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Dem Luchs auf der Spur in Oberösterreichs Kalkalpen

Bei einer Wanderung nahe Pyhrn-Priel entdecken Besucher viele Naturwunder - 26.10.2019 08:00 Uhr

Hier bleibt die Natur sich selbst überlassen: Der Nationalpark Kalkalpen. © Tourismusverband Pyhrn-Priel


Bekommen wir die jungen Luchse vor die Linse von Kamera und Fernglas? Die Chancen, Aira und Juri, die vor wenigen Jahren aus der Schweiz in den Nationalpark Kalkalpen umgesiedelt wurden, zu treffen, sind gering, dämpft Ranger Rudi Grall die Erwartungen. "Ich arbeite seit zehn Jahren hier und habe viermal Luchse aus nächster Nähe gesehen."

Die Raubkatzen mit den Pinselohren gelten als extrem scheu. Spuren der in Österreich lange Zeit ausgerotteten Tiere finden sich allerdings immer wieder auf der gut vierstündigen Tour, bei der uns Grall an diesem Tag durch ein Tal im Sengsengebirge führt. Nebenbei erfahren wir vom Ranger viel Wissenswertes über das 1997 eingerichtete Schutzgebiet.

Bilderstrecke zum Thema

Das ganze Jahr wandern im Nationalpark Kalkalpen

In der oberösterreichischen Region um Pyhrn-Priel sieht man dabei sogar Luchse.


Der Nationalpark Kalkalpen ist mit 21 000 Hektar das zweitgrößte der sechs österreichischen Schutzgebiete. Und er ist das größte zusammenhängende Waldgebiet Mitteleuropas. Auf dem Gelände gibt es 23 Almen, auf denen im Sommer rund 600 Rinder weiden. Über 1000 verschiedene Pflanzen, Moose und Flechten haben die Biologen hier gezählt, dazu 40 verschiedenen Orchideen und 1500 Schmetterlingsarten. "Auf gedüngten Wiesen im Tal findet man gerade mal 30 bis 40 Pflanzenarten und deutlich weniger Schmetterlingsarten ", so Grall.

Die Nationalparkfläche alleine reicht Aira, Juri und drei oder vier weiteren Luchsen nicht aus. 15 000 bis 20 000 Hektar ist das Revier jeder der Katzen groß. Sie sind Einzelgänger, Kätzin und Kuder treffen sich nur zur Ranzzeit und gehen ansonsten ihrer eigenen Wege. Ausgewachsen erreichen die Raubtiere die Größe eines Rehs und wiegen bis zu 30 Kilogramm.

Rehe gehören übrigens auch zur ihrer Lieblingsbeute – und deshalb sind sie nicht überall willkommen: Vor einigen Jahren schoss ein Jäger aus Linz verbotenerweise zwei der streng geschützten Luchse – und lagerte die Kadaver in seiner Tiefkühltruhe. Seine Freundin verpfiff ihn, er musste etwa 25 000 Euro Strafe zahlen. Von diesem Geld siedelte man 2017 Aira und Juri aus dem Schweizer Jura in die Kalkalpen um.

In die Fotofalle getappt

Wie viele Pinselohren den Nationalpark durchstreifen, kann Rudi Grall nicht sagen. Wo Aira unterwegs ist, weiß er aber genau: Neuzugänge werden mit einem Sendehalsband ausgerüstet. So können die Ranger die Tiere orten und ihre Streifzüge und die Ausbreitung ihres Revieres nachvollziehen. Der Luchsexperte zeigt eine Karte, auf der die Ortungen mit farbigen Punkten verzeichnet sind. Ist die Batterie des Senders nach etwa drei Jahren leer, gibt es nur noch wenige Informationen.

Wir haben Glück: In einer der vielen Fotofallen, die im Schutzgebiet aufgestellt sind, tappte Aira. Auf einem Speicherchip, den Grall der Kamera entnimmt und in ein Lesegerät steckt, sind gleich mehrere Bilder der eleganten, hochbeinigen Kätzin. Der Ranger kann die Luchse im Nationalpark anhand ihrer Fellzeichnung auseinanderhalten.

