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Das "Ländle" feiert seinen Dichter-Star

250 Jahre Hölderlin: Eine Tour zu den Lebensorten und Ausstellungen - 17.10.2020 07:42 Uhr

Tübingen spielte in Hölderlins Leben eine wichtige Rolle.

© Wolfgang Heilig-Achneck


„In deinen Tälern wachte mein Herz mir auf/ Zum Leben, deine Wellen umspielten mich…“: So heimelig und idyllisch wie von Hölderlin besungen, ist die Lebensader des „Ländle“ freilich schon lange nicht mehr: Die Orte an dem Fluss gehen schier ineinander über, Siedlungen und Gewerbegebiete sorgen für schier überbordenden Verkehr.

Und doch sind es vor allem prächtige Weinlagen mit oft steilen Rebhängen, die das Erscheinungsbild prägen – selbst mitten im quirligen Stuttgart. Kurzum: Auf seine Kosten kommt hier nur, wer mehr Kultur als Natur sucht. Was Touren über Anhöhen und Ausflüge zu grünen Paradiesen nicht ausschließt – im Gegenteil. Hat die dicht gewebte Infrastruktur doch auch unabweisbare Vorteile: Bis zur nächsten Herberge oder Einkehrmöglichkeit ist es nirgends besonders weit, das Liniennetz im Öffentlichen Nahverkehr ist eng geknüpft – etwas abseits der urbanen Ballungszentren lässt sich die Region bestens auf Wander- und Radwegen erkunden.

"Per Pedal zur Poesie"

Gerade Literaturfreunde sollten sich auf den Sattel schwingen, um den Spuren von Leben und Werken nicht nur von Top-Stars wie Hölderlin und Friedrich Schiller zu folgen, sondern etwa auch Eduard Mörike und Hermann Hesse, Justinus Kerner, Theodor Heuss und vielen anderen.

"Per Pedal zur Poesie“ heißt denn auch die Devise, die das „Literaturland“ für knapp ein Dutzend „Literarische Radwege“ ausgegeben hat (www.literaturland-bw.de). Sind doch zwischen Heidelberg und Konstanz nicht weniger als 90 Museen und Gedenkstätten der Überlieferung von Sprache und Texten, der Poesie und einzelnen Autoren gewidmet.

Eine Skulptur des Künstlers Waldemar Schröder zeigt Friedrich Hölderlin in Nürtingen in Baden-Würtemberg.

© Marijan Murat, dpa


Unter ihnen darf Tübingen – wie sonst wohl nur Goethes Weimar – als Champion gelten: Gleich drei Einrichtungen und Anwesen, die in Hölderlins Leben eine zentrale Rolle spielten, liegen hier nur ein paar Schritte voneinander entfernt: das berühmte Stift, in dem ihn als Student nicht zuletzt die Begegnung und Freundschaft mit Hegel und Schelling inspirierte und prägte und wo er sich für die Ideale der französischen Revolution begeisterte.

Dann die Authenrieth’sche Klinik für psychisch Kranke. Damals gerade erst gegründet, darf sie als die fortschrittlichste ihrer Zeit gelten – konnte aber dem im Zustand schwerer „Verwirrung“ 1807 mit Gewalt dorthin verschleppten Hölderlin auch nicht wirklich helfen. Dicke Bände füllen seither die Studien und Spekulationen darüber, ob und wie krank der Dichter tatsächlich war. Fakt ist freilich, dass ihn die Ärzte nach knapp acht Monaten als „unheilbar“ einstuften. Doch aus den drei, vier Jahren, die sie ihm als Lebenszeit noch prophezeiten, sollten 36 werden – die komplette zweite Hälfte seines Lebens.

Beim Schreinermeister im "Hölderlinturm"

Und die verlebte er - Ort Nummer drei - beim Schreinermeister Ernst Friedrich Zimmer in jenem Haus direkt am Neckar, das durch den „Hölderlinturm“ berühmt werden sollte. Der Handwerker war fasziniert vom „Hyperion“ des Dichters, einer anspruchsvollen Lektüre. Den Autor aufzunehmen und zu pflegen, verschaffte seiner Familie freilich auch ein gesichertes Zusatzeinkommen.

