eines ohne, noch eines mit Elektrounterstützung. Und in Südostasien war ich auch noch nie. Aber genau darum geht es ja beim Reisen: Neues wagen, Unbekanntes entdecken, sich auf Fremdes einlassen.

Mitten durch den Friedhof strampeln

Das E-Bike-Fahren klappt so gut wie insgeheim erhofft. Klar, ein wenig Grundfitness gehört trotz des helfenden Motors schon dazu, stundenlang durch die schwüle Hitze zu radeln. Mal auf schmalen Wegen durch den Dschungel; im Zickzack durch einen Wald aus Kokospalmen, Pomelo- oder Mango-Bäumen und Drachenfrucht-Kakteen. Mal auf einer Piste aus Betonplatten und Sandpfützen, die sich urplötzlich mitten durch einen Friedhof schlängelt; auf beiden Seiten zahllose Gräber, deren Größe und Farbenpracht uns fast sprachlos macht. Mal kerzengerade auf Dämmen, die nasse Reisfelder voneinander trennen.

Mal auf Hauptstraßen, umgeben von Lastwagen und knatternden Mopeds, mit denen alles transportiert wird, was eben so zu transportieren ist: vom Schweinchen im Käfig auf dem Gepäckträger bis zu hochgestapelten Paletten voll Eier; vom Backofen, in dem die Kohle glüht, übers Baumaterial bis zum wenige Monate alten Kleinkind. Mal in weiten Serpentinen den Wolkenpass bis auf knapp 500 Meter über dem Meer hinauf, diese Wetterscheide zwischen Nord- und Süd-Vietnam; 20 Kilometer ist er lang und bei meist acht Prozent Steigung halten nicht alle Akkus bis ganz nach oben durch. Unser Begleitbus sammelt die ausgepowerten Räder samt Fahrern ein; bei der unbeschwerten Abfahrt auf der anderen Seite sind dann alle wieder mit dabei.

Es dauert am ersten Tag ein wenig, auf dem Fahrradsattel eine Position zu finden, bei der weder die Sitzbeine noch das Schambein drücken. Die gepolsterte Unterziehhose – vor der Abreise auf Rat eines Freundes noch schnell gekauft – ist Gold wert. Die Handschuhe mit Gel-Kissen, die mir Mitradlerin Birgit spontan leiht – es ist ihr Ersatzpaar –, sind es ebenso. Nach ein paar Kilometern werde ich sicherer, die Anspannung weicht, ich sitze unverkrampfter, trete gleichmäßiger, bin nicht mehr nur mit mir beschäftigt, sondern kann mich umschauen. Wahrnehmen, woran wir da so vorbeikommen. Schauen. Hören. Und riechen.

Das intensive Aroma der Frangipani-Blüten zum Beispiel; den Geruch des Asphalts nach den Regenschauern, die uns im monsun-tropischen Klima Zentralvietnams blitzschnell durchweichen. Dann wieder den Auspuff-Gestank der Diesel-LKW und der Zweitakt-Mopeds. Den verführerischen Duft von Nudelsuppe mit Rindfleisch und Kräutern, der aus den offenen Wohnungen über den Weg weht. Und den Hauch von Moder, der vom stehende Wasser im Dschungel ausgeht.

An den Menschen rollen wir meist vorbei

Das E-Bike bringt uns in Gegenden, die wir weder mit dem Auto, noch zu Fuß erreichen würden. Wie faszinierend es ist, ein Land per Fahrrad zu erspüren, wird mir dabei so richtig bewusst. An den Menschen allerdings rollen wir meist vorbei. Können sie nur beobachten und über die Beobachtungen nachdenken. Immerhin sind wir mit ihnen auf Augenhöhe.

Die meisten winken freundlich; manche halten kurz inne, um uns hinterherzuschauen. Dabei lästern sie schon mal. "Sie wundern sich über die seltsamen Touristen, die bei dieser Hitze Fahrradfahren, obwohl sie im klimatisierten Bus sitzen können", so Cans Übersetzungs-Zusammenfassung der Sätze, die er aufschnappt. Überhaupt muss der Reiseleiter in den Pausen zwischen den Rad-Etappen viel übersetzen, erzählen, erklären. Uns dabei helfen, Dinge einzuordnen.

Der 39-Jährige heißt mit Nachnamen Nguyen – so wie 40 Prozent aller Vietnamesen. Den Grund für diese weite Verbreitung erklärt er so: Es war üblich, dass Familien den Nachnamen des jeweiligen Kaisers annahmen. Da die Nguyen-Dynastie die letzte war – Kaiser Bo Di dankte 1945 ab –, kam es danach zu keinem Namenswechsel mehr.

