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Eiskalt überleben im Schwarzwald

Ein paar Wackere schlagen sich an den frostigsten Tagen im Freien durch - 24.03.2018 08:00 Uhr

Das Wichtigste ist: Ein Lager bauen, mit einem Feuer in der Mitte.

13.03.2018 © Christina Merkel


Jetzt müssen sich alle einen Platz für die Nacht suchen. "Es ist wichtig, dass das Lager windgeschützt und die Feuerstelle in der Mitte ist, damit es Wärme abstrahlt", sagt Nell. Außerdem soll der Untergrund eben und ohne Wurzeln sein, und in den Bäumen darf kein brüchiges Holz hängen, dass bei Wind herunterfallen könnte. Nell war 20 Jahre Fallschirmjäger bei der Bundeswehr. Er hat schon viele Nächte draußen verbracht und weiß, worauf es ankommt. Deshalb bietet er das "Winter-Survival-Training" an. "Im Sommer kann ja jeder draußen übernachten."

Es ist ein Gedankenspiel: "Wir sind auf einer Expedition am Nördlichen Polarkreis unterwegs", erzählt Nell. "Plötzlich hat unser Fahrzeug einen Motorschaden und wir müssen uns zu Fuß zurück in die Zivilisation durchschlagen." Die Teilnehmer wissen, wo sie sind und wo sie hinwollen, doch den Weg dorthin weisen weder GPS-Signal noch Navigationsgerät, sondern Karte und Kompass. Die Proviantkiste aus dem Fahrzeug müssen die Expeditionsteilnehmer ab jetzt tragen und die Kletterausrüstung an ihren Rucksäcken befestigen.

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Überleben im Schwarzwald

Am kältesten Wochenende des Jahres verkriechen sich viele daheim. Sie legen sich mit Wärmflasche ins Bett oder gehen in die Sauna. Manche aber übernachten im Wald. Beim Winter-Survival-Training im Schwarzwald lernen sie, sich bei diesen Temperaturen im Freien durchzuschlagen.


Dann ziehen sie los, im Schnee durch den Wald. In Wirklichkeit sind sie auf dem Eisberg im nördlichen Schwarzwald unterwegs, südlich von Stuttgart und Karlsruhe, 560 Meter über dem Meeresspiegel. Und es ist prompt das kälteste Wochenende des Jahres. "Deutschland bibbert" und "Sibirische Kältewelle hat Europa fest im Griff", schreiben die Zeitungen. Da fühlt es sich auch im Schwarzwald für heizungsverwöhnte Städter schnell an wie in der Arktis. "Viele wollen sich heute wieder auf das Wesentliche besinnen, zurück zur Natur oder einfach ein Abenteuer erleben", sagt Nell.

Top-Manager buchen sein Survival-Training, aber auch Kumpels beim Junggesellenabschied. Da gibt es dann abends am Lagerfeuer auch Bier, sonst aber nicht: "Alkohol weitet die Blutgefäße, der Blutdruck sinkt und dadurch kühlt man schneller aus", erklärt der Profi. Es ist ihm ernst. Nell will keine Survival-Show veranstalten. Niemand muss durch den Dreck robben oder Insekten essen. "Wenn es wirklich ums Überleben geht, verschwindet sowieso jede Hemmung, da bringt es nichts, das ohne Not zu tun." Stattdessen lernen die Teilnehmer, wie sie sich mit Karte und Kompass in unbekanntem Gelände orientieren und wie wichtig es ist, Augen und Ohren offen zu halten: Birkenrinde enthält viel Öl und trockenes Gras raschelt beim Darübergehen. Beide Materialien sind gut geeignet, um Feuer zu schüren.

Dieter Nell ist 62 Jahre alt, groß und kräftig. Er war in der Eisberg-Kaserne in Nagold stationiert, die vor 20 Jahren geschlossen wurde. Nun betreibt er einen Hochseilgarten. Soldaten kommen dorthin, um zu trainieren. Er bietet auch Team-Building-Kurse, Kindergeburtstage - und im Winter eben das Survival-Training an. Zwischen sieben und zehn Leute sind meistens dabei, ab 16 Jahre. "Man muss nicht schon als Kind alles erleben", sagt Nell. Auf seiner Internetseite verrät er nichts über das Programm. Er informiert sich vorher über die Teilnehmer und passt das Abenteuer entsprechend an.

Rückwärts an die Kante treten

Vieles soll eine Überraschung sein. Zum Beispiel, dass der kürzeste Weg durch den Wald manchmal eine zehn Meter hohe Felswand hinunter führt. Von oben ist ihr Ende nicht zu sehen. Einer nach dem anderen muss rückwärts an die Kante treten und sich abseilen. Unten warten ein Lagerfeuer, Brot und geräucherte Würste zur Belohnung. Abgebrochen hat das Training noch keiner. "Wir unterstützen die Leute so, dass es jeder schafft", sagt Nell.

