Mittwoch, 13.11.2019

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El Gouna am Roten Meer: Nora und ihre Schwestern

In der ägyptischen Urlauber-Retortenstadt können sich Frauen frei entfalten - 27.04.2019 07:58 Uhr

Rania Kallas, Geschäftsführerin der Kelterei „Kourum of the Nile“ in el Gouna © Gudrun Bayer


Ob "Jardin du Nil" oder "Beausoleil d‘Egypte" – Rania Kallas liebt es, über ihren Wein zu reden. Über die jahrelangen Versuche, Reben zu züchten, die der ewigen Sonne und der Geröllwüste El Gounas trotzen. Über die langsame Annäherung an das Ziel, einen trinkbaren – also guten – ägyptischen Wein zu kreieren. Die 41-Jährige liebt es auch, Menschen durch die Kelterei "Kourum of the Nile" zu führen, die sie und ihr Mann leiten. In einem Land, in dem die meisten Einheimischen Alkohol aus Glaubensgründen ablehnen. Und damit auch die Menschen, die diesen Alkohol produzieren.

Mit ganzem Körpereinsatz erklärt Rania Kallas, wie ihr Wein und ihr Sekt hergestellt werden. Vor der Zentrifuge, in der der Sekt von der zum Gären nötigen Hefe getrennt wird, biegt und windet sie ihren Körper, als sei sie selbst die Flasche in der Zentrifuge. Sie zu fotografieren, fällt schwer: Nie hält sie still. Rania und ihr Mann Labib – Christen aus dem Libanon – übernahmen die Leitung der Kelterei 2005. Sie managt den Verkauf, er ist der Winzer. Die dreifache Mutter hat Marketing, Business und Finanzen studiert und in Bordeaux eine Ausbildung zur Sommelière gemacht.

Die Kelterei kann im bewachten El Gouna zwar existieren, aber kein Moslem will hier arbeiten; die Belegschaft besteht aus Kopten. Und wer Rania Kallas durch die Produktionsräume folgt, trifft dabei auch andere Frauen. In blauer Arbeitskleidung stehen sie neben ihren Kollegen an den Bändern, reinigen Flaschen oder füllen Wein ab. Die Chefin selbst trägt lieber ein ärmelloses Kleid mit kurzem Rock. Dazu einen grau-gefärbten Pagenkopf. Sie weiß, dass sie provoziert. Doch sie lächelt herausfordernd. "Ich lasse mir doch nicht vorschreiben, wie ich zu sein habe."

Kerstin Engels macht in El Gouna mit ihren Pferden die Träume von Reitern und Reiterinnen wahr. © privat


Sie hat es geschafft. Der Reitstall Habiba Horse von Kerstin Engels hat sich etabliert. Touristen und auch Einheimische haben das Angebot so angenommen, dass sie davon leben kann. Klar war das nicht, als die Marketing-Frau in Gießen vor einigen Jahren alles aufgab und ganz allein in die ägyptische Wüste zog. Doch ihre Seele verlangte einen Neuanfang. Also packte Engels ihr Erspartes, ihre Tierliebe und ihre Menschenliebe zusammen, pachtete ein Gelände am Rand von El Gouna und begann, verwahrloste ägyptische Pferde aufzukaufen, gesund zu pflegen und auszubilden.

So zerbrechlich die zierliche Frau mit den blauen Augen und den blonden Haaren wirkt, so widerstandsfähig ist sie doch. So liebevoll sie mit Tier und Mensch umgeht, so durchsetzungsfähig ist sie. Ihren Stall hat sie rosa getüncht – und beweist doch jeden Tag, dass sie kein Prinzesschen ist.

Ihre Herde wird immer größer. Denn auch wenn jedes neue Pferd erst einmal eine neue finanzielle Belastung ist, weil noch mehr Medikamente und noch mehr Futter angeschafft werden müssen – die 42-Jährige kann nicht wegschauen, wenn ihr wieder von einem Tier in Not berichtet wird. Längst gleicht der Hof einem kleinen Zoo: Zwei Dromedare, der alte Esel Shakira, das Muli Paula, die Katze Elsa, der Hund Emma . . . Wenn dann auch noch die Gäste in Gruppen ankommen, wenn die Nachbarinnen mit ihren Kindern auf einen längeren Sprung vorbeischauen, wenn die Mitarbeiter ausmisten, die Pferde satteln oder nach dem Ausritt mit kühlem Wasser abspritzen – dann herrscht ein ganz schönes Gewusel.

"Am wichtigsten ist es mir, dass die Tiere glücklich sind", sagt die Auswandererin. Dass dabei auch ihre Gäste glücklich werden, ist auf vielen Urlaubsfotos und durch die Einträge auf der Facebook-Seite von Habiba Horse zu sehen. Und jeden Tag live vor Ort. Kerstin Engels ist ein großes Wagnis eingegangen. Es hat sich gelohnt.

