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Deutsche Nordseeinseln: Schritte ins Watt

Zwischen den Eilanden Amrum und Föhr durch nassen Sand waten - 21.09.2019 08:00 Uhr

Wanderer stehen in einem Priel und blicken hinüber zur Insel Föhr. © Tilmann Grewe


Das Nordseewatt – eine Wüste? Rainhard Boyens lacht herzlich, während er mit kraftvollen Schritten über den nassen Sand geht. Bis zum Horizont reicht die grau-braune Schlickzone, die ein paar Meter weiter beginnt, jetzt bei Ebbe. Möwen kreischen, Austernfischer pfeifen, während wir, mit Gummistiefeln gerüstet, auf Amrum bei Norddorf hinter unserem Wattführer herstaksen.

An die 80 Muschelarten leben im Wattenmeer. Dazu Schnecken, Würmer, Krebse. Ein reich gedeckter Tisch für Millionen von Zugvögeln, die zwei Mal im Jahr hier Rast machen. "Die größte Tankstelle der Erde" ist der Nationalpark Wattenmeer, sagt Rainhard (im Watt duzt man sich) und zieht mit seiner Mistgabel drei Kreise unterschiedlicher Größe in den Sand. "Und – wie entstehen Ebbe und Flut?" Klar, der Mond macht's mit seiner Anziehungskraft, aber auch die Sonne spielt ihre Rolle.

Das zeigt die Springflut bei Neu- und Vollmond, wenn Mond und Sonne in einer Linie stehen. Der Meeresspiegel steigt dann um rund 50 Zentimeter höher als sonst, weil sich die Gravitationskräfte der beiden Himmelsgestirne addieren. Während der Nippflut, also wenn sich Sonne und Mond bezogen auf die Erde im rechten Winkel zueinander befinden, passiert das Gegenteil.

Putzkolonne am Meeresboden

Der Wind bläst kräftig heute, wir ziehen die Mützen tiefer, während unter unseren Füßen jeder Schritt schmatzt. Da, eine Auster. Rainhard hält die scharfkantige, von Herzmuscheln bevölkerte Schale hoch. Ein Leckerbissen für Seesterne und Eiderenten und, ebenso wie die Miesmuschel, ein Überlebenskünstler. Beide bilden Geflechte von feinen Härchen mit Artgenossen. Dank dieser Verankerung können sie als einzige Muscheln überhaupt auf dem Meeresboden leben. Dort leisten sie wichtige Reinigungsarbeit. Bis zu 240 Liter Wasser täglich filtert eine Auster, um Plankton, winzige Algen und Sauerstoff aufzunehmen. Vor allem im Sommer entzieht sie dem Meer dabei auch viel Nitrat.

Während wir fast im Gänsemarsch hinter unserem Wattführer durch den etwas tiefer werdenden Schlick stapfen, blitzt rechts von uns der Südteil Amrums im Sonnenlicht, links blicken wir auf Föhr. Eigentlich wollten wir die weite Watt-Welt zwischen diesen beiden Inseln erkunden. Doch der Wind hat schon vor Tagen auf Nordwest gedreht und ordentlich aufgefrischt. In den Prielen, die man während der Dreieinhalb-Stunden-Wanderung überwinden müsste, steht das Wasser jetzt hüfthoch statt nur bis zur Wade – der starke Sog könnte lebensgefährlich werden.

Bilderstrecke zum Thema

Wattwanderung: Von Amrum nach Föhr über den Grund der Nordsee laufen

Auch eine steife Brise kann uns nicht davon abhalten, mit Wattführer Rainhard Boyens durch den Schlick zu stapfen. Ein kleines Abenteuer mit schmatzendem Schlick unter den Füßen.


Dafür gibt es auf den Inseln vieles zu entdecken, und wo es schöner ist, vermag man kaum zu entscheiden. Ist es der fast weiße, karibikfeine Kniepsand Amrums, der sich als endloser, bis zu eineinhalb Kilometer tiefer Strand auf der Westseite der Insel erstreckt? Selbst während der Sommer-Hochsaison verlaufen sich hier die Touristen. Jetzt, im beginnenden Herbst und erst recht bald im Winter erlebt der Besucher grenzenlose Freiheit auf Du und Du mit der rauen Natur.

Sind es die Bohlenwege durch die (seit 1993 naturgeschützten) Amrumer Dünen, die seit 300 Jahren wachsen und vielen Wattvögeln als Brutplatz dienen? Oder ist es das flache Föhr, das ein wenig wie die norddeutsche Tiefebene anmutet? Mit seinem 200 Kilometer langen Radwegenetz einschließlich fünf Themenrouten. Mit einem unerwartet milden Klima, das sogar Weinanbau ermöglicht. Mit schnuckeligen Backsteinhäuschen etwa in Nieblum, mit 200 Jahren Badetradition und drei Sprachzonen: Hoch- und Plattdeutsch im Inselnorden, Friesisches Plattdeutsch in der Mitte und das eigenständige Friesisch im Süden.