Vorher schickt er ihnen eine Packliste zu: mehrere Schichten Kleidung, ein gutes Taschenmesser, Trinkbecher, Wasserflasche, Isomatte und Schlafsack stehen darauf. Kein Handy, kein Zelt. "Wir müssen rechtzeitig überlegen, wo wir unser Lager aufschlagen", sagt Nell um 15 Uhr. Ein Teil der Teilnehmer sorgt für Feuer und Abendessen, der andere baut die Schlafhütten. Zuerst entfernen sie dafür den Schnee vom Boden, schaffen faustdicke Äste für das Gerüst und dann jede Menge Fichten- und Kiefernzweige als Liegefläche und Dachabdichtung heran. "Lieber eine Stunde länger bauen und dafür fünf Stunden besser schlafen", rät Nell. "Eine Nacht übersteht zur Not jeder, aber es ist wichtig, auch gut zu schlafen, denn der Körper braucht Erholung, um am nächsten Tag weitermachen und der Kälte trotzen zu können."

Minus zwölf Grad ist es kalt, gefühlt sogar minus 19, als die Wandergruppe unter einem Dach aus Zweigen schläft.

13.03.2018 © Christina Merkel


Die Teilnehmer lernen auch, wie sie theoretisch Fallen für Hasen oder Eichhörnchen stellen könnten. Das ist in Deutschland aber nur im absoluten Notfall erlaubt. Ohne Jagdschein darf niemand jagen. Deswegen hat Nell zwei Hasen vom Metzger mitgebracht. Am Abend brutzeln sie an Stöcken über dem Lagerfeuer.

Die Nachtwache sorgt dafür, dass es nicht ausgeht, alle wechseln sich ab, während der Rest schläft. Nell empfiehlt, im Schlafsack alles bis auf die lange Unterwäsche auszuziehen und mit den Kleidungsstücken das untere Ende des Schlafsacks auszustopfen. So kann der Körper die Luft im Schlafsack besser aufwärmen und die Kleidung ist am nächsten Morgen nicht klamm. "Warme Füße sind am wichtigsten für einen guten Schlaf", erklärt der Experte. "Wer nachts an den Füßen friert, muss aufs Klo und damit raus aus dem Schlafsack, das sollte man bei diesen Temperaturen tunlichst vermeiden."

Gefühlt war es minus 19 Grad kalt

Am kältesten ist es morgens kurz vor Sonnenaufgang. Minus zwölf Grad sollen es gewesen sein, gefühlt minus 19, heißt es später. Um sechs Uhr sind die meisten schon wach und sitzen ums Lagerfeuer. Die Wache hat gute Dienste geleistet, es brennt noch. Dieter Nell brät Spiegeleier und Speckstreifen auf einer Schaufel über der Glut. "Man muss vorher den Lack entfernen, dann funktioniert das hervorragend." Dazu gibt es heißen Kaffee und Pfirsiche aus der Dose. Es schmeckt wie ein Festmahl.

Wenn es wirklich darauf ankäme, stünde nun der nächste Marsch an, wieder Brennmaterial sammeln, Essen machen, Lager bauen - und immer so weiter. "Der stärkste Muskel sitzt zwischen den Ohren", sagt Nell. "Und das ist unser Wille." Nach dem Frühstück müssen alle ihre mühsam gebauten Schlafstätten wieder abreißen. Nichts soll daran erinnern, dass hier jemand übernachtet hat. Die Äste werden wieder im Wald verteilt, die Feuerstelle aufgelöst, das Gepäck in den Rucksäcken verstaut und geschultert. Kurze Zeit später sind alle wieder zurück in der Zivilisation - sie haben überlebt

Mehr Informationen:
Tourismus GmbH Nördlicher Schwarzwald, www.mein-schwarzwald.de, die diese Reise unterstützt hat.

Therme Bad Teinach:
Nach 24 Stunden im Winterwald fühlt es sich großartig an, zum Auftauen im 39 Grad heißen „Feuerpool“ der Therme Bad Teinach zu versinken. In der Sauna lässt sich der Lagerfeuergeruch ausschwitzen. Das Außenbecken und der Whirlpool im Freien dampfen, während ringsherum Schnee liegt und die Sonne hinter den Hügeln des nördlichen Schwarzwaldes versinkt. Therme, Dampfbad und Schwarzwald-Sauna steht allen Gästen offen. Wer nach der Nacht im Wald im weichen Hotelbett übernachtet möchte, kann außerdem den Fitnessraum und Spa-Bereich mit Panorama- und extra Ladys-Sauna nutzen. Am Morgen wartet ein 20 Meter langes Frühstücksbuffett.

Wanderweg „Der Teinacher“:
Rund um das Teinachtal verläuft der neue Rundwanderweg „Der Teinacher“. 11,5 Kilometer führt die Strecke am Wald entlang mit Blick auf den Fluss, den gleichnamigen Mineralwasserbrunnen und sogar durchs Wasser hindurch. Der Deutsche Verein hat die Route als Premiumwanderweg ausgezeichnet, weil sie anspruchsvoll ist, landschaftlich abwechslungsreich und gut erschlossen. Im Abschnitt „Mathildenhöhe“ steigt der Wanderer 360 Felsstufen hinauf, die die Fürstin in den Stein hat schlagen lassen, um den Dorfbewohnern den Weg zu erleichtern. Von den Ästen herabhängenden Moos hat dem „Zauberwald“ seinen Namen gegeben. Die Burgruine Bad Zavelstein in unterwegs erst weit weg und dann ganz aus der Nähe zu sehen, bevor es ins Tal zum Ausgangspunkt zurück geht. Auch Abkürzungen und Einkehr sind unterwegs möglich.

Christina Merkel Hochschule & Wissenschaft E-Mail

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