Nora Salem arbeitet für das ägyptische Tourismusministerium. © Gudrun Bayer


Es dauert nur ein paar Augenblicke, dann hat Nora Salem die Zuhörer für sich gewonnen. Dabei ist die 35-Jährige doch nur die Vertretung auf dieser Pressekonferenz, auf der es darum geht, wie sich der Tourismus aus dem deutschsprachigen Raum in El Gouna weiter entwickeln soll. In den vollen Kalender von Ägyptens Tourismusministerin Rania Al-Mashat hat dieser Termin nicht mehr hineingepasst. Also hat sie ihre Mitarbeiterin, deren Rang mit dem einer Staatssekretärin in Deutschland zu vergleichen ist, geschickt.

Nora Salem ist ein Fan ihrer Chefin. Sie ist überzeugt, dass sich deren ambitioniertes Tourismus-Strukturprogramm umsetzen lässt. Ein Programm, in dem von Nachhaltigkeit die Rede ist. Von Umweltverträglichkeit. Von Digitalisierung. Und davon, wie wichtig es ist, die Frauen im ägyptischen Tourismus sichtbarer zu machen. Sie zu stärken. Deren oft strenggläubige Männer schätzen es nämlich nicht unbedingt, wenn sie den leicht bekleideten, alkoholtrinkenden Urlaubern zu nahe kommen. Lieber arbeiten die Männer selbst als Roomboys, machen Hotelzimmer und Kreuzfahrtschiff-Kabinen sauber.

"Wenn wir die Welt besser machen wollen, müssen wir die Frauen mitnehmen", sagt Nora Salem. Sie selbst ist in Ägypten geboren, hat aber in Deutschland Jura studiert und ihre Doktorarbeit über den Umgang ihres Heimatlandes mit der UN-Frauenrechtskonvention geschrieben.

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Für den Urlaub erschaffen: El Gouna

Eine Stadt in Privatbesitz? In Ägypten geht das. Samih Sawiris hat El Gouna auf einem Landstreifen zwischen dem ostägyptischen Bergmassiv und dem Roten Meer vor 30 Jahren gegründet. Der Beginn einer Erfolgsgeschichte. El Gouna steht für Sonne, Meer, Entspannung, Spaß - für ältere, aber auch jüngere Urlauber, die gerne mal die ein oder andere Sportart ausprobieren wollen.


Plötzlich schießen Roula Jouny die Tränen in die Augen. "Das ist wirklich meine Herzenssache", sagt die 43-Jährige, während auf der Leinwand ein Video zu sehen ist, in dem ägyptische Näherinnen selbstbewusst erzählen, wie die Arbeit ihr Leben verändert hat. Wie es ihnen, die alle schon Erfahrungen mit häuslicher Gewalt gemacht haben, von denen viele geschieden oder verwitwet sind, gelingt, ihre Familie zu ernähren.

Malaika heißt eine Fabrik, in der Artikel aus hochwertiger ägyptischer Baumwolle hergestellt werden. Alles wird in Handarbeit gefertigt, die Mitarbeiterinnen kommen aus schwierigen sozialen Verhältnissen. © Gudrun Bayer


Roula Jouny, gebürtige Libanesin, gehört der Geschäftsführung des Tourismuskonzerns FTI an, verantwortet dort die Hotelsparte. Knallhart kalkulieren und strategisch handeln muss sie da, Schwäche zeigen ist nicht drin. Doch jetzt, da das Video über die Firma Malaika und ihre Näherinnen zum ersten Mal öffentlich vorgeführt wird, packt sie die Ergriffenheit. "Ich bin so stolz auf dieses Projekt", sagt sie.

Gegründet wurde Malaika schon 2004 von zwei Ecuadoranerinnen. Gefertigt wird von mittlerweile über 60 Mitarbeiterinnen in Kairo. Aus hochwertiger – und teurer – ägyptischer Baumwolle entstehen edle Bettüberzüge, flauschige Handtücher, moderne Tischdecken oder Schals, witzige Taschen. Viele der Textilien werden in Handarbeit bestickt und veredelt. Obwohl Malaika ein soziales Projekt ist, können die Produkte international bestehen. Die Bettwäsche wird zum Beispiel überwiegend nach Japan verkauft. Aber auch FTI stattet einige seiner Hotels damit aus.

Im frisch renovierten Ägyptischen Haus von El Gouna hat Malaika einen Showroom eingerichtet. Das Video, das zur Einweihung produziert wurde, zeigt eindrucksvoll die Firmen-Hintergründe. Und rührt nicht nur Roula Jouny zu Tränen.

Mehr Informationen:
Reiseveranstalter FTI
www.fti.de, der diese Reise unterstützt hat.
Anreise:
Direktflüge nach Hurghada von zahlreichen deutschen Flughäfen aus, auch von Nürnberg. Dauer 3,5 Stunden. Von dort 40 Kilometer (etwa eine Stunde) mit dem Bus nach El Gouna.
Günstig wohnen:
Turtle´s Inn
Kleines Hotel am abends sehr lebhaften Yachthafen.
www.hotels.elgouna.com/de/turtles-inn/
Luxuriös wohnen:
La Maison Bleu
Boutique Hotel etwas außerhalb mit eigenem Sandstrand, nur elf Suiten
www.lamaison-bleue.com
Beste Reisezeit:
Das ganze Jahr über, im Juli und August allerdings sehr heiß. Visum bekommt man am Flughafen.

 

 

Einen weiteren Artikel und
viele Bilder finden Sie unter
www.nordbayern.de/reise

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