Wer mal "muss", hält Abstand

Ganz gleich, wo die Insel-Liebe hinfällt, früher oder später wird sich fast jeder mit einem erfahrenen Wattführer auf den Weg machen. Zwischen den beiden Inseln oder hinaus zum sieben Kilometer vor der Küste liegenden Blauortsand, der zu den wenigen weitgehend naturbelassenen Lebensräumen an der Küste zählt. Oder zur Kormoran-Insel nördlich von Amrum, die Seehunden als Ruheplatz dient, oder auf eine mehrstündige Grünkohl-Wattwanderung in winterlicher Kälte.

Aber wenn man bei solchen Distanzen mal "muss"? "Einfach aus der Gruppe zurückfallen lassen", sagt Rainhard. Auch Notfälle sind selten. Mit 25 Jahren Erfahrung sieht der Wattführer schon beim Anmarsch der Exkursionsteilnehmer, wem die Kondition für den Trip fehlt.

Noch einmal nimmt er die Mistgabel von der Schulter, gräbt und zieht einen Wattwurm aus dem dunklen Schlick-Sand-Gemisch. Ein bis zu 40 Zentimeter langer Meister des Filterns, der bei seiner Suche nach Algennahrung rund 25 Kilo Wattboden im Jahr durchlüftet. Seine Hinterlassenschaften sieht man bei Ebbe abermillionenfach. Von wegen, das Watt wäre eine Wüste.

Tipps von Klingelmann Knut Kloborg:

So muss ein Nordlicht aussehen: Knudt Kloborg ist der Klingelmann von Wyk auf Föhr, er kennt alle Neuigkeiten und Schmonzetten seiner Heimat. © Tilmann Grewe


Kunst zeigt das Museum der Westküste (MkdW) auf Föhr seit zehn Jahren. Zum Jubiläum gibt es bis 12. Januar 2020 zwei Ausstellungen: "Contemporary" mit Fotos von den Küsten der Nordsee-Anrainer Niederlande, Deutschland, Dänemark und Norwegen. Eine weitere Ausstellung heißt "Meisterwerke" mit Bildern der Norweger Johan Christian Clausen Dahl und Edvard Munch, von Piet Mondrian, Jan Toorop, Max Liebermann und Otto Mueller.

Eine Ortsführung der eigenen Art erleben Besucher mit Knudt Kloborg, dem Klingelmann von Wyk auf Föhr. Traditionell war der Klingelmann ein Ausrufer, der Ereignisse und Neuigkeiten im Ort verbreitete. Knudt Kloborg erzählt heute vor allem aus der Geschichte des Ortes. Und bei Marion Koziol im Dörfchen Oldsum speist man im Stil Wiener Salons in ihrem privaten Wohnzimmer und isst einfache friesische Gerichte. Sonntags gibt es Brunch mit mehreren Gängen.

Neben den Wattwanderungen von Rainhard Boyens auf seiner Heimatinsel Amrum gibt es noch naturkundliche Exkursionen bei Norddorf und bei Wittdün sowie eine exklusive Tour zur Seehundebank sechs Kilometer nördlich von Amrum.

Interessante Einblicke in die Vogelwelt des Watts gibt der Verein Jordsand. An dessen Vogelwärterhaus an der Nordspitze Amrums im Vogelschutzgebiet Odde findet immer vormittags um 10 Uhr eine kleine naturkundliche Führung statt mit Vortrag und Ausflug zur Aussichtsplattform.

Ein Muss ist der Abstecher auf den prägnanten Leuchtturm im Süden Amrums, einem der höchsten an der deutschen Nordseeküste. Das 1875 in Betrieb genommene Leuchtfeuer gehört zu den Kulturdenkmalen der Gemeinde Nebel. Nach 295 Stufen erlebt man einen fantastischen Rundblick über die Insel und weit hinaus auf Meer und Küste.

Mehr Informationen:
Nordseetourismus
www.nordseetourismus.de
die die Reise unterstützten.
Anreise:
Mit dem Auto 830 Kilometer über A9 von Nürnberg nach Dagebüll. Zug rund acht Stunden mit Umstieg. Von Dagebüll mit Fähre nach Föhr oder Amrum.
Luxuriös wohnen Föhr:
Upstalsboom Wellness Resort Südstrand
www.resort-suedstrand-foehr.de
Günstig wohnen Amrum:
Jugendherberge Wittdün
www.wittduen.jugendherberge.de
Beste Reisezeit:
ganzjährig.

 

TILMANN GREWE

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