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Ferien an der Nordsee: Gleich kommt die Touristenflut

Im niedersächsischen Wattenmeer hat man sich leidlich mit Corona arrangiert - 18.07.2020 07:37 Uhr

Auf der ostfriesischen Insel Spiekeroog geht es derzeit noch geruhsam zu, doch nun beginnt die Haupt-Sommersaison. Und heuer wollen mehr Touristen an die deutsche Küste als üblich.

© Sina Schuldt/dpa


Das Wasser verschwindet zuverlässig zu den angegebenen Uhrzeiten und gibt das unter strengem Schutz stehende Wattenmeer frei. Und mittlerweile dürfen die Watt-Führer auch wieder bis zu 50 Teilnehmer mitnehmen und ihnen Wattwürmer, Schnecken und Krebse vorführen.

Immerhin ist das "Niedersächsische Wattenmeer" zweitgrößter Nationalpark in Deutschland. Neuharlingersiel war gerade der erste Fremdenverkehrsort an der norddeutschen Nordseeküste, der auch seine Bade- und Saunalandschaft (mit Ausnahme des Dampfbades) wieder geöffnet hat.

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Auch eine steife Brise kann uns nicht davon abhalten, mit Wattführer Rainhard Boyens durch den Schlick zu stapfen. Ein kleines Abenteuer mit schmatzendem Schlick unter den Füßen.


Aber so einfach nach Lust und Laune reinspazieren oder teilnehmen ist erst mal nicht möglich: Man muss vieles vorbuchen und reservieren, es wird genau abgezählt, wie viele Personen sich etwa im Schwimmbecken aufhalten. Die Grenze liegt derzeit in Neuharlingersiel bei exakt 23. Für die Kinder war bisher coronabedingt wenig geboten. Dieser Tage startet der Kurverein Neuharlingersiel ein erstes Experiment mit einem Kinderprogramm. Da die Betreuer sich den Kleinen aber nicht nähern dürfen, müssen die Eltern in (telefonischer) Rufweite bleiben.

"Heute nichts erlebt. Auch schön", heißt es auf einer Tafel in einem Geschäft der Insel Spiekeroog. Ein wenig von dieser Einstellung sollte mitbringen, wer in diesen Wochen Urlaub an der Nordseeküste macht. Viele Veranstaltungen fallen aus, und auch bei den bereits geöffneten Attraktionen muss man wegen des Abstandsgebots Wartezeiten einkalkulieren. Im kleinen Buddelschiff-Museum beispielsweise dürfen sich maximal nur vier Personen aufhalten. Anfang Juli gab es vor Restaurants kaum Warteschlangen, aber das dürfte sich ändern, wenn die Sommerferien dieser Tage ihren Höhepunkt erreichen.

Ferienapartements und Camping mit Selbstversorgung

Die großen Campingplätze der auf -siel endenden Orte an der Küste füllten sich seit Ende Juni rasant, auch die Hotelbetten und vor allem die zahlreichen Ferienwohnungen. Urlaub an der Nordseeküste spielt sich in vielen Fällen in Ferienapartments mit Selbstversorgung ab. Der Kurverein Neuharlingersiel registriert deutlich mehr Urlauber, die sich sonst an der Costa Brava, auf den griechischen Inseln oder an der türkischen Mittelmeerküste getummelt hätten. Auch wenn das teilweise wieder möglich ist, bevorzugt vor allem das ältere Klientel Ziele im eigenen Lande, wo man im Falle eines Falles nicht fern der Heimat in Quarantäne gesperrt oder gar in einem Krankenhaus behandelt wird.

Doch der leichte Boom kann die Einbußen des Lockdowns nicht wettmachen. Gerade im Frühjahr, als das Wetter im Harlinger Land besonders schön war, zeigten sich die Häfen verwaist, die Inselfähren eingemottet und die Gaststätten geschlossen. "Mir blutete das Herz", sagt Susanne Mäntele vom Kurverein. Die 140.000 Gästeankünfte und 850.000 Übernachtungen, die das einstige Fischerdorf Neuharlingersiel mit seinen knapp 1000 Einwohnern und seinen noch sieben Fischern 2019 verzeichnete, werden in diesem Jahr nicht annähernd erreicht.

