Passionsspiele 2022 sollen stattfinden

Endlich geht´s wieder los: In Oberammergau üben die bärtigen Männer

Motiv: Portrait - Carola Scherbel  Foto: Martin Regner, gesp.29.08.2019
Carola Scherbel

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25.11.2021, 11:02 Uhr
Regisseur Christian Stückl treibt die Oberammergauer - alle sind Laiendarsteller - auf der Bühne zu Bestleistungen an. Nach der Corona-Absage 2020 starten die Proben für 2022 jetzt wieder.

Regisseur Christian Stückl treibt die Oberammergauer - alle sind Laiendarsteller - auf der Bühne zu Bestleistungen an. Nach der Corona-Absage 2020 starten die Proben für 2022 jetzt wieder. © Carola Scherbel, ARC

Es ist Passion? Es war Passion. Und es wird wieder Passion sein, hofft man in Oberammergau. Die Proben für das Passionsspiel 2020 mussten erst ausgesetzt werden, dann wurde das Spiel für 2020 endgültig gecancelt. Jetzt konzentriert sich alles auf den Neustart.

Am 14. Mai ist Premiere, zum 42. Mal, seit die Oberammergauer vor fast 400 Jahren gelobt haben, das Leiden Christi aufzuführen, damit sie von der Pest verschont bleiben. Das halbe Dorf spielt mit bei 103 Aufführungen bis 2. Oktober, von der Garderobiere und dem Bühnentechniker bis zu 21 doppelt besetzten Hauptrollen.

Die Schneiderei der Festspiele.

Die Schneiderei der Festspiele. © Carola Scherbel/Andreas Stückl

Alle bis auf eine Hauptrolle sind auch im Wiederanlauf doppelt besetzt. Ein Apostel kann heuer nicht mehr mitspielen, er macht eine Ausbildung. Und längst gilt auch wieder die eiserne Regel: Schon ein Jahr vor Beginn des Spiels dürfen sich die Männer weder Bart noch Haare schneiden lassen.

Manche Regeln gelten seit dem Gelübde vor fast 400 Jahren, als die Oberammergauer – ausgerechnet nach dem Sieg über die Pest – das erste Passionsspiel aufführten. Manche sind aber gottlob ans moderne Leben angeglichen worden: Die Frauen müssen inzwischen nicht mehr unter 35 Jahre und unverheiratet sein.

Frauen haben ein "Mitwirkungsrecht"

Aber sie müssen seit mindestens 20 Jahren in Oberammergau wohnen oder hier geboren sein, dann gibt es ein „Mitwirkungsrecht“. Und von denen, die dieses Recht haben, legen die meisten auch Wert darauf. „Wir wachsen damit auf“, sagt Frederic Mayet, der zum zweiten Mal den Jesus spielt, diesmal mit 41. In Oberammergau rechne man in Dekaden: Heirat nach der 2000er, Geburt des Kindes nach der 2010er...

Und 2020? Die Absage war erstmal ein Schock, erinnert sich Mayet. Die Passion findet ja nur alle zehn Jahre statt… „Es hat uns den Boden unter den Füßen weggezogen.“ Aus Trotz hat Mayet sich nach dem pandemiebedingten Abbruch die Haare nicht schneiden lassen. Geholfen hat es nicht. Außerdem war da die Erinnerung, dass das Spiel vor genau 100 Jahren schon einmal verschoben wurde. Von 1920 auf 1922. Wegen der Folgen des Weltkriegs – und wegen der Spanischen Grippe.

Aber jetzt gibt es Hoffnung auf 2022. In der Schneiderei wird schon wieder anprobiert, „ob nicht doch das ein oder andere Corona-Kilo dazugekommen ist“. Und in der Schreinerei wird geprüft, ob alle Bühnenbilder noch in Schuss sind. Für manche Darsteller ist tatsächlich alles neu, wenn die Proben Anfang Januar wieder starten: Denn rund 150 Mitspieler aus Chor und „Volk“ sind infolge der Verschiebung abgesprungen, dafür kamen 80 neue dazu.

So viel hat sich verändert

Eine Neuerung gibt es, die aber schon für 2020 geplant war: Erstmals spielt ein Muslim den Judas. Christian Stückl, selbst Oberammergauer und zum vierten Mal Spielleiter, hat immer wieder was verändert. Obwohl die Geschichte gleich bleibt und auch 400 Jahre nach dem Pestgelübde nicht anders ausgeht als mit der Kreuzigung und Auferstehung Christi, wandelt sich mit den Jahren doch vieles. So viel, dass der Spielleiter nicht immer unumstritten war. Einmal, vor der Passion 2000, musste sogar ein Bürgerentscheid helfen, um ihn erneut zum Regisseur zu machen.

Unter seiner Führung (und der von Bühnenbildner Stefan Hageneier und Markus Zwink als musikalischem Leiter) wurde das Bühnenbild verändert, die Musik erneuert, Textpassagen mit antisemitischen Anklängen verbannt. Die Anfangszeit wurde vom Vor- auf den Nachmittag verlegt, und erstmals finden Jugendtage mit Probenvorführungen zu günstigen Preisen für Jugendliche statt. Viele Hauptrollen werden von einem älteren und einem deutlich jüngeren gespielt. Und diesmal spielt einen der zwei Judasse eben ein Muslim.

