Mittwoch, 20.11.2019

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Das Kaunertal bietet so manche Grenzerfahrung

Das Tiroler Skigebiet hat sich zum Geheimtipp entwickelt - auch für den Sommer - 23.03.2019 08:00 Uhr

Leere Pisten auf 3000 Metern Höhe - das ist einer der Vorzüge dieses Skigebiets. © Michael Husarek


Knapp 1000 Höhenmeter liegen hinter uns. Ganze zwölf Skifahrer waren auf der Piste vom Karlesjoch durch den Vroni-Tunnel unterwegs. Ein ums andere Mal konnten wir weitgezogene Schwünge in den Pulverschnee ziehen. Und neben der schwarzen Piste gab es ausreichend unverspurte Varianten, etwa in der Freerideline Wiesejaggl. Skifahren am Kaunertaler Gletscher ist pures Skivergnügen.

Skifahren am Kaunertaler Gletscher ist aber auch puristisches Vergnügen. Denn vor dem Spaß steht die Anreise über die 26 Kilometer lange Zufahrtsstraße. Egal, ob mit dem eigenen Pkw oder mit dem Skibus — 30 Minuten dauert die Fahrt via Mautstelle allemal (mit einem Skipass muss nichts mehr extra bezahlt werden). Und nach dem Skitag heißt es wieder: ab ins Auto statt zum Après-Ski.

Vielleicht liegt es an dieser besonderen Lage, dass das Kaunertal unter den fünf Tiroler Gletschern am wenigsten frequentiert ist. Selbst während der Schulferien sind Wartezeiten selten. Und wer in der Kaunertal-Gemeinde Feichten wohnt, ist zumindest nah dran am Erlebnis auf den Eismassen. Und das hat es für Wintersportler, die eben nur Skifahren wollen, durchaus in sich.

Dass es unterhalb der 3518 Meter hohen Weißseespitze überhaupt etwas zu erleben gibt, ist vor allem Eugen Larcher zu verdanken. Als Jugendlicher durfte er seinen Vater, der Bergführer in Feichten war, im Sommer auf eine Tour in die Schweiz begleiten.

Der Sommerskilauf ist längst ein Opfer des Klimawandels

Auf einem der Gletscher war ein dieselbetriebener Schlepplift in Betrieb. "Sommerskilauf bei uns im Kaunertal, das wäre doch was", dachte sich der Teenager. 25 Jahre und viele Mitstreiter waren nötig, um die Vision in die Tat umzusetzen: 1979 begannen die Bauarbeiten im Hochgebirge.

Selbst während der Schulferien gibt es hier keine Wartezeiten. © Michael Husarek


Heute, 40 Jahre später, ist der Sommerskilauf längst ein Opfer des Klimawandels geworden, doch Ski gefahren wird im Kaunertal immer noch, nur halt vom Herbst bis weit in den Frühling hinein. Und Eugen Larcher ist seit 40 Jahren Geschäftsführer der Seilbahngesellschaft. Der 80-jährige denkt statt ans Aufhören an die Zukunft. Und sieht durchaus Perspektiven für "seinen" Gletscher. Auch im Sommer, weil das Kaunertal dank der bis auf 2750 Höhenmeter führenden Mautstraße für Wanderer, Biker, Familien und Motorradfahrer viel zu bieten hat. Unter anderem zählt eine begehbare Gletscherspalte zu den Attraktionen.

Aber auch im Winter: beim Freeriden, also dem Fahren im Gelände neben der Pisten, hat sich der Gletscher zum Geheimtipp entwickelt. Tatsächlich gibt es viele Varianten, die einigermaßen gefahrlos von Skifahrern und Snowboardern erkundet werden können. Viele nutzen den Gletscher auch als Ausgangspunkt für weitere Touren.

Unberührte Tiefschneehänge

Vom höchsten Punkt des Skigebietes, dem 3108 Meter hohen Karlesjoch, ist es beispielsweise ein Katzensprung nach Südtirol — die Staatsgrenze zu Italien verläuft direkt am Grat, auf dem die Seilbahn endet. Freerider nutzen das Karlesjoch auch als Startpunkt für eine Tour gen Süden — bis nach Melag im Vinschgau warten 1200 Höhenmeter unberührte Tiefschneehänge.

Bis nach Südtirol ist es vom Kaunertal nur ein Katzensprung. © Michael Husarek


Ob eines Tages von Melag aus der Gletscher mit einer eigenen Anbindung erschlossen wird, steht ebenso in den Sternen wie Eugen Larchers große Vision: "Vielleicht gelingt es eines Tages, den Gepatscht-Ferner zu erschließen." Der ist Österreichs größtes Eisfeld und liegt direkt neben dem bereits erschlossenen Gletschergebiet. Ob dieser große Wurf ökologisch vertretbar ist, steht auf einem anderen Blatt.

Derzeit sind die Bewohner der Kaunertalgemeinden zumindest zufrieden mit "ihrem" Gletscher. Zumal, auch daran war Eugen Lachner maßgeblich beteiligt, sie ihre Ortsbilder bewahrt und keine Hotelburgen in die wunderschöne Landschaft gebaut haben. "Wir sind ein normales Dorf geblieben", sagt Lachner.

Und auch im benachbarten Fendels ist die Welt noch in Ordnung. Nachtrodeln ist in dem 250-Einwohner-Dorf ein bezauberndes Ereignis, weit entfernt von den Events, mit denen andere Skigebiete seit Jahren aufwarten.

Mehr Informationen: Kaunertal Tourismus: www.kaunertal.com/de

Michael Husarek Chefredakteur Nürnberger Nachrichten E-Mail

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