Montag, 21.10.2019

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Deutsche Minderheit: Herr Kohl aus Ungarn

In der Braunau im Süden des Landes bewahren Deutsche Traditionen und Sprache. - 21.09.2019 08:00 Uhr

Bunte Volksfeste und Umzüge, wie hier in Schomberg, beleben vom Frühjahr bis zum Herbst das Freizeitprogramm. © Ulrich Uhlmann


An der Hauptstraße stehen schmucke Einfamilienanwesen, später dann bunt gestrichene Schwabenhäuser, die stets mit dem Giebel zur Straße blicken und an den Längsseiten zu den Stallgebäuden hin mit einer überdachten Galerie abschließen. Aus dem Kindergarten tönt zaghaft ein deutsches Lied, und auf der Straße plauschen in der Mittagssonne die Dorffrauen – einige von ihnen in der überlieferten Tracht.

Wir sind unterwegs im südlichen Ungarn; nahe den Grenzen zu Serbien und Kroatien. Im Land der Donauschwaben. Genauer gesagt im Verwaltungsbezirk Baranya/Braunau, einer Gegend, in der ein Dialekt gesprochen wird, der uns ein leichtes Schmunzeln entlockt.

Franz Michaelis, der Schomberger Heimatforscher – seine Vorfahren kamen im 18. Jahrhundert aus der Nähe von Karlsruhe –, blättert für uns im Geschichtsbuch: Nach der 150-jährigen osmanischen Unterdrückung siedelte Maria Theresia, regierende Erzherzogin von Österreich und Königin von Ungarn, um 1740 auch im entvölkerten Somberek und in den umliegenden Orten die ersten deutschen und österreichischen Auswanderer an.

In hölzernen "Schachteln" angereist

Sie kamen vermutlich über die Donau flussabwärts mit den so genannten "Ulmer Schachteln" – hölzernen Frachtkähnen – aus Bayern, Baden, Württemberg, der Pfalz und auch aus Österreich in das verwüstete Osmanengebiet. Ihnen wurden Steuerfreiheit, Freizügigkeit, Religionsfreiheit und andere Privilegien versprochen. Das wirkte. Schon 1752 zählte die Hälfte der Schomberger Anwesen donauschwäbische Siedler. Und bereits 1759 gab es im Ort neben der serbischen die erste deutsche Schule.

Heute bilden die Deutschen in Ungarn die zweitgrößte nationale Minderheit nach den Roma. Ihre Zahl wird gegenwärtig auf etwa 185 000 geschätzt, die meisten davon in den Regionen Baranya/Braunau (um Pécs/Fünfkirchen), Tolna/Tolnau (um Szekszárd/Sechsard) und Somogy/Schomodei (um Kaposvár/Kopisch). Von den 1500 Einwohnern von Schomberg machen die Donauschwaben und ihre Nachkommen fast zwei Drittel aus. Die Namen der Alteingesessenen zeugen davon – Buchhammer und Hoffmann, Kohl und Hofstädter, Rittlinger und Hartung.

Die Ungarndeutschen pflegen nun wieder, nachdem das bis in die 1950er Jahre nicht immer gern gesehen war, ihre alten, guten Traditionen. Beweis sind das dörfliche Heimatmuseum und das Deutsche Haus – ein schwäbischer Bauernhof mit allem Drum und Dran zum Vorzeigen. Mit viel Liebe ist hier alles zusammengetragen, was an Geschichte und Lebensart der Vorfahren erinnert.

Jede Menge deutsche Vereine

Und dann stehen im Jahreslauf wie in fast allen Dörfern der Braunau noch vielfältige bunte Feste und Umzüge auf dem Programm, von den deutschen und ungarischen Bewohnern gemeinsam ausgerichtet. Franz Michaelis erzählt vom deutschen Liederkranz und der deutschen Kindertanzgruppe, von der deutsch-ungarischen Jugendblaskapelle und dem schwäbischen Senioren-Gesangsverein.

Beispiel für die Gemeinsamkeit ist auch das Wirken des parteiunabhängigen Bürgermeisters Tamás Csoboth, selbst Ungar. "Bei uns", sagt er, "kommt es nicht auf die Nationalität an, sondern auf das, was jeder für die Gemeinschaft leistet." Zahlreiche kommunale Vorhaben, so der Bürgermeister, werden gemeinsam mit den Partnerorten jenseits der Grenzen gelöst – so unter anderem mit den Einwohnern von Langenau bei Ulm, von Sinabelkirchen bei Graz und von Mühlwald in Südtirol.

Da tauschen die Abgeordneten regelmäßig miteinander ihre Erfahrungen aus, Kulturgruppen besuchen sich gegenseitig, treten bei Volksfesten der Partnergemeinden auf. Und Schule, Kindergarten, Sportverein und Altenheim in Schomberg erhielten schon manch materielle Hilfe aus Deutschland und Österreich.

Der Abschied von Schomberg und der Baranya mit dem bunten Völkergemisch von Ungarn, Deutschen, Roma, Kroaten und Serben fällt uns schwer. Wir haben sie lieb gewonnen, die Menschen, ihre Landschaft, ihre Geschichte und ihre Geschichten. Zur Weinlese ist ein Wiedersehen versprochen, denn in vielen der donauschwäbischen Dörfer werden Urlaubstage auf dem Bauernhof oder in den Kellerhäusern der Weinberge angeboten.

Mehr Informationen:
Kulturhaus Somberek/Schomberg
www.somberek.hu
Anreise:
Ab Nürnberg mit dem Auto etwa neun Stunden (900 km) auf A3, A8, A1, A4, M1, M6 über Wien, Budapest, Richtung Pécs, Abfahrt Somberek.
Günstig wohnen:
Schomberger Erlebnis- und Angelteich (Sombereki Horgásztó)
www.somberekihorgaszto.hu
Landgasthof Waszner
www.wasznervendeghaz.hu
Beste Reisezeit:
Mai bis Ende September.

Ulrich Uhlmann

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