Aber so authentisch es anmutet: Das Haus ist nicht mehr dasselbe wie zu Hölderlins Zeit. Denn 1875 zerstörte ein Feuer einen großen Teil des Hauses, das dann eben in doch merklich veränderter Form wieder aufgebaut wurde. Als einziges Möbelstück aus der Zeit des Dichters hat sich eine Art Beistell-Tisch erhalten – als Original und in Variationen zieht es sich deshalb jetzt als eine Art Leitmotiv durch die komplett neugestaltete Ausstellung.

In Baden-Würtemberg führen verschiedene Einrichtungen an die Welt und das Wirken des Dichters Hölderlin heran.

© Wolfgang Heilig-Achneck


Die macht den Besucher der Reihe nach mit den Lebensstationen und wichtigsten Themen im Werk Hölderlins vertraut. Höhepunkt ist natürlich das berühmte Turmzimmer, in dem einst noch viele Gedichte entstanden, oft Hymnen auf die Natur. Aber statt bis zur Schwäbischen Alp, wie sie der in die Antike verliebte Poet von hier einst noch erspähen konnte, reicht der Blick heute nur noch auf die vorgelagerte Neckarinsel mit ihrem üppigen Baumbestand.

Angenehm, dass das Team um Kurator Thomas Schmidt auf eine erdrückende Überfülle verzichtet und sich auf eine kluge Auswahl von aussagekräftigen Exponate konzentriert hat und daneben – von den Materialien über das Licht bis zu interaktiv-spielerischen Elementen – auf die subtile Vermittlung von Inhalten und Stimmungen setzt. Unverzichtbarer Bestandteil ist freilich der Garten, in dem sich Hölderlin einst freilich mit nicht mal der Hälfte begnügen musste.

Als nächste Station auf Hölderlins Spuren wäre, nein: ist das Städtchen Nürtingen einen Stopp wert. Hier hatte er einen großen Teil seiner Kindheit und Jugend verbracht und zeitlebens Bürgerrecht. Auch hier gibt es - selbstverständlich - ein Hölderlin-Haus; dessen Wiedereröffnung mit einer Ausstellung lässt aber auf sich warten.

Mustergültig saniertes Geburtshaus

Anders in Lauffen, zwischen Ludwigsburg und Heilbronn, wo Friedrich das Licht der Welt erblickt hatte. Das historische Haus ist schon für sich eine Besichtigung wert: 1750 vom Großvater des Dichters erbaut, der dort als Verwalter ehemaliger Klostergüter amtierte, ist es weitgehend in seiner ursprünglichen Form erhalten und mustergültig saniert worden.

Friedrich Hölderlin Tafel in Bissingen/Teck.

© imago stock&people / Horst Rudel


Seit Sommer stellt hier eine neu konzipierte Dauerausstellung zahlreiche Persönlichkeitsfacetten des sprachgewaltigen Dichters vor: den Freund, den Erfinder, den Utopist, den Liebhaber... Im „Erlebnisraum Gedicht“ und im „Versuchsraum Sprache“ können die Besucher seiner Kunst besonders gut nachspüren. In der großen Scheune leuchten besondere Dichterworte aus dem Dunkel. Und im „Sommerzimmer“ mit Stuckdecke laden Sessel und Bücher zum Lesen ein.

Lohnende Stationen sind schließlich auch das berühmte Kloster Maulbronn, wo Hölderlin die Schulbank drückte - und seine erste Jugendliebe erlebte. Und das Literaturmuseum in Marbach: Der moderne Kunsttempel von David Chipperfield thront, neben dem Schiller-Nationalmuseum, hoch oben über dem Neckar.

Bis August 2021 lädt hier die Sonderschau "Hölderlin, Celan und die Sprachen der Poesie" dazu, den Geheimnissen der Verse nachzuspüren. Für heutige Leser nehmen sich viele als sperrig und hochtrabend-gelehrt aus. Wer sich auf die raffinierten Inszenierungen und Mitmachstationen einlässt, dem erschließt sich durch Bilder und Rhythmus und Reime die ganze Welt dieses Poeten. Und ein ungewöhnliches Leben in einer aufregenden Umbruchszeit.

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