Auch eine Provokation – wie so viele der Veränderungen? Nein, sondern ganz selbstverständlich, sagt Cengiz Görür. Er stammt aus Oberammergau, wie die anderen Mitwirkenden auch, sein Vater hat ein Hotel im Ort, und Christian Stückl hat den jungen Cengiz schon bei den Theaterstücken der Kultursommer (zwischen den Passions-Jahren) als talentierten Schauspieler erlebt.

Große Bühne: Nach der coronabedingten Absage 2020 können die Vorbereitungen für die Passionsspiele in Oberammergau wieder starten.

Große Bühne: Nach der coronabedingten Absage 2020 können die Vorbereitungen für die Passionsspiele in Oberammergau wieder starten. © Carola Scherbel/Andreas Stückl

Also stand der Name von Cengiz plötzlich auf der „Tafel“, auf der mit Kreide und in Schönschrift bekanntgegeben wird, wer welche Rolle spielt. Auch die des jungen Anton Preisinger stand diesmal drauf. Mit „Johannes“ hat er eine der Hauptrollen erwischt – und verkörpert sie begeistert. Denn schon als kleines Kind habe er „die Kutte vom Papa angezogen und den Text vom Judas rezitiert“.

Papa ist auch Hotelier im Ort und spielt schon zum sechsten Mal mit – diesmal als Pilatus, der sich den Bart abrasieren darf. Und jetzt steht der 23-jährige Anton junior als Apostel auf der Bühne, auch wenn der Bart noch nicht recht wachsen will. „Macht nix, Johannes ist schließlich der jüngste Jünger“.

Ein halbes Jahr proben, fünfmal die Woche

Nicht nur die Sache mit dem Bart nehmen die Oberammergauer ernst. Wenn wieder Passionsjahr ist, heißt das auch: ein halbes Jahr proben. Also die antreibenden Rufe von Christian Stückl umsetzen in schauspielerische „Passion“. Wenn Stückl auf der Bühne zu Judas rennt und neben ihm dessen Text proklamiert, dann heißt es: Hinschauen, reinfühlen, umsetzen, in der Rolle leben.

Und dann ein halbes Jahr spielen – fünf Mal pro Woche. Gut, dass nicht mehr vormittags gespielt wird, sondern erst ab 14.30 Uhr, auch eine Veränderung unter Stückls Regie. Barbara Schuster, die die Maria Magdalena ist, arbeitet im bürgerlichen Leben als Betriebswirtin in München.

Zum Glück nur Teilzeit, so dass sie sich die Proben und Spielzeiten freihalten kann. „Längst nicht mehr jeder Arbeitgeber hat Verständnis dafür.“ Viele würden die Passionsspiele gar nicht mehr kennen, hat sie festgestellt.

Den Oberammergauern selbst aber ist ihre Passion immer noch „heilig“, und sie ordnen ihr alles andere unter. „Sie gehört einfach zum Leben und strukturiert es“, sagt Frederik Mayet. Selbst wenn man längst woanders arbeitet, kommt man nach zehn Jahren zurück und spielt wieder mit. „Die Botschaft ist aktueller denn je.“ Aber, so sagt Martin Schuster, der den anderen Judas spielt: „Wir leben leider nicht danach, damals nicht und heute nicht.“

Infos zu Tickets und Arrangements

Die Passionsspiele Oberammergau 2022 bieten vom 14. Mai bis zum 2. Oktober 103 Aufführungen an. Montags und mittwochs ist spielfrei. Es stehen Einzelkarten zwischen 30 und 180 Euro sowie Arrangements mit einer (ab 264 Euro pro Person im Doppelzimmer) oder zwei (ab 364 Euro pro Person im Doppelzimmer) Übernachtungen in verschiedenen Hotelkategorien und mit unterschiedlichen Ticketkategorien zur Auswahl. Unter www.passionsspiele-oberammergau.de bzw. telefonisch unter +49 (0) 8822 835 93 30, können sich Interessierte ihr persönliches Ticket- und Hotel-Arrangement buchen.

Jugendtage

Vor den eigentlichen Oberammergauer Passionsspielen finden „Jugendtage“ statt: Am 7. und 8. Mai sind Jugendliche (von 16 bis 28 Jahren) eingeladen, die Hauptproben zu günstigen Preisen (für 8, 16 oder 24 Euro) anzusehen. Spielleiter Christian Stückl, selbst aus Oberammergau und bereits zum vierten Mal Leiter der Passionsspiele, wendet sich mit dem Projekt an alle Konfessionen und Nationalitäten. Der Austausch zwischen Kulturen und Konfessionen soll damit gefördert werden. Die Jugendlichen zwischen 16 und 28 Jahren können günstig in Gemeinschafts- oder Privatunterkünften übernachten, für Hotels gibt es im Rahmen von Arrangements günstige Konditionen. Buchbar sind Karten unter www.jugendtage-passionsspiele.de

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