Bitte Abstand halten gilt auch bei Kutterfahrten mit der kleinen Gorch Fock im Hafen von Neuharlingersiel.

© imago/Udo Gottschalk


In anderen Fremdenverkehrsorten sieht es ähnlich aus. Während die Zimmervermieter und Hoteliers sich jetzt wenigstens wieder über steigende Buchungszahlen freuen, müssen die Gaststätten- und Kneipenbetreiber trotz beachtlicher Nachfrage mit geringeren Umsätzen auskommen, weil sie wegen der Abstandsgebote nur einen Teil der sonst üblichen Gäste bewirten können.

Das ist der klassische Nährboden für steigende Preise, die 2021 voll durchschlagen dürften. Schon jetzt ist die ostfriesische Küste trotz der überwiegend bürgerlichen Gäste nicht gerade ein Niedrigpreisgebiet. Und außer für Kost und Logis wird auch gerne weiter abkassiert – bei den Parkgebühren sowieso, aber auch beim Betreten des Strandes. Von dem verfassungsrechtlich verbrieften freien Betretungsrecht der Natur kann nämlich an Niedersachsens Küste keine Rede sein.

Den Strand bis ins Meer eingezäunt

Recht toll treibt es zum Beispiel Bensersiel, das seinen Strand hermetisch bis ins Meer hinein eingezäunt hat. Einfach so mal am Strand spazieren gehen, kostet drei Euro, wenn man nicht im Besitz einer Gästekarte ist. Ein Skandal, der die Gerichte im nördlichen Bundesland schon seit Jahren beschäftigt, aber offenbar nicht abzuschaffen ist.

Begründung: Die Strände gehören dem Land Niedersachsen und die Gemeinde müssen für die Nutzung zahlen. Die wiederum wollen sich das Geld von den Gästen wiederholen. Die Urlaubsstimmung verbessern eingezäunte Küstenabschnitte gleichwohl nicht, aber – so titelte eine große Zeitung: "Wir Deutschen lassen uns am Meer einfach alles bieten".

Wenig ist hier umsonst: Am Automaten bezahlt man die Strandgebühr für Tagesgäste.

© imago/Udo Gottschalk


Eine Ausnahme macht Neuharlingersiel mit einer mehr als pragmatischen Regelung. Dort kostet die Strandbenutzung (ohne Strandkorb selbstverständlich) zwar auch etwas, aber der Strand ist nicht abgesperrt, und nach herumstreifenden Strandschaffnern hielten wir vergebens Ausschau. Schön ist dieser Strand mit seinem Betonstreifen allerdings nicht besonders. Wer einen großartigen und prächtigen Strand sucht, ist vor allem auf Spiekeroog mit kilometerlangen Küstensäumen besser bedient.

Die Betretungsgebühr für die Inselstrände wird nicht bei einem Kassenhäuschen, sondern diskret mit dem Fährticket eingesammelt, so dass sie die Laune nicht sonderlich beeinträchtigt.

Mehr Informationen:
Kurverein Neuharlingersiel
www.neuharlingersiel.de
Anreise:
Mit dem Auto 662 Kilometer ab Nürnberg in rund sieben Stunden. Mit dem Zug ab Nürnberg zwei bis vier Mal umsteigen, letzte Etappe mit dem Bus, knapp sieben Stunden Reisezeit.
Tagesausflüge zu den Inseln sind seit Kurzem wieder möglich, Vorbuchung empfohlen wegen reduzierter Passagierzahlen.
Beste Reisezeit:
Ganzjährig. Im Winterhalbjahr entfaltet die Nordseeküste für immer mehr Urlauber besonderen Reiz. Gut belegt sind die Unterkünfte außer in den Sommerferien auch an Ostern und Pfingsten. Badezeit ist Juni bis August, die Temperaturen können auch im Hochsommer tagsüber unter die 15-Grad-Marke fallen. Die Meerwassertemperatur geht selten über 19 Grad hinaus.

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