Viel lustiger sind aber die Schnappschüsse anderer Waldbewohner: Ein Fuchs lässt sich von dem klickenden Gerät anlocken und liefert eine ganze Serie drolliger Selfies seines Gesichts in Nahaufnahme. Auch Rehe und ein lehmverkrusteter Rothirsch, der offenbar kurz zuvor im Schlamm gebadet hat, sind zu sehen. Die Fotofalle liegt direkt auf einem Forstweg, dennoch sind hier viele Tiere unterwegs. "Klar", sagt Grall lachend: "Die Tiere sind auch etwas bequem und nutzen gerne die schönen Wege, statt sich durchs Unterholz zu kämpfen."

Wer einen Luchs so vor die Kamera bekommt, hat großes Glück. © Tourismusverband Pyhrn-Priel


Sein Film- und Fotoarchiv hat noch einen weiteren Höhepunkt der digitalen Überwachungstechnik zu bieten: Vor einer Kamera an einer Waldhütte taucht in bestem Licht Luchsmännchen Lakota auf, reibt seinen Kopf an den Holzbrettern und markiert dann gegen die Wand. Das ist mein Revier! Deutlicher kann es der ranghöchste Kuder im Nationalpark nicht demonstrieren.

Dass sich Luchs, Rotwild, Gams, Rauhfußhuhn und andere Tiere in dem oberösterreichischen Schutzgebiet wohlfühlen, ist kein Wunder. Auf nahezu der gesamten Fläche ist die Jagd verboten, in kleinen Teilen werden nur wenige Tiere unter strengen Auflagen zur Bestandsregulierung geschossen.

Auch der Wald soll nach und nach wieder ein echter Urwald werden, selbst wenn das vermutlich Jahrhunderte dauert. Wenn Lawinen, Wind- und Schneebruch oder Käfer Teile des Baumbestands fällen, bleiben die Bäume liegen und werden zur Arche Noah für Pilze, Flechten, Pflanzen und Insekten. Bereits in den letzten Jahrzehnten hat sich so wieder eine immense Artenvielfalt entwickelt. Neben seltenen Käfern ist der sehr rare Weißrückenspecht hier heimisch.

Paradies für Schmetterlinge

An anderer Stelle wachsen auf einer Lawinenschneise blühende Stauden: Ein Paradies für Schmetterlinge. Nur in den Randzonen entfernen die Forstarbeiter kranke Bäume – um die Waldbesitzer rundherum vor Borkenkäferplagen zu schützen.

Nachts hat es geregnet. In einer Schlammpfütze entdecken wir Raubtierspuren. Waren Aira oder Juri hier? Nein, sagt der Ranger, es war nur ein Fuchs. Sein Pfotenabdruck ist viel kleiner als der des Luchses, außerdem sind Krallenspuren zu sehen – Luchse ziehen Krallen beim Laufen ein. Und noch ein weiteres Geheimnis kann Rudi Grall derzeit noch nicht lüften: Hat es zwischen Aira und Juri oder einem anderen Männchen gefunkt? Gibt es heuer Luchsnachwuchs? Die Fotokameras werden das – hoffentlich – demnächst aufklären.

Mehr Informationen:
Tourismusverband Pyhrn-Priel
der die Reise unterstützte.
Anreise:
Ab Nürnberg mit dem Auto über die A 3, 360 Kilometer; mit dem Zug in rund fünf Stunden über Passau nach Spital am Pyhrn.
Günstig wohnen:
Bergbauernhof Singerskogl
Luxuriös wohnen:
Landhotel Stockerwirt
Beste Reisezeit:
Im Nationalpark werden ganzjährig geführte Wanderungen angeboten. Beste Wanderzeit für höhere Gipfelziele ist von Juni bis Oktober.

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