Den typischen spitzen Reishut setzen vor allem vietnamesische Frauen noch immer gerne auf - er schützt sie vor Sonne und Regen. © Gudrun Bayer


Can zeigt uns in Hue Spuren der Kaiserzeit. Die Gräber von Khai Dinh und Minh Mang etwa und die verbotene Stadt. Farbenprächtige Machtbauten, an deren Fassaden aber zu sehen ist, wie zerstörerisch die hohe Luftfeuchtigkeit wirkt. Und doch löchern wir ihn mehr mit Fragen zu anderen Themen. Zur französischen Kolonialherrschaft im 19. Jahrhundert. Zur japanischen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs. Zur anschließenden Teilung in den sozialistischen Norden und den westlich beeinflussten Süden. Zum Vietnamkrieg von 1964 bis 1975, in dem es den USA trotz der Unterstützung durch die Südvietnamesen nicht gelang, den Norden zu besiegen. Zur Wiedervereinigung 1976. Und zum aktuellen Leben im kommunistischen Einparteienstaat.

Can ist Südvietnamese. Er kam erst nach der Wiedervereinigung auf die Welt, hat die Teilung also nicht miterlebt. Die nur langsam heilenden Wunden des Bruderkrieges jedoch schon; sein Vater kämpfte noch gegen die Nordvietnamesen – und hat dem Sohn davon erzählt. Nach der Schulzeit studierte Can in Deutschland Lebensmitteltechnologie, arbeitete erst in diesem Beruf, folgte dann seiner Berufung und lernte Koch, erinnert sich lächelnd an die Zubereitung von Handkäs mit Musik oder paniertem Schnitzel. Doch es zog ihn zurück in die Heimat. "Ich wollte mit meinem Wissen dabei helfen, Vietnam voranzubringen." Ein Wunsch, der sich nicht so erfüllte, wie er es sich vorgestellt hatte. Es war, als würde er gegen unsichtbare Wände laufen, beschreibt er. So wurde er Reiseleiter – und damit ein weit wichtigerer Botschafter und Unterstützer seines Landes, als es ihm selbst bewusst zu sein scheint.

Mit der Vespa auf Street-Food-Tour

"Meine Perspektive auf Vietnam hat sich durch die Zeit in Deutschland geändert", sagt Can. Er weiß durch diese Zeit aber auch viel über die deutschen Touristen. Kann daher gut nachvollziehen, wie verwirrend der vietnamesische Verkehr auf sie wirkt. "Das Hupen ist nicht aggressiv gemeint. Es soll nur eine Warnung sein, dass man kommt", erklärt er. Eine ganz schön laute und häufige Warnung. Zum Eingewöhnen lassen wir uns daher erst mal in einer Fahrradrikscha durch Hue befördern, statt schon selbst auf die E-Bikes zu steigen. Später in der 13-Millionen-Einwohner-Metropole Hoồ-Chi-Minh-Stadt – dem früheren Saigon – nehmen wir für die abendliche Street-Food-Tour auf den Beifahrersitzen alter Vespas und Lambrettas Platz.

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Unsere Hochachtung vor den Künsten der Vietnamesen am Lenker steigt bei dieser Tour noch einmal. So dicht sie auch nebeneinander herfahren, so sehr sie Verkehrsschilder und rote Ampeln ignorieren, so rücksichtsvoll und aufmerksam gehen sie trotzdem miteinander um. Dadurch löst sich jeder unentwirrbar scheinende Knoten wie von selbst auf. Irgendwann fragen wir uns sogar, ob die vietnamesische Art des Vorschriften-Missachtens vielleicht die Lösung aller Verkehrsprobleme in Deutschland wäre . . . Das entspannte Gleiten durch den wuseligen Kreisverkehr am Rand von Myỹ Tho auf dem E-Bike werde ich jedenfalls nicht so bald vergessen. Obwohl Can mich direkt danach lächelnd ein wenig ernüchtert: "Na ja", sagt er, "alle haben ja gesehen, dass du eine Touristin bist, und deshalb haben sie auf dich aufgepasst".

Mehr Informationen:
Vietnam National Administration of Tourism
https://vietnam.travel
Belvelo, Spezialveranstalter für geführte E-Bike-Reisen in kleinen Gruppen
www.belvelo.de
Tel.: 0 30/7 86 00 01 24, der diese Reise unterstützt hat.
Anreise:
Direktflug ab Frankfurt nach Hanoi oder Ho-Chi-Minh-Stadt zum Beispiel mit Vietnam Airlines. Flugdauer elf Stunden.
Rundreise-Paket: 15-tägige E-Bike-Reise einschließlich Flug, der meisten Mahlzeiten und deutschsprachiger Reiseleitung, elf Übernachtungen in Luxus-Resorts, Hotels und Lodges mit gehobenem Standard, eine Übernachtung auf einem Flussschiff
https://belvelo.de/reiseziele/vietnam/
Tel.: 0 30/7 86 00 01 24
Beste Reisezeit:
Von Oktober bis April für den Norden, von Februar und April für Zentralvietnam, Dezember bis Februar für Südvietnam.

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