Reiseland Deutschland

Der Blocksberg im Harz? Darauf sei gepfiffen

21.8.2021, 08:30 Uhr
Sternenhimmel über dem Brocken.

Sternenhimmel über dem Brocken. © imago images/Jan Eifert

Ob Sie’s glauben oder nicht: Ich war noch nie im Harz. Wahrscheinlich hängt das mit dem Harzer Roller zusammen. Ich habe um den Stinkerkäse regelmäßig einen weiten Bogen gemacht, genauso wie um das Mittelgebirge selbst.

Harz heißt übrigens nicht hart, sondern Berg, genauer: ein Berg mit Wald. Und – trifft das zu? Sagen wir es so: Der Harz ist ein Gebirge voll schöner Fichten, die meisten davon sind grün, aber nicht wenige sind – das bestürzt einen – grau und abgestorben. Mit Aufforstung durch Mischwald hält man dagegen. Nur der Gipfel ist ratzekahl, da gibt es keinen einzigen Baum, stattdessen Masten, Sender und Radarstationen.

Zackige Teufelsmauer

Wir fangen klein an, am besten in Thale, also im Tal, einem, wie sagt man so schön, beschaulichen Städtchen. Aber was heißt hier beschaulich? Hier beginnt das Bodetal, und dort ist alles vorhanden, was der Mensch für gewöhnlich braucht: eine zackige Teufelsmauer, eine schroffe Felsenschlucht, einen echten Hexentanzplatz, eine noble Herberge, früher genannt „Hotel Zehnpfund“. Die Unterkunft war nobel genug, dass Theodor Fontane dort die besten Eingebungen für Novellen und Erzählungen hatte, darunter für seinen berühmten Eheroman „Cécile“.

Früher hieß es Zonenrand

In dieses Sommerhotel, groß wie ein Palast und streng wie eben ein solcher, das in den vergangenen 20 Jahren so vor sich hin bröckelte, sollen nächstes Jahr Senioren einziehen. Denen darf es aber vor gar nichts grausen. Denn Hexen treiben am, im und über dem Harz traditionell ihr notorisches Unwesen. Schon immer. Schließlich sind wir hier im ehemaligen Zonenrandgebiet. Die Grenze zwischen BRD und DDR lief quer über das Gebirge - bis 1990.

Die Harzer Schmalspurbahn schlängelt sich hoch auf den Blocksberg bzw. Brocken.

Die Harzer Schmalspurbahn schlängelt sich hoch auf den Blocksberg bzw. Brocken. © imago images/CHROMORANGE/Dieter Moebus

Umschwärmter zaubrischer Zielpunkt ist nach wie vor der Blocksberg, ein schwerer Brocken, er heißt auch so: Der Brocken. Zu DDR-Zeiten lauschten hier mit Richtantennen die Soldaten des Warschauer Paktes in den Nato-Westen hinein. Zu Goethes und wohl auch früheren Zeiten trafen sich hier, so geht die Rede, Hexen, Teufel und andere pickelige Hörnerwesen zur Walpurgisnacht. Also fahren wir auch hinauf. Gefahr droht uns nicht, denn der besagte Hexensabbat, die Nacht zum 1. Mai, ist schon vorbei.

Trotzdem pfeift die Bahn. Sie pfeift tatsächlich, denn es ist eine Dampflok, die die Waggons die knapp 20 Kilometer hinaufzerrt. Da muss man schon mal pfeifen. Schnauben und keuchen tut sie sowieso. Bei einer Höchstgeschwindigkeit von 40 km/h entgeht einem kein Schnaufer und Rassler, das Kratzen in den Kurven nicht mitgerechnet. Also: Pfeifen gestattet.

Blick vom Brocken auf die umliegende Landschaft im ehemaligen Zonenrandgebiet.

Blick vom Brocken auf die umliegende Landschaft im ehemaligen Zonenrandgebiet. © Swen Pförtner, dpa

Oben pfeift es ebenso. Diesmal ist es der Wind in 1141 Metern Höhe, er vertreibt die Wolken, um freien Platz für die nächsten zu machen. Vom Gipfel soll es an 300 Tagen im Jahr wegen Nebels keine freie Sicht geben. Wer Glück hat; kann weit schauen, kann die Rhön erahnen, 150 Kilometer weit weg. Heinrich Heine hatte kein Glück: „Viele Steine, müde Beine, saure Weine, Aussicht keine.“ Ob er das wirklich so formuliert hat, ist nicht verbürgt.

Orte heißen Elend und Sorge

Wieder unten angekommen, lassen wir Sorge und Elend rechts liegen. Damit ist nicht die Gemütsverfassung der ansässigen Bergbewohner gemeint, vielmehr handelt es sich um zwei Ortschaften, die genau so heißen, die eine an der Kalten Bode gelegen (Elend), die andere an der Warmen Bode (Sorge). Es bleibt ungeklärt, ob Kälte und Wärme ursächlich etwas mit dem Ortsnamen zu tun haben. Wir begeben uns jedenfalls nach links, also nordwärts, nach Wernigerode.

Wernigerode im Harz.

Wernigerode im Harz. © imago images/imagebroker/Oliver Gerhard

Ein Städtchen wie aus dem sprichwörtlichen Bilderbuch! Man kann hinaufschauen bis zum Brocken. Hieß es bislang: rauf auf den Berg! So heißt es nun: rein in den Berg! Den Brocken mit seinen Sendemasten hat die Unesco nie interessiert, den Rammelsberg aber schon. Das ist ein Bergwerk am Rande des Harzes, welches zusammen mit der Altstadt von Goslar 1992 in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wurde.

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